Syrien

HTS-Regime kündigt neues Rechtssystem für Syrien an

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HTS-Anführer Abu Muhammad al-Dscholani.
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Der Justizminister der syrischen Übergangsregierung hat in anderen Gebieten bereits eine Scharia-Ordnung mit aufgebaut.

Damaskus – Hat Mohammad Shadi al-Waisi, neuer Justizminister der islamistischen Übergangsregierung in Damaskus, quasi als erste Amtshandlung die Absetzung von Richterinnen verfügt? Eine entsprechende Meldung unter anderem der ARD-Journalistin Natalie Amiri im Onlinedienst X verbreitete sich am Mittwoch rasant und sorgte für Wirbel und Empörung.

Kurze Zeit später zog Amiri („Ich muss mich korrigieren“) die Nachricht zurück. Im Netz kursierte da bereits ein dem gleichen Justizministerium zugeschriebenes Statement, das „allen Männern und Frauen“ bestätigt, dass sie ihre Tätigkeiten weiter ausüben können. Auch hier sind die Quellen aus der Distanz kaum zu überprüfen.

Justizminister al-Waisi wird ein wichtiges Wörtchen mitreden bei zentralen Vorhaben der Islamisten in Syrien

Sicher ist aber: Der neue Justizminister al-Waisi wird qua Amt ein wichtiges Wörtchen mitreden bei zentralen Vorhaben der Islamisten. Etwa bei der Strafverfolgung von Menschen, welche die neuen Machthaber der HTS der Folter im Assad-Regime verdächtigen. Die HTS hat bereits angekündigt, dass man das selbst in die Hand nehmen wolle, und ruft das Ausland zu Auslieferungen auf.

Auch bei der Reform der Rechtsordnung spielt der neue Justizressortchef eine zentrale Rolle. Hier sind grundlegende Änderungen in Sicht. Die Übergangsregierung teilte am Donnerstag mit, man setze die geltende Verfassung von 2012 und das Parlament für drei Monate außer Kraft. Es werde ein „Rechts- und Menschenrechtsausschuss“ gebildet, sagte HTS-Sprecher Obeida Arnaout, „um die Verfassung zu prüfen und dann Änderungen vorzunehmen“.

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Wird der Islam in Syrien jetzt Staatsreligion?

Die derzeitige Verfassung stammt aus dem Jahr 2012. Sie legt nicht fest, dass der Islam Staatsreligion ist. Arnaout versprach, man wolle „einen Rechtsstaat“ errichten. Die religiöse und kulturelle Vielfalt in Syrien werde respektiert und unverändert bleiben. Details, auf welcher Basis die neue Rechtsordnung stehen werde, ließ er offen.

Was über Justizminister al-Waisi bekannt ist, deutet auf eine feste Verankerung im islamistischen Denken hin. Das Justizressort leitete er bereits in der HTS-Regierung in der nordwestlichen Provinz Idlib. Das dortige sogenannte „Syria Salvation Government“ (Syrische Heilsregierung) regiert über vier Millionen Einwohner:innen Idlibs. Wiederholt gab es Kritik an autoritärer Führung; so zitierte Al Dschasira 2021 eine Frauenaktivistin in Idlib, die Drohungen von HTS-Hardlinern beklagte.

