Islamforscher im Interview

Nach Assad-Umsturz: „Syriens Einheit ist im Norden am meisten bedroht“

  • schließen

Wie radikal sind die neuen Machthaber in Syrien, und wie steht es jetzt um die Rechte der Frauen in dem Land? Ein Gespräch mit dem Islamforscher Simon Wolfgang Fuchs.

Herr Fuchs, das islamistische Bündnis Hajat Tahrir al-Scham (HTS), das in Damaskus die Macht übernommen hat, gibt sich bisher gemäßigt. Kann man das glauben?

Es gibt ein paar Hinweise. In ihrem Machtzentrum Idlib haben wir in den letzten Jahren ein Zugehen der Islamisten unter Abu Mohammed al-Dscholani auf Minderheiten gesehen. Kirchen dürfen dort wieder betrieben werden, Christ:innen berichten, dass sie ihre Religion frei ausleben dürfen. Zu Beginn ihrer Herrschaft hatte die HTS verfügt, dass Frauen in der Öffentlichkeit nur in Begleitung männlicher Verwandter unterwegs sein dürften. Das wurde wieder aufgehoben. In Bildungseinrichtungen und an der Universität Idlib herrscht aber Geschlechtertrennung.

Nach der Eroberung von Damaskus haben die neuen Machthaber verkündet, dass es keine Bekleidungsvorschriften für Frauen geben werde. Zudem hat HTS den eigenen Anhängern Racheakte untersagt und ist auf Führer der Alawiten (religiöse Minderheit, die das Assad-Regime stellte, d. Red.) zugegangen. Andererseits soll es eine Liste mit Folter-Verantwortlichen geben und diese zur Rechenschaft gezogen werden. Da wird man hinsehen müssen, wie das geschieht.

Nun voller Hoffnung: Eine junge Frau malt die Flagge der syrischen Opposition an eine Wand in Hama.

Neue Machthaber in Syrien: „Im HTS sind auch ausländische Dschihadisten aktiv“

Wie stabil ist das Dscholani-Bündnis?

Es ist sehr heterogen, wie auch die anderen im Land aktiven Gruppen, im Norden die von Ankara unterstützte Miliz SNA und auch die Rebellen im Süden. Das macht die Lage derzeit sehr volatil. Im Bündnis HTS scheint die Disziplin und damit die Verlässlichkeit derzeit noch am besten zu sein.

Gibt es Vorfälle, bei denen etwa regionale Kommandeure eigenmächtig agiert haben?

Durchaus. In Latakia am Mittelmeer haben offenbar SNA-Kräfte alawitische Jugendliche hingerichtet, ein Racheakt. Und im HTS sind auch diverse ausländische Dschihadisten aktiv. So sind in Latakia soeben uigurische Islamisten öffentlich aufgetreten. Wie solche Kräfte sich auf Dauer einfügen, ist offen.

Mehr zu Syrien

Die Union diskutiert über Abschiebungen nach Syrien

Al-Dscholani: Wer ist der neue Anführer in Syrien?

Nach Zusammenbruch des Assad-Regimes: Rebellen sind im Süden Syriens an der Macht

Auch im Süden haben, unabhängig von HTS, Rebellen die Macht errungen. Wer sind sie?

Dort findet man an die 50 verschiedene Akteure, unter anderem islamistische Gruppen, früher assad-treue Milizen, Drusen. Sie haben gerade erst, sehr spontan, eine gemeinsame Kommandozentrale gebildet. Wer sich hier durchsetzt, ist nicht abzusehen.

Wie sieht es in den anderen Landesteilen aus?

Im Osten sind Zellen des „Islamischen Staates“ weiterhin gefährlich, hier haben die USA schon militärisch eingegriffen. Am kritischsten ist aber die Lage im Norden mit der kurdischen Autonomiezone. Die Kurden haben hier das wichtige Deir-es-Zor an der Grenze zu Irak erobert. Dort liegen die Ölquellen, auch deshalb will HTS die Kurden dort wieder zurückdrängen. Das könnte die neuen Machthaber in Konflikt mit den USA bringen.

