Ja, leider ist kein Ende abzusehen. Ich vermute, dass wir uns auf den zweiten Kriegswinter in der Ukraine einstellen müssen.
Sind wir in der unendlichen Schleife eines Abnutzungskriegs, der sehr viele Opfer fordert, aber militärisch nichts bringt?
Im Prinzip ja. Die Ukraine verteidigt sich gegen die russische Aggression seit eineinhalb Jahren. Bis Herbst 2022 hat sie wesentliche Gebiete zurückerobern können, aber seitdem sehen wir keine operativ relevanten Veränderungen der Frontlinien mehr. Vielmehr einen extrem verlustreichen Abnutzungskrieg.
Krieg in der Ukraine: Brigadegeneral a.D. vermisst Empathie
Wobei beide Seiten verschweigen, wie viele Menschen inzwischen ihr Leben verloren haben.
Die New York Times hat kürzlich unter Berufung auf amerikanische Regierungsquellen berichtet, dass in diesem Krieg bereits 500.000 Soldaten gefallen sind. Auf ukrainischer Seite sollen es 70.000 sein. 70.000! Junge Menschen, Wehrpflichtige. Zerfetzt, verbrannt, verblutet. Tausende zivile Opfer kommen noch hinzu. So eine Zahl ist schwer zu begreifen und lässt sich deshalb leicht verdrängen. Vielleicht hilft ein Bild: Ich lebe ja in Hamburg und schaue in das vollbesetzte HSV-Stadion mit 57.000 Plätzen. Das sind weit weniger Zuschauer als gefallene Ukrainer ...
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
..., die auch bei uns in der öffentlichen Debatte kaum eine Rolle spielen.
Bei vielen Politikern und Kommentatoren, die eine Fortsetzung des Krieges bis zum Sieg der Ukraine fordern, vermisse ich jegliche Empathie gegenüber diesen jungen Menschen an der Front und deren Familien. Auch gegenüber den 100.000 bis 120.000 Ukrainern, die verwundet und schwer traumatisiert wurden.
Ukraine-Krieg: „Reibe mir die Augen, wenn ich Hofreiter oder Roth höre“
Vielleicht, weil sich seit dem Angriffskrieg vor allem die Bellizisten öffentlich zu Wort melden.
Auch ich reibe mir die Augen, wenn ich Grünen-Politiker wie Anton Hofreiter oder Michael Roth von der SPD höre, die mit hochmoralischen Argumenten quasi die Seiten gewechselt haben. Aber hat das mit einer größeren Nähe zum Militär zu tun? Würden diejenigen, die Sie bellizistisch nennen, ihren Söhnen und Töchtern raten, in die Bundeswehr zu gehen? Ich denke, eher nicht.
Dennoch findet man erstaunlich viele, angeblich friedliebende Vertreter:innen des öffentlichen Lebens, im Schützengraben wieder.
Genau darüber habe ich viel nachgedacht. Es muss auch etwas mit kognitiver Dissonanz zu tun haben. Was bedeutet: Wenn eine dramatische Situation eintritt und ich mit völlig neuen Informationen konfrontiert bin, ordne ich sie entweder in mein bisheriges Weltbild ein, behalte dabei meine Grundposition und halte die Spannung aus – oder ich werfe meine gesamte Haltung um und verfalle sogar ins andere Extrem.
Ukraine-Krieg: Steht Europa vor einem Atomkrieg?
Ein Verhalten, das man sonst von religiösen Konvertiten oder ehemaligen Linken zur Genüge kennt.
Ja, vielleicht ist es eine Art Konvertitensyndrom, denn die Konvertiten gehen häufig am weitesten. Denken nur noch in Gut und Böse und in Schwarz-Weiß-Kategorien. So fordern dann ehemalige Pazifisten noch mehr Waffen, noch mehr Militär und blenden das Gemetzel an der Front einfach aus.
Seit Monaten ist von einer ukrainischen Gegenoffensive die Rede, die eine Wende an der Front bringen soll. Ist das Wunschdenken?
Vermutlich ja. Auch angetrieben durch die Erfolge der Ukraine im Herbst vergangenen Jahres. Aber das war eine völlig andere militärische Situation. Jetzt kämpfen die Ukrainer gegen vorbereitete, stark befestigte und verminte Stellungen. Die Gegenoffensive hat Anfang Juni begonnen und ist nicht weit gekommen.