Syrien-Rebellen stürzen Assad: Die Bilder des Machtwechsels

Machthaber Baschar al-Assad ist gestürzt. In ganz Syrien versammeln sich Menschen, um den Sturz der syrischen Regierung zu feiern.
Machthaber Baschar al-Assad ist gestürzt und hat das Land verlassen. Der Bürgerkrieg in Syrien ist beendet. Im ganzen Land versammeln sich Menschen wie hier in der Hauptstadt Damaskus auf den Straßen. Sie feiern den Sturz der syrischen Regierung und das Ende der über 50 Jahre andauernden Herrschaft der Assad-Dynastie.  © dpa/DIA Photo/AP | Ugur Yildirim
Ein zerbrochenes Porträt des syrischen Ex-Präsidenten Hafez Assad liegt auf dem Boden. Menschen durchwühlten die Privatwohnung des geflohenen Machthabers Baschar al-Assad.
Ein zerbrochenes Porträt des syrischen Ex-Präsidenten Hafez Assad liegt auf dem Boden. Der im Jahr 2000 verstorbene Hafez Assad war der Vater Baschar al-Assads und herrschte von 1970 bis zu seinem Tod über das Land. Bürgerinnen und Bürger strömten auch in den Präsidentenpalast und in eine Privatwohnung des geflohenen Machthabers. © dpa/AP | Hussein Malla
Menschen gehen durch die Hallen des Präsidentenpalastes des syrischen Präsidenten, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Der Präsidentenpalast wird nach dem Sturz Baschar al-Assads in Syrien zu einem Publikumsmagenten. Hunderte Menschen strömten in den Protzbau des Ex-Präsidenten und wandelten durch die Hallen. © Hussein Malla / dpa
Eine Gruppe von Menschen macht ein Familienfoto, während sie auf einer Couch in einem Saal des Präsidentenpalastes, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Eine Gruppe von Menschen macht ein Familienfoto, während sie auf einer Couch in einem Saal des Präsidentenpalastes, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad. © dpa/AP | Hussein Malla
Syrische Oppositionskämpfer stehen vor dem beschädigten Eingang der iranischen Botschaft, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Syrische Oppositionskämpfer stehen vor dem beschädigten Eingang der iranischen Botschaft, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad. © dpa/AP | Hussein Malla
Syrische Oppositionskämpfer entfernen eine syrische Regierungsflagge von einem offiziellen Gebäude in Salamiyah, östlich von Hama.
Syrische Oppositionskämpfer entfernen eine syrische Regierungsflagge von einem offiziellen Gebäude in Salamiyah, östlich von Hama. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Überall auf den Straßen feiern Menschen den Sturz Assads.
Überall auf den Straßen feiern Menschen den Sturz Assads. © dpa/AP | Emrah Gurel
Ein Satellitenbild von Maxar Technologies zeigt eine riesige Menschenansammlung in Aleppo.
Ein von Maxar zur Verfügung gestelltes Satellitenbild zeigt feiernde Menschen auf den Straßen Aleppos. © dpa/Maxar Technologies/AP | Uncredited
Rauchschwaden im Hintergrund, während Einwohner und Oppositionskämpfer auf einem zentralen Platz in Damaskus feiern.
Rauchschwaden im Hintergrund, während Einwohner und Oppositionskämpfer auf einem zentralen Platz in Damaskus feiern. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Menschen versammeln sich zur Feier des Sturzes der syrischen Regierung in einer Glaubensmoschee.
Menschen versammeln sich zur Feier des Sturzes der syrischen Regierung in einer Glaubensmoschee. © dpa/AP | Emrah Gurel
Rebellen-Anführer Abu Mohammed al-Dschulani spricht in der Umayyaden-Moschee nach der Machtübernahme in Syrien.
Rebellen-Anführer Abu Mohammed al-Dschulani spricht in der Umayyaden-Moschee nach der Machtübernahme in Syrien. © dpa/AP | Omar Albam
Ein Bild von Baschar al-Assad in der Stadt Hama ist durchlöchert von Kugeln.
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Überläufer stellen sich in einer Reihe auf, um ihre Daten bei den syrischen Aufständischen in Aleppo, Syrien, zu registrieren.
Überläufer stellen sich in einer Reihe auf, um ihre Daten bei den syrischen Aufständischen in Aleppo, Syrien, zu registrieren. © dpa/AP | Omar Albam
Nachdem syrische Rebellen Hama erob ert haben, fliehen Menschen aus der Stadt.