Am gefährlichsten für die territoriale Integrität Syriens ist aber derzeit der Einfluss der Türkei. Sie will ihre Pufferzone im Norden erweitern und sieht jetzt offenbar die Chance dazu. Die von ihr unterstützte SNA hat die Kurden schon aus Manbidsch verdrängt. Inwieweit die SNA die neue Übergangsregierung in Damaskus akzeptiert, ist offen.

Zur Person

Simon Wolfgang Fuchs ist Associate Professor für Nahoststudien an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Er forscht zum weltweiten Islam und gerade an einer Globalgeschichte der iranischen Revolution.

Das sind große Herausforderungen für die neuen Machthaber.

Ja, neben den unklaren Machtverhältnissen kommt hinzu, dass die Wirtschaft ruiniert ist. Die HTS ist immerhin so klug, zunächst die bisherige staatliche Verwaltung weiter zu nutzen. Staatsbeamt:innen wurden ausdrücklich aufgefordert, weiter zu arbeiten.

Was weiß man über Kontakte der HTS zu ausländischen Unterstützern?

Die arabischen Staaten müssen sich völlig neu orientieren. Katar versucht jetzt, Kontakte zu knüpfen. Saudi-Arabien und andere arabische Staaten waren ja in jüngerer Zeit erst auf das Assad-Regime zugegangen, um Irans Einfluss zu schwächen. Das ist jetzt obsolet. Ich sehe es jedenfalls als Grund zu Hoffnung, dass erstmals seit 2011 internationale Akteure die Bereitschaft äußern, konstruktiv mitzuarbeiten beim Neuanfang und Wiederaufbau. Für den Westen wird sich da sehr bald die Frage stellen, ob man die Einstufung der HTS als Terrorgruppe aufrecht erhalten kann, wenn man mit ihr verhandelt.

Islamforscher: Simon Wolfgang Fuchs.

Folgen der Lage in Syrien für den Iran: „Der Fall Assads ist für Teheran ein unglaublicher Verlust“

Der Iran, bisher mächtiger Unterstützer Assads, hat sich komplett zurückgezogen – obwohl Syrien ein wichtiger Brückenkopf ist im Kampf gegen Israel. Ist es denkbar, dass Teheran das dauerhaft aufgibt?

Der Fall Assads ist für Teheran ein unglaublicher Verlust, an Prestige und auch ökonomisch. Die Rede ist von 30-50 Milliarden Dollar, die der Iran in die militärische Unterstützung des alten Regimes gesteckt hat. Davon muss sich das Land erst einmal erholen.

Ist vorstellbar, dass die HTS-Islamisten auf eine strategische Allianz mit dem islamischen Gottesstaat Iran hinarbeiten?

Das sehe ich derzeit nicht. In Syrien leben nur wenige Schiiten, auch stehen mit den Golfstaaten finanzkräftigere Player als Partner für den Wiederaufbau bereit.

Also kein Grund zur Sorge für Israel? Wie bewerten Sie die aktuelle Militärintervention der israelischen Armee?

Israel hat die gesamte Militärinfrastruktur zerstört, die Pufferzone auf den Golanhöhen und auch den strategisch wichtigen Berg Hermon besetzt. Was die Regierung Netanjahu vorhat, ist nicht ganz klar: In einer englischsprachigen Verlautbarung heißt es, die Besetzung sei „temporär“, im hebräischen Text fehlt das Wort aber. Klar ist aber: Israel hat derzeit kein Interesse an einem starken Staat Syrien, und es könnte sicher auch mit einer Aufspaltung des Landes in mehrere Zonen gut leben.

Rubriklistenbild: © IMAGO/ZUMA Press Wire

Kommentare