Gewollt Kinderlos

Ob mit Kindern oder ohne: Es gibt keinen richtigen Weg, Frau zu sein

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Selbstbestimmung statt Gebärzwang: Kämpferisches Plakat bei einer Frauentagsdemo in Berlin.
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FR-Politikredakteurin Sereina Donatsch hat sich dagegen entschieden, Kinder zu bekommen. In ihrem streitbaren Essay erklärt sie, warum.

Die Mutter aller Fragen: Warum will ich keine Kinder? Immer wieder wurde ich darauf angesprochen. In meinem Freundeskreis, in meiner Familie, am Arbeitsplatz oder bei einem Arzttermin. Ab einem gewissen Alter scheint uns Frauen die Gebärmutter nicht mehr alleine zu gehören. Seit kurzem nehme ich den Fragenden den Wind aus den Segeln und drehe den Spieß um: Warum willst Du Kinder? Und würdest Du einem Mann diese Frage stellen?

Nicht Mutter zu sein ist politisch. Deshalb meint alle Welt, mitreden zu können. Willentlich auf die Mutterschaft zu verzichten sorgt für Irritation. Der Frau wird unterstellt, dass sie ohne Kinder nicht glücklich sein kann. Zu einer vollständigen Weiblichkeit gehöre nun mal die Mutterschaft: jene unverzichtbare weibliche Erfahrung, die über allen anderen steht. Eine Frau ohne Kinderwunsch stört, verstört und ist gestört. Im besten Fall erweckt sie Misstrauen.

Und zwar in so einem Ausmaß, dass die Frage nach Kindern von Fragenden nicht mal als übergriffig gesehen wird. Ich soll mich rechtfertigen, intime Fragen beantworten, obwohl mein Sexualleben und meine Reproduktion eigentlich niemanden etwas angehen. Nur weil sich die Frage prinzipiell beantworten lässt, bedeutet das nicht, dass ich sie beantworten oder mir überhaupt gefallen lassen muss.

„Du wirst es bereuen, keine Kinder zu haben“

Außerdem scheint keine Antwort auf die Frage, „warum ich keine Kinder haben möchte“, zufriedenstellend zu sein. „Du wirst es bereuen, keine Kinder zu haben“, ist ein Kassandraruf, der lange in meinen Gedanken nachhallte. Diesen Satz habe ich so oft gehört, dass ich tatsächlich meine Entscheidung zum Nichtmuttersein angezweifelt habe. Dabei wusste ich schon früh, dass sich die Vorstellung, Mutter zu sein, falsch anfühlte. Zudem schließt dieses Verdikt schlicht aus, dass Mütter reumütig sein könnten. Ein anderes Tabu, das die israelische Autorin Orna Donath in ihrem Buch „#regretting motherhood“ sondergleichen bricht.

Manche Frauen bereuen es, Mutter geworden zu sein. Sie sind desillusioniert und unglücklich. Sie fühlen sich von der Gesellschaft mit dieser Verantwortung alleingelassen. Trotz aller Fortschritte in Sachen Frauenrechten sind es überwiegend Frauen, die aussetzen, wenn ein Kleinkind da ist. Sie nehmen meistens frei, wenn es krank ist. Oft sind sie es, die hetzen müssen, weil es an Hunderttausenden von Kita-Plätzen mangelt.

Trotz dieser Herausforderungen ist es „hip“, Kinder zu haben. Die Hausfrau ist zwar nicht total „out“, aber „in“ ist heute die attraktive Mutter, die berufstätig und idealerweise auch erfolgreich ist. Es scheint jedoch so, als ob nach der Geburt eine Retraditionalisierung stattfinden würde. Die emanzipierte Frau wird von vermeintlich alten Rollenmustern eingeholt. Die Wucht des „Biologischen“ zertrampelt alles.