Nachdem syrische Rebellen Hama erobert haben, fliehen Menschen aus der Stadt. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Oppositionskämpfer fahren an Panzern der Regierungstruppen vorbei, die auf einer Autobahn zurückgelassen wurden, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Oppositionskämpfer fahren an Panzern der Regierungstruppen vorbei, die auf einer Autobahn zurückgelassen wurden, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad. © Hussein Malla / dpa
Eine zerstörte Straße nach einem Angriff der syrischen Armee in Aleppo.
Eine zerstörte Straße nach einem Angriff der syrischen Armee in Aleppo. © Anas Alkharboutli / dpa
Ein syrischer Oppositionskämpfer hält einen Raketenwerfer vor dem Büro der Provinzregierung, an dessen Fassade ein Bild des syrischen Präsidenten Baschar Assad von Kugeln durchlöchert ist.
Ein syrischer Oppositionskämpfer hält einen Raketenwerfer vor dem Büro der Provinzregierung, an dessen Fassade ein Bild des syrischen Präsidenten Baschar Assad von Kugeln durchlöchert ist. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Ein Kind erklimmt eine abgerissene Statue des ehemaligen Präsidenten Hafis al-Assad. In ganz Syrien wurden derartige Statuen gestürzt.
Ein Kind erklimmt eine abgerissene Statue des ehemaligen Präsidenten Hafis al-Assad. In ganz Syrien wurden derartige Statuen gestürzt. © dpa/IMAGESLIVE via ZUMA Press Wire | Juma Mohammad
Ein im Bürgerkrieg zerstörtes Fahrzeug der syrischen Armee.
Ein im Bürgerkrieg zerstörtes Fahrzeug der syrischen Armee. © IMAGO/Rami Alsayed
Ein syrischer Oppositionskämpfer zerreißt am internationalen Flughafen von Aleppo ein großes Bild, das den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und seinen verstorbenen Vater Hafis al-Assad zeigt.
Ein syrischer Oppositionskämpfer zerreißt am internationalen Flughafen von Aleppo ein großes Bild, das den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und seinen verstorbenen Vater Hafis al-Assad zeigt. © dpa/AP | Omar Albam
Eine zerbrochene Büste des alten syrischen Präsidenten Hafez Assad
Eine zerbrochene Büste des alten syrischen Präsidenten Hafez Assad, Vater des jetzigen Präsidenten Baschar al-Assad, liegt auf einem von Oppositionskämpfern zerstörten Fliesenboden in Aleppo. © dpa/AP | Omar Albam
Syrische Oppositionskämpfer stehen auf einem beschlagnahmten Kampfjet auf einem Militärflughafen nahe der Stadt Hama.
Syrische Oppositionskämpfer stehen auf einem beschlagnahmten Kampfjet auf einem Militärflughafen nahe der Stadt Hama. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Syrer feiern die Ankunft der Rebellen in Damaskus auf einem Panzerfahrzeug.
Syrer feiern die Ankunft der Rebellen in Damaskus auf einem Panzerfahrzeug. © dpa/AP | Omar Sanadiki
Noch im Morgengrauen feierten Menschen die Ankunft der Rebellen in Damaskus. Immer wieder feuerten Syrer mit Gewehren in die Luft.
Noch im Morgengrauen feierten Menschen die Ankunft der Rebellen in Damaskus. Immer wieder feuerten Syrer mit Gewehren in die Luft. © dpa/AP | Omar Sanadiki
Auch in Deutschland feierten die Exil-Syrer die Flucht von Assad. Hier etwa in Mainz.
Auch in Deutschland feierten die Exil-Syrer die Flucht von Assad. Hier etwa in Mainz. © dpa | Andreas Arnold

Justizminister hat Rolle bei der Schaffung von Scharia-Gerichten in Syrien gespielt

Al-Waisi hat mehreren Quellen zufolge einen Abschluss in islamischem Recht. In den Jahren des Bürgerkriegs in Syrien habe er in Gebieten unter Rebellenkontrolle eine Rolle bei der Schaffung von Scharia-Gerichten gespielt und auch als Richter gearbeitet.

Auch weitere Minister der Übergangsregierung in Damaskus kommen aus der Idliber „Heilsregierung“: so Basel Abdel Aziz und Innenminister Mohammad Abdul Rahman, laut der Plattform „Levant24“ (Sitz: Idlib) ein Ex-Offizier. Al Dschasira berichtet von Vorwürfen anderer Oppositionsgruppen, die HTS beanspruche die Macht für sich allein. (mit afp)

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