Hätte der Westen mehr Waffen liefern müssen? „Halte das für eine Dolchstoßlegende“
Wie kam es zu dieser Fehleinschätzung?
Durch die falsche Bewertung der russischen Kampfkraft und die Überschätzung der ukrainischen Fähigkeiten. Man hat nicht gesehen, dass die russischen Streitkräfte nach den Misserfolgen 2022 gelernt haben. Dass sie zur Verteidigung übergegangen sind, wo sie stärker sind als im Angriff. Zudem hat man geglaubt, dass die ukrainischen Truppen mit westlichem Material durch die russischen Stellungslinien hindurchstoßen können und dann die ganze russische Front zusammenbricht. Das war Wunschdenken, geprägt durch Optimismus und hohe Risikobereitschaft, was der Realität nicht standhalten konnte.
Immer, wenn es im Krieg nicht so läuft, wie gewünscht, gibt es hierzulande Kritiker, die behaupten: Hätte der Westen mal schneller und mehr Waffen geliefert, sähe es für die Ukraine viel besser aus. Ist da was dran?
Ich halte das für eine Dolchstoßlegende. Argumente nach dem Motto „Was wäre wenn...“ sind immer problematisch, weil man sie nicht belegen kann. Genauso gut könnte man sagen: Wenn der Westen Waffensysteme und Munition früher geliefert und mit der Ausbildung der ukrainischen Soldaten früher begonnen hätte, dann hätten die Russen auch die Intensität ihres Stellungsbaus beschleunigt. Zudem darf man nicht vergessen, dass auch die Amerikaner sich sehr vorsichtig bewegt haben – bei der Reichweite der Raketenartillerie zum Beispiel. Und amerikanische Kampfpanzer fahren noch immer nicht in der Ukraine.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Ukraine fordert neue Waffen: „Vorsicht der Regierung absolut richtig“
Dennoch sind wir schon wieder in einer Debatte um weitere Waffenlieferungen. Die Ukraine fordert Marschflugkörper, die aber können problemlos Ziele in Russland erreichen. Die Bundesregierung zögert. Zu Recht?
Ich finde die Vorsicht der Regierung absolut richtig. Überhaupt halte ich es für wesentlich wichtiger, auf eine Beendigung des Krieges hinzuwirken, als solche weitreichenden Marschflugkörper zu liefern ...
... was Großbritannien und Frankreich allerdings bereits getan haben.
Beide Länder haben bisher relativ wenig militärisches Gerät abgegeben. Die jetzt von ihnen gelieferten Marschflugkörper sind sehr effektiv, wenn es um verbunkerte oder betonierte Ziele geht – wie die Brücken zur Krim beispielsweise. Dass mit diesen Waffen auch Ziele in Russland angegriffen werden, glaube ich nicht. Bisher hält sich die Ukraine an die Auflagen der Amerikaner, Briten und Franzosen.
Angriffe auf Russland? „Unwahrscheinlich, dass sich Ukraine nicht an Auflagen hält“
Doch wird sie das auch weiterhin tun? Im Krieg ist alles möglich ...
... so steht es schon bei Clausewitz. Dennoch scheint es mir unwahrscheinlich, dass die Ukraine sich nicht an die Auflagen hält – sonst würde sie massive Probleme mit weiteren Waffenlieferungen aus dem Westen bekommen.
Zur Serie
Die Menschen in der Ukraine brauchen Frieden, aber es herrscht Krieg. Welche Wege können zum Frieden führen? In der Serie #Friedensfragen suchen Expertinnen und Experten nach Antworten auf viele drängende Fragen. Dabei legen wir Wert auf eine große Bandbreite der Positionen – die keineswegs immer der Meinung der FR entsprechen. Alle Artikel finden sich auch auf unserer Homepage unter www.fr.de/friedensfragen.
Die Krimbrücken haben enorme strategische Bedeutung für Russland. Was passiert, wenn die Ukraine sie tatsächlich in Schutt und Asche legt?
Das wäre zwar kein Game Changer, aber möglicherweise würde Russland den Krieg dann weiter eskalieren. Etwa mit noch schlimmeren Angriffen auf zivile Ziele als bisher. Schwer kalkulierbar, wann in der russischen Führung dann der Punkt erreicht ist, wo man glaubt, nur noch mit Atomwaffen reagieren zu können.
