Israel greift Hamas weiter bei Flüchtlingslager an: UN-Hochkommissar hat „ernsthafte Bedenken“
VonTadhg Nagel
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IDF nimmt erneut Hamas-Stellungen im Flüchtlingslager Dschabalia in Gaza ins Visier. Die UN äußern „ernsthafte Bedenken“.
Dschabalia – Bei einem weiteren israelischen Luftangriff auf das Flüchtlingslager Dschabalia im Krieg zwischen Israel und der Hamas wurden am Mittwoch (01. November) zahlreiche Menschen getötet. Laut israelischem Militär wurde dabei auch Muhammad A‘sar, der Leiter der Panzerabwehrraketeneinheit der islamistischen Hamas-Miliz, getötet.
Bereits am Vortag wurde Ibrahim Biari, der als Drahtzieher des Anschlags vom 7. Oktober auf Israel gilt, bei einem Luftangriff auf das Lager in Gaza getötet, so die israelische Armee. Nach Angaben des von der Hamas geführten palästinensischen Gesundheitsministeriums wurden bei diesem ersten Angriff 50 Menschen getötet und weitere 150 verletzt.
Dr. Atef Al Kahlout, Direktor eines indonesischen Krankenhauses im Gazastreifen, berichtete am Mittwoch (01. November), dass nach dem zweiten Bombenangriff mindestens 80 Tote in das Krankenhaus eingeliefert wurden. Weitere würden derzeit aus den Trümmern geborgen. Die meisten Opfer seien Frauen und Kinder, Hunderte weitere seien verletzt worden, so der US-Nachrichtensender CNN.
„Ernsthafte Bedenken“ aufgrund massiver Zerstörung in Gaza-Stadt
Ein Augenzeuge bezeichnete den Angriff laut der Nachrichtenagentur Reuters als „Massaker“. Volker Türk, UN-Hochkommissar für Menschenrechte, hinterfragte daraufhin die Verhältnismäßigkeit der Angriffe auf der Social-Media-Plattform X (früher: Twitter). „Angesichts der hohen Zahl der zivilen Opfer und des Ausmaßes der Zerstörung“ habe man „ernsthafte Bedenken, dass es sich um unverhältnismäßige Angriffe handelt, die Kriegsverbrechen darstellen könnten“, äußerte Türk.
Das israelische Militär gab bekannt, dass seine Kampfflugzeuge auf Basis genauer Informationen den Hamas-Kommando- und Kontrollposten in Dschabalia angegriffen hätten. Das Ziel sei es gewesen, Muhammad A‘sar zu töten, was auch gelungen sei. Die israelischen Streitkräfte wiesen darauf hin, dass die Hamas „ihre Terrorinfrastruktur bewusst unter, um und in zivilen Gebäuden“ errichte und „damit absichtlich die Zivilbevölkerung des Gazastreifens“ gefährde. IDF-Sprecher Daniel Hagari machte die Tunnel der Hamas für das enorme Ausmaß der Zerstörung verantwortlich. „Aufgrund der umfangreichen unterirdischen Infrastruktur“ sei es „zu Zerstörungen in anderen Gebäuden“ gekommen.
Hamas-Einrichtungen absichtlich in der Nähe ziviler Gebäude – Gebäude dienen dennoch Zivilisten
Die Hamas wird seit längerem beschuldigt, ihre Einrichtungen absichtlich in der Nähe ziviler Gebäude zu platzieren. Der israelische Nachrichtensender i24 News berichtete bereits im Juli des vergangenen Jahres über von der israelischen Armee veröffentlichtes Material, das auf unterirdische Hamas-Tunnel nahe einer Pepsi-Fabrik und einer UNWRA-Schule hinwies. Zudem sei ein Zugang zu einem Terrortunnelnetz in der Nähe der Islamischen Universität von Gaza sowie ein Waffenlager in der Nähe einer Moschee und einer UNWRA-Klinik sichtbar gewesen. Dies zeige, dass die Hamas „ihre Angriffe von Bevölkerungszentren aus auf Bevölkerungszentren“ durchführe, so der israelische Verteidigungsminister Benny Gantz damals.
Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern
Die britische Zeitung The Guardian betonte letzte Woche, dass die Hamas, wie viele andere städtische Streitkräfte, dafür bekannt sei, den Schutz von Krankenhäusern, Schulen und Wohnhochhäusern zu nutzen. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass die UN und andere internationale Akteure betont hätten, dass diese Gebäude in erster Linie der Zivilbevölkerung dienen.
Viele Gebäude in Gaza zerstört – IStGH mahnt zur Einhaltung des internationalen Rechts
Ein UN-Bericht zeigt, dass mittlerweile mehr als ein Viertel der Wohnungen im Gazastreifen durch Luftangriffe beschädigt wurden. Etwa drei Prozent seien vollständig zerstört oder unbewohnbar. Luftaufnahmen, die von der Zeit veröffentlicht wurden, verdeutlichen das enorme Ausmaß der Zerstörung in Gaza. Das gesamte Gebiet sei von Kratern übersät. Wer für die Schäden verantwortlich sei, könne aus den Bildern nicht abgeleitet werden, so der Bericht. Ebenso wenig ließen die Aufnahmen Rückschlüsse auf Tote und Verletzte zu.
Die humanitäre Lage in Gaza verschärft sich indes weiter. Drei Wochen nach der nahezu vollständigen Blockade durch Israel sei die Grundversorgung zusammengebrochen, berichtet der Guardian. Die Menschen seien von schweren Krankheitsausbrüchen bedroht, da die Straßen mit Abwässern überflutet seien. Lebensmittel, Wasser und Medikamente würden knapp. Der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs, Karim Khan, erklärte am Sonntag, das Gericht habe Untersuchungen zu mutmaßlichen Verbrechen beider Seiten im Krieg in Israel eingeleitet. Zudem mahnte er die Dringlichkeit von Hilfslieferungen an. „Es sollte kein Hindernis für humanitäre Hilfslieferungen an [...] Zivilisten geben“. Das internationale Recht müsse eingehalten werden, so Khan. (tpn)
Für diesen von der Redaktion geschriebenen Artikel wurde maschinelle Unterstützung genutzt. Der Artikel wurde vor Veröffentlichung von Redakteur Lukas Rogalla sorgfältig überprüft.