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Im Falle einer russischen Niederlage könnte ein Machtwechsel erfolgen. Putins potenzielle Nachfolger sind jedoch weitaus gefährlicher, warnen Experten.
Kiew – Der Ukraine-Krieg jährt sich bald zum ersten Mal. Experten blicken bereits sorgenvoll auf Szenarien nach dem Krieg. Bereits jetzt wird es unruhig um die Machtzirkel von Kreml-Chef Wladimir Putin. Sollte die Ukraine auf dem Schlachtfeld gewinnen, könnte in Russland ein Machtwechsel erfolgen. Experten warnen vor dessen Folgen und die Auswirkungen auf Friedensgespräche nach dem Krieg.
Ukraine-Krieg: Experten warnen vor Folgen durch Machtwechsel im Falle einer Niederlage für Russland
Sollte die Ukraine den Krieg für sich entscheiden, könnte Putin den Rückhalt in der Politik und in der Gesellschaft verlieren. Viele hoffen, dass Putin im Falle einer Niederlage im Ukraine-Krieg aus dem Amt entfernt wird und die Chance danach auf Verhandlungsgespräche steigt. Seit geraumer Zeit gibt es zudem Gerüchte über Putschversuche Putins, die diese Vermutungen untermauern. Doch James W. Davis, Leiter des Instituts für Politikwissenschaft an der Uni St. Gallen, hält diese Annahme für fragwürdig.
Eine russische Niederlage müsse nicht unbedingt ein Ende des Krieges bedeuten, schreibt Davis in einem Gastbeitrag der Süddeutschen Zeitung (SZ). Machthaber, die als potenzielle Nachfolger Putins infrage kämen, könnten Aussicht auf einen Verhandlungsfrieden schmälern, schreibt Davis. Da wäre zum einen der berüchtigte Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin und Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrow. Einst beide bekannt als enge Verbündete des Kreml-Chefs, könnten sie Putin zur Gefahr werden. Prigoschin und Kadyrow hatten Putin unter anderem für die Zurückhaltung im Krieg und Putin unter Druck gesetzt.
Ende des Ukraine-Kriegs: Putin-Nachfolger stellen Gefahr dar – Experten plädieren dennoch für Waffenlieferung
Zudem würde eine russische Niederlage auf dem Schlachtfeld nicht automatisch einen Waffenstillstand einleiten. Davis rechnet trotz eines ukrainischen Sieges mit weiteren Raketenangriffen aus Moskau. Gleichzeitig betont der Wissenschaftler, dass eine Waffenlieferung dennoch notwendig ist. Auch aus Sicht des Friedensforschers Thorsten Bonacker benötigt die Ukraine derzeit Waffen, um sich gegen die russische Offensive zu verteidigen. Davis zufolge müsse man daher der Ukraine weitere Unterstützung zusichern. Diese müssten ein besseres Luftverteidigungssystem und die Förderung des Wiederaufbaus der kritischen Infrastruktur umfassen.
Zudem spricht sich Davis für strengere Sanktionen gegenüber Russland vor. Diese sollen für Putin die Möglichkeiten verringern, seine Raketenarsenale aufzufüllen und ausländische Munition zu importieren. Wichtig sei auch eine Aufklärung des Ukraine-Kriegs, um der Verbreitung russischer Propaganda entgegenzuwirken. Die EU hat bereits angekündigt, stärker gegen Desinformationen, die als Teil der russischen Kriegspropaganda verbreitet werden, vorzugehen.
Baldiges Kriegs-Ende in Sicht? Kreml-Chef spricht erneut Drohungen gen Westen aus
In den vergangenen Wochen hat die Spannung zwischen der Ukraine und Russland zugenommen. Moskau hat mehrfach Drohungen gen Westen ausgesprochen, die nahe legen, dass ein baldiges Kriegsende noch in weiter Ferne ist. Russlands Außenminister Lawrow oder Ex-Präsident Medwedew drohten offen mit Vergeltung, dem Überschreiten von der „Roten Linie“ oder möglichen Atomschlägen gegen die Ukraine und den Westen. Nun greift auch Präsident Wladimir Putin selbst zunehmend dieses Narrativ auf.
„Diejenigen, die hoffen, Russland auf dem Schlachtfeld zu besiegen, verstehen nicht, dass ein moderner Krieg gegen Russland ganz anders aussehen wird. Wir schicken nicht unsere Panzer an ihre Grenzen – wir haben andere Antworten …“, wetterte der Kreml-Chef in seiner jüngsten Ansprache.