Droht Europa ein Atomkrieg? „Verlust der Krim wäre möglicher Triggerpunkt“
Wie groß schätzen Sie diese Gefahr ein?
Wenn Putin und sein Umfeld den Eindruck bekommen, dass sie mit dem Rücken zur Wand stehen, wird es gefährlich. Der Verlust der Krim wäre so ein möglicher Triggerpunkt, an dem es brenzlig werden kann. Die konventionellen russischen Streitkräfte sind bereits stark geschwächt und könnten die Nato nicht angreifen. Doch Russland bleibt das sehr umfangreiche Atomarsenal, wohl an die 1800 Waffen.
Dieses schreckliche Szenario wird von westlichen Sicherheitsexperten und Medienvertretern gern abgetan.
Diejenigen, die das nukleare Risiko herunter reden, kommen mit wenig überzeugenden, teilweise naiven Argumenten daher. Zum Beispiel: Die Russen werden nicht eskalieren, weil sie es bisher nicht getan haben. Oder: Putin wird das nicht wagen, weil der chinesische Präsident sich beim vorletzten G 20-Gipfel dagegen ausgesprochen hat.
Im Extremfall wird ihn das überhaupt nicht beeindrucken. Oft wird auch das Argument benutzt, dass Putin den Einsatz von Atomwaffen nicht wagen würde, weil die USA ihm einen massiven Gegenschlag angedroht hätten. Auch wenn der mit konventionellen Mitteln geführt würde, muss man doch fragen: Was ist dann? Vermutlich Krieg Nato-Russland, wenn die Abschreckungswirkung dieser Gegenschlagsdrohung versagt.
Europa vor dem Atomkrieg? „Dürfen uns nicht an rote Linie der Russen herantasten“
Demnach gehen wir zu leichtfertig mit der Bedrohung um?
Ja, zumindest einige, die sich so äußern. Wir dürfen uns doch nicht an die rote Linie der Russen herantasten und damit pokern. Die Folgen einer nuklearen Eskalation sind so gravierend, so katastrophal und wahrscheinlich auch nicht mehr kontrollierbar, dass man die Eintrittswahrscheinlichkeit so gering wie möglich halten muss.
Im Allgemeinen wird Risiko definiert als Eintrittswahrscheinlichkeit mal Schadenshöhe. Und wenn ich davon ausgehe, dass die Eintrittswahrscheinlichkeit zwar möglicherweise gering ist, aber die Schadenshöhe mit Millionen Toten extrem hoch, muss ich auch das Risiko als hoch einstufen. Deshalb plädiere ich seit Anbeginn des Krieges dafür, nicht mit dem nuklearen Risiko zu spielen.
Video: Putin: Russland hat die ersten Atomsprengköpfe nach Belarus geschickt
Wenn also Russland den Eindruck bekommt, mit dem Rücken zur Wand zu stehen, sobald die Ukraine entscheidende militärische Erfolge verbucht, folgt nach Ihrer Einschätzung ein russischer Atomschlag. Im Klartext: Europa kann sich einen Sieg der Ukraine gar nicht wünschen?
Damit sprechen Sie einen sehr kritischen Punkt an, der auch mich bewegt. Auf der einen Seite wollen wir – will ich –, dass die Ukraine ihre Territorien zurückerobert. Das steht ihr völkerrechtlich und politisch-moralisch zu. Auf der anderen Seite wäre es absolut katastrophal, wenn diese Rückeroberungen zu einer atomaren Eskalation führen würde, die alles noch viel schlimmer macht und die westlichen Unterstützerstaaten in den Krieg hineinzieht. Deshalb ist die Forderung, die Ukraine muss gewinnen und alle besetzten Gebiete zurückerobern, am Ende nicht verantwortungsvoll.
Krieg in der Ukraine: „Nato baut verstärkte Verteidigung an Ostflanke auf“
Was aber niemand öffentlich auspricht ...
Ich als pensionierter Offizier kann das so sagen, aber die Bundesregierung kann das natürlich nicht. Es wäre auch wegen künftiger Verhandlungen nicht opportun.
Dennoch liefert der Westen weitere, immer schwerere Waffen an die Ukraine. Kann das endlos so weitergehen?