„Sich um ein Kind zu kümmern, ist Arbeit, die finanziell vom Staat entlohnt werden muss“

Ich leugne nicht die biologischen Unterschiede. Nur darf die Gebärfähigkeit nicht dazu missbraucht werden, Frauen zu unterdrücken und eine ungleiche Aufgabenverteilung zu rechtfertigen. Mit dem Mythos der naturgegebenen, bedingungslosen Mutterliebe muss endlich aufgeräumt werden. Sich um ein Kind zu kümmern ist Arbeit, die finanziell vom Staat entlohnt werden sollte. Nur so versteht auch die Öffentlichkeit, dass Kinderbetreuung echte Arbeit ist. Zum Glück wurde in Deutschland 2022 der Begriff Mutterschaftsurlaub durch eine geschlechtsneutrale Elternzeit ersetzt. Immerhin.

Die Mutterschaft bringt Frauen in eine Zwickmühle. „Kriegt Kinder, das ist großartig, ihr fühlt euch mehr als Frau und erfüllter denn je, aber kriegt sie in einer kollabierenden Gesellschaft, in der die Lohnarbeit Bedingung für das soziale Überleben ist, aber für niemanden garantiert ist, erst recht nicht für Frauen“, schreibt die französische Feministin Virginie Despentes in ihrem Essay „King Kong Theorie“. Da ist was dran.

Kinder unter anständigen Bedingungen großzuziehen, wird fast unmöglich. Hauptsache die Frauen fühlen sich als Versagerinnen, schreibt die Schriftstellerin weiter. Wenn es Probleme mit den Kindern gibt, wird oft nur den Müttern die Schuld zugewiesen. Das hatte bereits die französische Philosophin Simone de Beauvoir in „Das andere Geschlecht“ 1949 angeprangert. Was auch immer Mütter tun, man muss beweisen, dass sie es falsch machen, so die Feministin. In der Erziehung, in der Partnerschaft, im Haushalt: Die Ansprüche sind enorm. Wenn ein Kind in der Schule nicht gut abschneidet, wird die Schuld dafür auf die Eltern geschoben. Und da in unserer Gesellschaft häufig die Mütter den Großteil der Erziehungsarbeit übernehmen, werden sie schnell zu Sündenziegen für die Schwierigkeiten ihrer Kinder gemacht. Hohe Erwartungen auf der einen Seite und unzureichende wirtschaftliche und praktische Unterstützung auf der anderen.

Entbindungen als Gewalterfahrungen für Frauen

Wenn unser patriarchalisches und kapitalistisches System unsere Mütter gerechter behandeln würde, hätte ich vielleicht welche bekommen. Für mich kann die Frage der Kinderlosigkeit nicht beantwortet werden, ohne die Frage der Mutterschaft zu thematisieren. Auch im Bereich Schwangerschaft und Geburt bin ich der Auffassung, dass einige Tabus gebrochen werden müssen.

Es ist mir diesbezüglich gelungen, meinen Freundinnen die Zunge zu lösen. Und was sie über den Ablauf in den Kreißsälen beschreiben, ist erschreckend. Für die meisten von ihnen war die Geburt eine Gewalterfahrung. Manche wurden festgehalten, grob behandelt, konnten ihre Geburtsposition nicht selbst wählen, wurden angeschrien oder aufgefordert, sich doch nicht so anzustellen. Und sie sind keine Einzelfälle. Laut dem Verein „Mother Hood“, sind in Deutschland Schätzungen zufolge rund 20 bis 45 Prozent der Gebärenden betroffen. In den vergangenen Jahren ist das Thema Gewalt während der Geburt immer mehr in die Öffentlichkeit geraten. Ein neues #MeeToo? Tatsächlich waren bislang Schwangerschaft und Geburt eher Gegenstand der Männerforschung. Wenn Cis-Männer entbinden würden, wäre eine Geburt bestimmt nicht so traumatisierend und schmerzhaft.

Heute genieße ich meine Freiheit ohne Kinder und bin der Ansicht, dass weniger Geburten dem Planeten nicht schaden. Zudem kann ich mich aktiv für unsere Gesellschaft engagieren. Eltern haben oft gar keine Zeit, sich um andere Dinge zu kümmern als um ihre Arbeit und Kinder. Ich kann mich auch als Tante und Patin stärker einbringen.

