Gaza-Krieg

Explosion im Krankenhaus: Was über den möglichen Raketeneinschlag im Gazastreifen bisher bekannt ist

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Eine Explosion bei einem Krankenhaus in Gaza-Stadt, Hunderte Tote und Verletzte und kein Täter. Alle Fakten über die Lage im Krieg in Israel im Überblick.

Update vom 20. Oktober, 9.07 Uhr: Aktuelle Berichte zur Explosion des Gaza-Krankenhauses legen nahe, dass Israel das Gebäude im Gazastreifen wohl nicht bombardiert hat. Wie aus den Informationen der US-Geheimdienste hervorgeht, soll es bei dem Vorfall wohl zwischen 100 und 300 Menschen getötet worden. Zuvor hatte die Hamas bis zu 500 Tote gemeldet und Israel für den Beschuss des Gebäudes verantwortlich gemacht. Europäische Geheimdienste hatten erklärt, nicht Hunderte, sondern „eher ein paar Dutzend“ Menschen seien getötet worden. 

Israel hatte nach dem Angriff auf das Krankenhaus im Gazastreifen die Gruppierung „Islamischer Dschihad“ verantwortlich gemacht. Die Geheimdienste teilten in ihrem Bericht zudem mit, dass die USA daran arbeiteten würden, „zu beweisen, dass die Explosion von einer fehlgeleiteten Rakete des Islamischen Dschihad verursacht wurde“. ARD-Analysten gehen inzwischen davon aus, dass die Hamas-Version der Ereignisse unglaubwürdig ist.

Explosion in Krankenhaus im Gazastreifen: Krieg in Israel mit großem Vorfall

Erstmeldungen vom 19. Oktober, 10.04 Uhr: Gaza – Nach einer Explosion bei einer Klinik im Gazastreifen mit möglicherweise Hunderten Toten ist unklar, wer für den Vorfall verantwortlich ist. In Israel spricht man von einer fehlgeleiteten Rakete des islamistischen Dschihad, was man Belegen untermauern konnte. Die islamistische Terrorgruppe kündigte im Gegenzug einen „Tag des beispiellosen Zorns“ als Vergeltungsschlag an. Die Lage ist extrem angespannt und unübersichtlich: Ein Blick auf das, was wir wissen, und was noch unklar ist.

Kritische Kriegsberichterstattung

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Berichte im Krieg in Israel über Explosion im Gazastreifen: Was ist in Gaza passiert?

Eine Explosion bei einem Krankenhaus in Gaza soll am Dienstagabend (17. Oktober) mehrere Hundert Menschen getötet haben. Videorecherchen des britischen Nachrichtensenders BBC datieren den Zeitpunkt der Explosion auf circa 19 Uhr. Dabei bezieht sich der Nachrichtensender auf Videomaterial aus einem Livestream von Al-Jazeera, der die Detonation in Gaza-Stadt aufgezeichnet hatte.

Ein Überblick über die Verwüstungen, die durch die Explosion beim al-Ahli-Arab-Krankenhaus verursacht wurden. (Archivfoto)

Die Bilder deuten auf einen Flugkörper – möglicherweise eine Rakete – als Explosionsursache hin. So ist auf dem Video kurz vor der eigentlichen Explosion ein helles Licht am Himmel über Gaza zu sehen, das nach mehrmaligem Aufblitzen schlagartig seine Richtung änderte und dann auf den Boden zusteuerte. Laut BBC konnten die Echtheit der Aufnahme durch weitere Videos, die das Geschehen aus verschiedenen Blickwinkeln dokumentierten, bestätigt werden.

Ein Abgleich veröffentlichter Fotos und Satellitenbilder deutet darauf hin, dass sich die Explosion unweit entfernt vom al-Ahli-Arab-Krankenhaus im Zentrum von Gaza ereignet hatte. „Das Bildmaterial, das derzeit auch in sozialen Medien kursiert, zeigt das Krankenhaus bei Tageslicht. Das Bildmaterial scheint authentisch und aktuell zu sein. Darauf ist der Parkplatz des Krankenhauses zu sehen. Die Autos dort sind zwar zerstört und ausgebrannt, stehen aber doch relativ unverrückt auf ihren Plätzen, die umstehenden Gebäude scheinen wenig beeinträchtigt zu sein“, analysiert der Terrorismusexperte Hans-Jakob Schindler beim Tagesspiegel. Über Geschosssplitter am Explosionsort, die den Flugkörper identifizieren könnten, wurden bislang nicht berichtet.