Nein. Die Nato baut ja eine verstärkte Verteidigung an der Nato-Ostflanke auf. Und auch die Bundeswehr muss einsatzbereit gemacht werden. Das steht in Konkurrenz zur Unterstützung der Ukraine mit Waffensystemen. Langfristig kann man nicht weitermachen wie bisher. Deshalb müssen die internationale Gemeinschaft und die großen Geber auf eine Kriegsbeendigung hinwirken, aber die Ukraine gleichzeitig befähigen, sich gegen künftige russische Angriffs zu verteidigen.
Kriegsende? „Frieden und eine Lösung der territorialen Fragen sind weit weg“
Es gab ja bereits einige Initiativen in dieser Richtung. Wie ernsthaft waren denn die bisherigen Bemühungen?
Zunächst muss es darum gehen, dass die Kämpfe eingestellt werden, Frieden und eine Lösung der territorialen Fragen sind noch weit weg. Ich halte die bisherigen Bemühungen durchaus für ernsthaft, nur waren die Russen bei den entsprechenden Konferenzen ja noch nicht dabei. Und es bringt nicht viel, wenn diese Treffen nur dazu genutzt werden, die ukrainischen Vorstellungen zu unterstützen.
Die da lauten, dass dieser Krieg nur beendet werden kann, wenn Russland alle besetzen Gebiete einschließlich der Krim räumt.
Ich denke nicht, dass die Ukraine den Krieg gewinnen kann. Am Ende wird es auf eine Kompromisslösung hinauslaufen, alles andere ist unrealistisch. Wahrscheinlich werden die Kampfhandlungen dann entlang der erreichten Frontlinien eingestellt – vielleicht mit einer Pufferzone und einer Friedenstruppe der Vereinten Nationen. Auch die humanitäre Lage der Menschen in den restlichen, von Russland besetzten Gebieten, muss unbedingt verbessert werden. Doch der Weg dahin ist ein extrem langer, komplexer Prozess.
Krieg in der Ukraine: Europa rutscht „in anhaltend prekäre Lage“
Wir betrachten den Ukraine-Krieg gern als regionalen Konflikt. Aber dennoch hat er doch die Sicherheitslage in Europa dramatisch verändert.
Absolut. Wir müssen ja über den Krieg hinaus nach vorn blicken. Was bedeutet er für die europäische Sicherheit in den nächsten fünfzehn bis zwanzig Jahren? Auch wenn es gelingt, die Nato-Staaten aus diesem Krieg herauszuhalten, rutscht Europa, rutschen wir, in eine anhaltend prekäre Lage, in der wir uns weniger sicher fühlen können, als im Kalten Krieg. Das muss man sich mal bewusst machen.
Und was hieße das dann konkret?
Die russische, konventionelle Armee ist geschwächt, deren umfangreiche, nukleare Waffen aber sind voll einsatzbereit. Also wird sich Russland in seiner Militärstrategie zwangsläufig auf Atomwaffen stützen, gleichzeitig denken die USA wieder verstärkt in atomaren Kriegsführungskategorien. Der amerikanische Schlüsselbegriff dazu lautet „conventional-nuclear integration“. Insgesamt braut sich da eine gefährliche Gemengelage zusammen, in der Sicherheitspolitik in Europa nur noch aus akutem Konfrontationsmanagement bestehen wird.
Was passiert nach dem Krieg? „Müssen in kooperative Sicherheit mit Russland investieren“
Welche Möglichkeiten sehen Sie, diese extrem gefährliche Entwicklung zu vermeiden?
Zunächst einmal muss es um Risikoreduktion gehen. Dazu gibt es schon viele Vorschläge. Es geht vor allem darum, unbeabsichtigte Zwischenfälle oder deren Ausweitung an der Nato-Ostflanke zu verhindern. Das sind die kurzfristigen Handlungsmöglichkeiten, bei der die diplomatische und militärische Kommunikation zwischen beiden Seiten ganz wichtig ist.
Und längerfristig?
Müssen wir wieder in kooperative Sicherheit mit Russland investieren, um den Zustand der angespannten Koexistenz zu verlassen. Was auch heißt, wieder Rüstungskontrolle aufzubauen, wie das im Kalten Krieg der Fall war. Das scheint aus heutiger Sicht zwar undenkbar – auch weil wir nicht wissen, wie sich die innenpolitische Situation in Russland entwickelt. Dennoch kommen wir nicht daran vorbei, neue Wege der Stabilität und Kriegsverhinderung in Europa zu suchen. Abschreckung und Verteidigungsfähigkeit allein werden nicht hinreichen. (Bascha Mika)