Der soziale Druck auf Frauen, Mütter zu werden, ist hoch

Und doch bin ich egoistisch. Auch noch ein Attribut, das einer kinderfreien Frau zugesprochen wird. Wenn alle so handeln würden wie ich, würde die Menschheit aussterben. Oder: Wer soll die Rente bezahlen? Echt jetzt? Muss ich jetzt für das Versagen der Bundesregierung die Verantwortung übernehmen? Und nein, die Menschheit wird nicht aussterben. Es wird immer Personen geben, die Eltern sein wollen. Und das ist gut so. Ich bin keine Antinatalistin, aber auch keine Reproduktionsmaschine, die sich einer gesellschaftlichen Norm beugt.

Als Außenseiterin hat man es aber auch schwer. Viele Frauen sind sich dessen bewusst, sie fühlen sich bedrängt und ziehen es vor, sich dem sozialen Druck nicht zu widersetzen. „In der Gesellschaft kommen dauernd Fragen wie ,Und wann bekommt ihr Kinder?‘, und dann muss man an dieser Front schon mal nicht mehr kämpfen“, erklärt eine Mutter der Soziologin Orna Donath in einem Interview. Die französische Autorin Corinne Maier schreibt: „Ich selbst habe meine Kinder aus einem traurigen Grund bekommen: Ich hatte Angst, einmal einsam zu sein.“

Auch mir wollte man weismachen, ich würde wie eine schrullige Katzendame enden. Solche Kommentare prophezeien, dass Frauen, die sich für ein Leben ohne Nachwuchs entscheiden, sich selbst zu einem leeren Leben voller Reue und dumpfer Langeweile verdammen. Wenn Kinder das Gegenmittel gegen Einsamkeit wären, wüsste man das schon längst.

Das Bild der Frau als Mutter ist tief in der Gesellschaft verankert

Obwohl heute mehr Frauen als früher entscheiden können, ob sie Mütter werden wollen oder nicht, unterliegen die meisten von ihnen der Erwartung, die „richtige“ Entscheidung zu treffen: Kinder zu bekommen. Diese nur bedingte Freiheit spiegelt sich in vielen Aussagen von Müttern wider. Dieses gesellschaftliche Konstrukt der Frau als Mutter ist so tief verankert, dass viele Frauen diesem Druck – vielleicht unterbewusst – irgendwann nachgeben. Unterbewusst, weil sie das Gefühl haben, sie hätten frei entschieden. Sie sind frei, die Entscheidungen zu treffen, die ihnen die Gesellschaft vorschreibt. Und wenn sich Frauen – die heutzutage größere Möglichkeiten zur Selbstentfaltung haben – trotzdem entschließen Mütter zu werden, beweise das ja, dass sie diese Entscheidung aus eigenem, freiem Willen getroffen hätten. Kompliziert.

Dieses Unausgesprochene führt meines Erachtens zu Frustrationen, die ich selbst von Freundinnen, die Mütter sind, abbekommen habe. Sie projizieren ihre Befürchtungen und manche davon tatsächlich auch etwas Neid. Ob ich denn keine Angst hätte, von meinem Partner verlassen zu werden. Als ob Kinder einem diese Sicherheit geben würden. Auch hier gilt: Wenn Männer deswegen ihre Partnerinnen nicht verlassen oder betrügen würden, wüsste man das schon längst. Die Rezepte für ein erfülltes Leben, die unsere Gesellschaft anbietet, lösen offensichtlich nicht nur Glück aus. Aber Vorsicht: Selbstverständlich gibt es Menschen in „Standardausführung“ – heiraten, Kinder und Haus –, die sehr glücklich sind. Ich bestreite das nicht.

Der Blick auf kinderfreie Frauen bleibt gnadenlos. Aber leider auch der auf Mütter. Es gibt keinen richtigen Weg, Frau zu sein. Auf der diskursiven Ebene hat sich viel getan, ein Beweis sind diese Zeilen. Leider hat sich strukturell wenig verändert. Es ist fraglich, ob es für Frauen überhaupt eine „richtige Art“ gibt. Ich fühle mich aber unglaublich privilegiert, zu meiner Kinderlosigkeit zu stehen, sie laut ausdrücken und umsetzen zu können.

Lesen Sie mehr: Zahlen und Fakten zur gewollten Kinderlosigkeit hat FR-Redakteurin Tatjana Coerschulte hier aufgeschrieben.

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