VonJohannes Dieterichschließen
Nigers Staatschef Mohamed Bazoum schwebt in Lebensgefahr, weigert sich aber zurückzutreten. Die Militärjunta wirft ihm Hochverrat vor.
Niamey – Mohamed Bazoum ist die ranghöchste Geisel der Welt. Der Staatschef des Nigers wird seit drei Wochen im Erdgeschoss seiner Residenz in der Hauptstadt Niamey festgehalten: Bewacht von Soldaten der Präsidentengarde, die ihn eigentlich beschützen sollten. Deren Chef Abdourahamane Tchiani hat am 26. Juli einen Staatsstreich gegen den 63-jährigen Präsidenten ausgeführt: Jetzt soll Bazoum dazu gezwungen werden, seine Rücktrittserklärung zu unterschreiben.
Freund von Bazoum über Rücktrittsforderung der Junta: „Das wird er nie tun“
„Das wird er nie tun“, ist sein langjähriger Freund Mamadou Kiari Liman-Tinguiri überzeugt: „Dazu ist er mental viel zu stark“, sagt Nigers Noch-Botschafter in Washington. Unterschreibt er nicht, werde er eben „ausgehungert“. Seine Bewacher haben den Strom zu seiner Villa abgeschaltet, ebenso das Leitungswasser und das Gas zum Kochen. Mehr als zwei Wochen lang kamen auch keine Lebensmittel in die Präsidentenvilla, berichtet Bazoums Tochter, die 34-jährige Zazia, dem britischen Guardian: „Im Kühlschrank verrottete das Essen. Sie hatten nur noch Reis und Pasta.“
Ihr Vater habe wie ihre Mutter fünf Kilo abgenommen, sagt Zazia: Ihr Bruder sogar zehn. „Das ist Folter“, schimpft die Juristin. Ihr 20-jähriger Bruder habe ein Herzleiden: Erst am Wochenende sei endlich ein Arzt vorgelassen worden. Der brachte auch ein paar frische Lebensmittel mit.
Nach Putsch im Niger: Bazoum droht wegen Aufruf an das Ausland die Todesstrafe
Sein Telefon haben ihm die Wärter überraschenderweise gelassen. Mit dem hält er Kontakt zu US-Außenminister Antony Blinken, zur Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, zu seinem Freund Liman-Tinguiri und zu seiner Tochter. Weil er in einem Beitrag für die Washington Post die „gesamte internationale Gemeinschaft“ dazu aufrief, die „verfassungsrechtliche Ordnung“ im Niger wieder herzustellen, will ihn die Junta nun des Hochverrats anklagen. Darauf steht in dem Sahelstaat die Todesstrafe.
Politisch gesehen nehmen Bazoums Chancen, wieder als Präsident eingesetzt zu werden, so rasant ab wie sein Körpergewicht. Auch wenn bis zu diesem Freitag die Generalstabschefs der Ecowas-Staaten über die Modalitäten eines militärischen Einsatzes beraten. Der Widerstand gegen eine derartige Intervention ist auch seitens der Afrikanischen Union zu groß.
So wird sich Ecowas damit begnügen müssen, mit der Junta eine möglichst rasche Rückkehr zur Demokratie auszuhandeln. Und Mohamed Bazoum wird auf der Strecke bleiben, auch wenn er sich weiterhin weigert, seine Demission zu unterschreiben. Mache der westafrikanische Staatenbund seine Drohung eines Militärschlags wahr, könne Bazoums Sicherheit nicht mehr gewährleistet werden, warnten vor kurzem die Putschisten.
Niger: Neue Hintergründe zum Putsch werden bekannt
Mittlerweile kommen auch die Hintergründe des Staatsstreichs im Niger immer deutlicher zum Vorschein. Zum Verhängnis wurde Bazoum sein unterkühltes Verhältnis zum Militär: Der linksgerichtete Philosophiestudent und Gewerkschaftsaktivist ging etwa im Umgang mit den islamistischen Extremisten andere Wege. Statt nur mit Waffengewalt zu reagieren, suchte er auch das Gespräch. Als er die finanziellen Mittel der Generäle kürzen wollte, schlugen sie zu: Sie trauten dem Angehörigen der arabischen Minderheit des Landes ohnehin nicht über den Weg.
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