Enthüllungen über Rechtsextreme

Geheimtreffen in Potsdam: Szenen aus der Smartwatch

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Schauspieler bei einer szenischen Lesung mit Details zu einem Treffen von AfD-Politikern, Rechtsextremisten und Unternehmer.
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Selten war Theater relevanter: Im Berliner Ensemble werden die Recherchen von Correctiv auf die Bühne gebracht.

Berlin – Das hat es in Deutschland noch nicht gegeben: Ein Theaterabend mit nachrichtlichen Enthüllungen über Kontakte von Rechtsextremen zu Politiker:innen von AfD und CDU. Eine Woche nach der Enthüllung eines Geheimtreffens im November in Potsdam hat der Rechercheverbund Correctiv am Mittwochabend wie angekündigt neue Details dazu enthüllt.

Dabei geht es um einen Mitarbeiter des AfD-Bundestagsabgeordneten Jan Wenzel Schmidt aus Sachsen-Anhalt. Der Mann soll auf dem Treffen am 25. November im Landhaus Adlon einen Vortrag darüber gehalten haben, wie man Linke am besten einschüchtert. „In seinem Vortrag macht er dies mit einem Beispiel anschaulich: Er habe 2021 den Aufenthaltsort eines deutschen Antifa-Aktivisten in Polen verbreitet und einen Schlägertrupp auf ihn angesetzt“, schreibt Correctiv. Müller hat dies gegenüber Correctiv abgestritten und erklärt, dass er aus dem Internet von dem Angriff auf den Mann erfahren habe. Zuvor habe er sich lediglich mit polnischen Journalisten über dessen Aufenthaltsort ausgetauscht.

Potsdamer Geheimtreffen auf der Bühne – Distanz zum Geschehen

Im Theater ist es ganz still, als die Szene von Müllers Vortrag auf der Bühne nachempfunden wird. Vier Schauspieler und eine Schauspielerin stellen in der szenischen Lesung immer wieder neue Teilnehmer des Potsdamer Treffens dar. Dabei erklären sie jeweils, lediglich die „Bühnenfigur“ der jeweiligen realen Figur zu sein. Das gibt Distanz zum Geschehen und soll wohl auch juristischen Klagen standhalten. Die Texte, die die Darsteller:innen lesen, sind teilweise fiktional, worauf an der jeweiligen Stelle hingewiesen wird. Sie gäben den Sinn des Gesprochenen wieder, der aus Gedächtnisprotokollen entstanden sei. Von wem diese stammen, bleibt ebenso offen, wie die Namen vieler Teilnehmer:innen an dem Treffen. Aus diesem Kreis stammt offenbar zumindest ein Teil der Informationen.

Die Zuschauer:innen erfahren aber, dass die Teilnehmer:innen bei ihrer Ankunft von einem vor dem Landhotel ankernden Saunaboot aus gefilmt und fotografiert wurden. Zudem war ein Mitarbeiter von Correctiv im Hotel eingemietet und hat sich offenbar Zugang zum Konferenzsaal verschafft, in dem das Treffen stattfand. Die Teilnehmer seien mit einer Smartwatch gefilmt worden, hieß es am Mittwochabend. Auch die so entstanden Filme werden gezeigt, es sind kurze verwackelte Szenen.

Masterplan zur „Remigration“ bei Geheimtreffen mit AfD

Insgesamt 20 bis 30 Personen haben Ende November an dem besagten Treffen in Potsdam teilgenommen, auf der der frühere Kopf der Identitären Bewegung in Österreich, Martin Sellner, den Recherchen zufolge einen Masterplan zur „Remigration“ vorgestellt hat. Dieser sollte auch die Vertreibung deutscher Staatsbürger zum Ziel haben.

Am Mittwochabend wurden auch Fotos von Roland Hartwig gezeigt, einem engen Mitarbeiter von AfD-Chefin Alice Weidel. Er galt auf dem Treffen offenbar eine Kontaktperson zum AfD-Parteivorstand. Weidel hat die Berichterstattung von Correctiv am Dienstag im Bundestag als Skandal bezeichnet. Hier würden unbescholtene Bürger von „linken Aktivisten mit Stasi-Methoden infiltriert“, sagte sie bei einem Auftritt vor der Presse. Gleichzeitig räumte sie ein, dass sie sich von ihrem Mitarbeiter Hartwig „in beiderseitigem Einvernehmen“ getrennt habe und dass dies im Zusammenhang mit dem Potsdamer Treffen stehe.

Die Aufführung im Netz

Der Stream des Theaterabends kann unter berliner-ensemble.de/Correctiv abgerufen werden.

Knapp anderthalb Stunden dauert die Lesung, die mit minutenlangem stehenden Applaus gefeiert wird. Einige junge Leute rufen immer wieder „Zusammen gegen den Faschismus“ in den Saal. Auf der Bühne werden nun Bilder von den Demonstrationen gegen den Rechtsextremismus gezeigt, die es in den vergangenen Tagen in vielen Städten Deutschlands gab. Ein Schauspieler hatte zuvor einen Schlussmonolog gesprochen: „Vielleicht wird dieser Abend auch Teil einer neuen Erzählung: Einer Erzählung, die damit beginnt, dass wir uns gegen die faschistischen Kräfte in diesem Land wehren. Es könnte eine Erzählung sein, die zeigt, dass wir viele sind. Dass wir als Zivilgesellschaft nicht pennen. Sondern, dass wir hellwach sind. Und dass wir uns unsere Demokratie nicht kaputt machen lassen“. (Christine Dankbar)

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