Kanzler sorgt für Empörung

Merz steht nach Stadtbild-Eklat mit seinem Stil in der Kritik

Friedrich Merz provoziert erneut. Doch nach seiner Stadtbild-Aussage wächst die Kritik an dem Stil des Bundeskanzlers – selbst aus Reihen der CDU.

Berlin – Bundeskanzler Friedrich Merz hat noch einmal nachgelegt. In der vergangenen Woche hatte der CDU-Chef gesagt, es gebe ein Problem mit dem Stadtbild, das vor allem auf Migration zurückzuführen sei. Gelöst werden solle es durch Rückführungen – also dadurch, dass sich, als Ergebnis dieser Rückführungen, weniger Migrantinnen und Migranten in den Innenstädten aufhalten. Nach einer Klausurtagung des Parteipräsidiums in Berlin sagte er am Montag (20.10.), als ihn ein Journalist darauf ansprach und fragte, ob er etwas davon zurücknehmen wolle: „Ich habe gar nichts zurückzunehmen.“

Bundeskanzler Friedrich Merz.

Der Gegenwind ließ nicht lange auf sich warten. Viele Menschen äußerten ihren Unmut in den sozialen Medien, empfanden die Aussage von Merz als rassistisch und diskriminierend. Doch nicht nur der Inhalt steht in der Kritik, sondern auch der Stil des Kanzlers – selbst aus den eigenen Reihen.

Nicht alle in der CDU stehen hinter Merz Stadtbild-Aussage

Dennis Radtke, Chef des CDU-Sozialflügels, forderte einen anderen Ton von Merz. Dieser sei nicht mehr der „launige Kommentator am Spielfeldrand, der einen raushaut“, sagte der CDUler der Funke-Mediengruppe. Vielmehr komme ihm als Kanzler „eine besondere Verantwortung für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft, die Debattenkultur und eine positive Zukunftserzählung“ zu.

Zwar gebe es an vielen Orten ein verstörendes Stadtbild mit Problemen wie Drogensucht, Obdachlosigkeit oder „Mackertum“ bei Jugendlichen. Doch zu behaupten, dies ließe sich durch Abschiebungen ändern, greife zu kurz, wecke unerfüllbare Erwartungen und werde der Komplexität des Problems nicht gerecht.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Die Organisation Campact schreibt dazu, die Aussage sei „eine klassische Dogwhistle“. Damit ist gemeint, dass eine Botschaft gesendet wird, die von einer bestimmten Gruppe verstanden, vom Rest der Gesellschaft jedoch als harmlos wahrgenommen wird. Campact erklärt, dass sich in der Aussage von Merz sowohl Konservative wiederfinden, die sich einfach ein schönes Dorf wünschen, als auch knallharte Neonazis, „die jeden deportieren wollen, der ihnen nicht weiß genug ist“. Zudem verweist die Organisation auf ein Zitat des Reichspropagandaleiters Joseph Goebbels aus dem Jahr 1941 über Jüdinnen und Juden: „Sie verderben nicht nur das Straßenbild, sondern auch die Stimmung.“

Es ist nicht das erste Mal, dass Merz mit seinen Aussagen für Irritationen sorgt. In der ARD-Talkshow Maischberger hatte er sich zum Hissen der Regenbogenfahne beim Christopher Street Day in Berlin geäußert. Dabei stellte er sich demonstrativ hinter den Kurs von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, die das Zeigen der Flagge am Reichstagsgebäude ablehnt. „Der Bundestag ist ja nun kein Zirkuszelt“, hatte Merz gesagt. Der queerpolitische Sprecher der Grünenfraktion im Bundestag, Sebastian Walter, sagte der Nachrichtenagentur dpa daraufhin: „Friedrich Merz übernimmt damit die queerfeindliche Rhetorik eines Donald Trump.“

Friedrich Merz und die „Paschas“-Aussage

Bereits zuvor war Merz mit umstrittenen Äußerungen aufgefallen. In der ZDF-Talkshow von Markus Lanz hatte er Söhne von Migranten als „kleine Paschas“ bezeichnet. Dafür wurde er teils heftig kritisiert – etwa von der früheren Berliner Grünen-Abgeordneten Sabine Bangert, die die Aussage als „abstoßend“ bezeichnete. Eine Entschuldigung blieb aus. Stattdessen verteidigte der CDU-Chef seine Worte später: „Wir haben in Schulen erhebliche Probleme“, sagte er damals. „Vor allem Lehrerinnen“ hätten Schwierigkeiten, bei vielen Schülern „anerkannt“ zu werden. Dabei handle es sich oft „auch um Schüler aus Migrantenfamilien“, sagte er.

Mit seinem Stil hebt sich Merz deutlich von seinen Vorgängern ab. So war etwa Ex-Kanzler Olaf Scholz bekannt für seine Wortkargheit und zurückhaltende Art – als jemand, der sich stets unter Kontrolle hat und keine unbedachten Äußerungen tätigt. Journalistinnen und Journalisten bissen sich an ihm oft die Zähne aus, weil er selten klare Ansagen machte, stets diplomatisch antwortete und dabei häufig gar nichts sagte. Deshalb wurde er auch als „Scholzomat“ bezeichnet, denn seine Art wirkte auf viele fast schon mechanisch.

Ex-Kanzlerin Angela Merkel hingegen galt als „Mutti der Nation“: fleißig, nüchtern und frei von Skandalen. Keine, die draufhaut, sondern eine, die einen kühlen Kopf bewahrte; eine Person, die Menschen zusammenbringt, statt sie zu spalten. Deshalb verwundert es auch nicht, dass Merkel bereits mehrfach deutliche Kritik an Merz geäußert hat – vor allem an seiner Geflüchteten- und Migrationspolitik. (Quellen: Tagesschau, dpa, Campact, FUNKE Mediengruppe, SPIEGEL) (cf)

Rubriklistenbild: © Michael Kappeler/dpa

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