Vorfall im Gazastreifen im Krieg in Israel: Wie viele Tote gab es bei der Explosion am Krankenhaus?

Das al-Ahli-Arab-Krankenhaus gehört der anglikanischen Kirche an und wird von ihr betrieben. Ordensmitglied Richard Sewell teilte gegenüber BBC mit, dass etwa 1000 Geflüchtete im Innenhof des Krankenhauses Schutz gesucht hätten, als es zur Explosion kam. 600 weitere Personen hätten sich währenddessen im Gebäude befunden.

In der Nacht der Explosion bezifferte eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums im Gazastreifen die Zahl der Toten auf 500 oder mehr. Später sprach das von der Hamas gelenkte Ministerium von „hunderten“ Toten, ehe am Mittwoch (18. Oktober) von 471 getöteten und 324 verletzten Menschen die Rede war. Laut dem israelischen Militär sei die von den Hamas genannte Zahl der Explosionsopfer übertrieben, berichtet die New York Times. Israel selbst nannte keine Opferzahl.

Mohammad Abu Selim, Leiter des nahe gelegenen Al-Shifa-Krankenhauses, sagte in einem Interview wenige Stunden nach der Explosion, er habe in seinem Krankenhaus 150 bis 200 Leichen identifiziert und weitere 300 Verletzte behandelt. Das Al-Shifa ist die größte Gesundheitseinrichtung in Gaza-Stadt. Mittlerweile ist das Krankenhaus so überfüllt, dass Patientinnen und Patienten auf den Fluren und außerhalb des Geländes behandelt werden. Laut BBC sei am Mittwochabend die Bergung aller Verletzten und Toten noch nicht abgeschlossen gewesen. Der Nachrichtensender bezog sich dabei auf einen eignen Reporter, der die Geschehnisse vor Ort verfolgt. Die Zahlen zu den Opfern der Explosion lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

Explosion inmitten des Kriegs in Israel: So reagiert die Welt auf den Vorfall am Krankenhaus im Gazastreifen

Nach dem mutmaßlichen Raketeneinschlag in ein Krankenhaus im Gazastreifen wächst die Sorge um eine Eskalation des Nahost-Konflikts. Beide Kriegsparteien machen die jeweils andere für den Vorfall im Israel-Krieg verantwortlich. Während die Hamas sowie mehrere arabische Staaten Israel für den Raketeneinschlag verantwortlich machen, wies die israelische Armee dies entschieden zurück. „Das Krankenhaus wurde durch eine fehlgeschlagene Rakete der Terrororganisation Islamischer Dschihad getroffen“, teilte das israelische Militär in einer Stellungnahme am Mittwoch mit.

US-Präsident Joe Biden zeigte sich in einem Beitrag auf X, vormals Twitter, „empört und zutiefst betrübt“ über die Explosion. Infolge der Tragödie habe er unmittelbar mit Jordaniens König Abdullah II. und Israels Premierminister Benjamin Netanjahu gesprochen und sein Team angewiesen, weitere Informationen über den genauen Hergang zu sammeln. Die Vereinten Nationen zeigten sich ebenfalls bestürzt. UN-Generalsekretär António Guterres bekundete auf X seine Trauer über den Vorfall: „Ich bin entsetzt über die Tötung Hunderter palästinensischer Zivilisten heute bei einem Angriff auf ein Krankenhaus in Gaza, den ich aufs Schärfste verurteile.“

Die USA gehen bisher davon aus, dass Israel nichts mit dem mutmaßlichen Raketeneinschlag zu tun hat. Bereits am Mittwoch äußerte Adrienne Watson, Sprecherin des National Security Council, die Vermutung, „dass Israel nicht für die Explosion verantwortlich war, bei der im al-Ahli-Krankenhaus im Gazastreifen Hunderte Zivilisten getötet worden sind.“ Bei seinem Staatsbesuch in Israel am Mittwoch bestätigte US-Präsident Biden gegenüber Premierminister Benjamin Netanjahu, dass die Explosion wohl vom „anderen Team und nicht von Ihnen“ verschuldet worden war. Dies habe sich laut dem Präsidenten aus den ihm vorliegenden Informationen ergeben, berichtete die Nachrichtenplattform Politico.

Proteste nach Explosion im Gazastreifen: Laut Hamas wohl viele Tote im Krankenhaus

In vielen muslimisch geprägten Ländern – beispielsweise Jordanien, Tunesien, Irak, Iran oder dem Libanon – kommt es infolge der Explosion zu Protesten und Demonstrationen gegen Israel. Während sich die USA und die Vereinten Nationen mit Mutmaßungen über den Drahtzieher der Explosion bedeckt halten, klagen der Libanon, Saudi-Arabien und die Türkei die israelische Regierung öffentlich an. Im Libanon ist die Rede von einem „kriminellen Regime“. Saudi-Arabien bezeichnet die „anhaltenden Angriffe der israelischen Besatzung“ auf Zivilisten als „abscheuliches Verbrechen“. Auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan machte Israel für die Explosion verantwortlich. Der Angriff sei frei von grundlegendsten menschlichen Werten, so Erdogan in einer Stellungnahme auf X.

Möglicher Raketeneinschlag in Krankenhaus im Israel-Krieg: Wer ist für die Explosion verantwortlich?

Welche Partei die Explosion angeleitet hat, ist bislang ungeklärt. Alle Verdächtigten streiten einen potenziellen Angriff ab. Die angeführten Beweise können nicht unabhängig auf ihre Echtheit überprüft werden und sind mit größter Vorsicht zu betrachten.

So will das israelische Militär den Mitschnitt eines abgehörten Gesprächs zwischen zwei Hamas-Mitgliedern besitzen, in dem einer der Sprecher bestätige, dass die Explosion durch eine vom islamischen Dschihad in Palästina abgefeuerte und abgestürzte Rakete verursacht worden sei. Auf dem Telegram-Kanal des islamischen Dschihad sei wenige Minuten nach der Detonation eine Nachricht gesendet worden, in dem die Terrorgruppe bestätigte, eine Rakete in Richtung Israel geschossen zu haben. In einem Telefoninterview mit der New York Times wies ein Sprecher des islamischen Dschihad in Palästina die Vorwürfe klar zurück.

Yousef Abu al-Rish, der oberste Beamte des Gesundheitsministeriums im Gazastreifen, erklärte auf einer Pressekonferenz am Dienstagabend, es habe Warnungen im Vorfeld vom israelischen Militär gegeben, das Krankenhaus zu evakuieren. Laut Erzbischof Hosam Naoum hab es in den vergangenen Tagen mindestens drei Anrufe und eine SMS gegeben, in der das israelische Militär die Krankenhausinsassen dazu aufforderte, das Gelände der Einrichtung zu verlassen. Die Informationen lassen sich nicht unabhängig prüfen.

Explosion bei Krankenhaus in Gaza: Was wir wissen, was wir nicht wissen

In einer derart unübersichtlichen Situation gibt es kaum gesicherte Fakten. Klar ist: Am Dienstagabend, den 17. Oktober 2023, gab es gegen 19 Uhr eine Explosion in Gaza-Stadt, welche vermutlich durch eine Rakete verursacht wurde. Die Detonation erfolgte im Innenhof des al-Ahli-Arab-Krankenhaus. Menschen wurden verletzt und getötet. Das Krankenhaus selbst scheint weitestgehend unbeschädigt zu sein.

Unklar ist: Wie viele Menschen wurden bei der Explosion getötet und verletzt? Die Zahl der Opfer scheint im dreistelligen Bereich zu sein. Durch was wurde die Explosion ausgelöst? Wie BBC berichtet, gibt es bislang keine Geschosssplitter, die Hinweise auf die Art des Projektils oder Flugkörpers geben könnten. Außerdem bleibt unklar, wer die Explosion zu verschulden hat. Dabei könnte es sich sowohl um einen gezielten Angriff, als auch einen Unfall handeln. Bislang gibt es keine Partei, die sich zu der Tragödie bekennt. (aa/dpa)

Transparenzhinweis: Am 20. Oktober wurde der Einstieg angepasst. In der ursprünglichen Version wurde der Sachverhalt missverständlich wiedergegeben.

Rubriklistenbild: © Mohammad Abu Elsebah/dpa

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