„100.000 tote Soldaten wären ihm egal“

Nordkorea-Experte warnt: Kim Jong-un könnte weitere Soldaten nach Russland schicken

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Im Ukraine-Krieg kämpfen nordkoreanische Soldaten an der Seite Putins. Ein Experte sagt: Kim könnte weitere schicken – auch vor einem Angriff auf NATO-Gebiet schrecke er nicht zurück. Eine Analyse.

Rund 15.000 Soldaten soll Nordkoreas Diktator Kim Jong-un westlichen Geheimdiensten zufolge bereits in den Krieg gegen die Ukraine geschickt haben, mehrere Tausend von ihnen wurden demnach verwundet oder getötet. Der Nordkorea-Experte Lee Sung-yoon glaubt: Kim könnte noch viele weitere Männer an die Front abkommandieren, wenn Wladimir Putin das wünscht. „Wir können davon ausgehen, dass weitere 10.000, 20.000 oder vielleicht sogar 50.000 Soldaten nach Russland geschickt werden“, sagte Lee, der am Sejong Institute in Seoul forscht, der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.

Nordkorea könnte Tausende weitere Soldaten nach Russland schicken (Archivbild).

Hohe Verluste in den eigenen Reihen würde Kim dabei in Kauf nehmen. „100.000 tote Soldaten, das wäre ihm egal“, sagt Lee. Er verweist darauf, dass während der großen Hungersnot in Nordkorea in den Neunzigern bis zu zwei Millionen Menschen gestorben seien; den damaligen Herrscher Kim Jong-il, Vater von Kim Jong-un, habe das unbeeindruckt gelassen, er habe dem Sterben einfach zugesehen, statt Lebensmittel zu importieren. Auch aus der Bevölkerung habe es damals keine Proteste gegen das Regime gegeben. Lee ist sich deshalb sicher: „Nicht einmal Wladimir Putin kann seiner Bevölkerung so viele tote Soldaten zumuten wie Kim Jong-un.“

Erst Kursk, dann der Donbas? Nordkorea-Soldaten könnten Kampfeinsatz gegen die Ukraine ausweiten

Derzeit kämpfen nordkoreanische Soldaten von russischem Staatsgebiet aus gegen die Ukraine, etwa in der Region Kursk. Anzeichen, dass sie ukrainisches Territorium betreten haben, gibt es nicht. Zuletzt hieß es allerdings aus der ukrainischen Regierung, Nordkorea könnte schon bald Soldaten in die russisch besetzten Teile des Donbas schicken. Nordkoreas militärischer Beistand für Russland bekäme so eine völlig neue Dimension.

Kim und Putin hatten im Juni 2024 einen Vertrag unterzeichnet, in dem sich beide Länder ihre gegenseitige Unterstützung im Verteidigungsfall zusichern – „mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen“, wie es in dem Dokument heißt. Das gilt laut dem Vertrag aber nur, wenn eines der beiden Länder angegriffen wird, eine Beteiligung Nordkoreas an Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine schließt diese Klausel also eigentlich aus. Allerdings deuten sowohl Russland als auch Nordkorea den russischen Einmarsch als notwendige Verteidigung gegen ein angeblich faschistisches Regime in Kiew um.

Einblicke ins Reich von Kim Jong-un: Alltag in Nordkorea

Menschen an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea
Nordkorea ist das wohl geheimnisvollste Land der Erde: eine totalitäre Diktatur, in der der Einzelne nichts zählt, ohne Freiheiten und Menschenrechte, abgeschottet vom Rest der Welt. Schätzungsweise 26 Millionen Menschen leben in dem Land, das im Norden an China und Russland grenzt und im Süden an das freiheitliche, demokratische Südkorea. Nordkoreas Grenzen sind für die meisten Menschen unüberwindbar – kaum einer kommt rein, noch weniger Menschen kommen raus. © Ed Jones/afp
Munsu Wasserpark in Pjöngjang.
Als buntes, lebensfrohes Paradies für alle, so zeigt sich Nordkorea gerne. So wie hier, im Munsu Wasserpark in Pjöngjang. Außerhalb der Hauptstadt, in der vor allem die Eliten wohnen, ist das Leben in Nordkorea aber vor allem trist und von Mangel und massiven Menschenrechtsverletzungen geprägt. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 2013. © Xinhua/Imago
Burgerladen in Pjöngjang
Die USA sind der erklärte Hauptfeind des nordkoreanischen Regimes. Das hindert das Land aber offenbar nicht, amerikanische Esskultur zu zelebrieren – wie hier in einem Burgerladen in Pjöngjang (Aufnahme von 2018). © Ed Jones/AFP
Braut und Bräutigam posieren für Fotos mit einem Pferd in der Reitschule Mirim am Stadtrand von Pjöngjang
Braut und Bräutigam posieren für Fotos mit einem Pferd in der Reitschule Mirim am Stadtrand von Pjöngjang (2016). © Ed Jones/AFP
Ein Kind spielt 2018 mit Pfeil und Bogen während einer Veranstaltung zum „Internationalen Kindertag“ im Kaeson Youth Park in Pjöngjang.
Ein Kind spielt 2018 mit Pfeil und Bogen während einer Veranstaltung zum „Internationalen Kindertag“ im Kaeson Youth Park in Pjöngjang. © Kim Won Jin/AFP
Touristen aus China posieren vor einem Denkmal in Pjöngjang
Touristen aus China posieren vor einem Denkmal in Pjöngjang (2019). Gigantische Propaganda-Monumente wie dieses finden sich überall in der nordkoreanischen Hauptstadt. © Ed Jones/AFP
In Nordkoreas U-Bahn-Netz sind noch immer alte Züge aus Berlin unterwegs
In Nordkoreas U-Bahn-Netz sind noch immer alte Züge aus Berlin unterwegs. Auf den Bahnsteigen verkünden Zeitungen die staatliche Propaganda. Das Bild entstand 2019. © Ed Jones/AFP
An einem Schießstand in Pjöngjang zeigt eine Ausbilderin ein in Nordkorea hergestelltes Sturmgewehr
Immer bereit, falls der Feind vor der Tür steht: An einem Schießstand in Pjöngjang zeigt eine Ausbilderin ein in Nordkorea hergestelltes Sturmgewehr (2018). © Ed Jones/AFP
Der Turm der Juche-Ideologie
Der Turm der Juche-Ideologie ist eines der Wahrzeichen der Stadt. Er befindet sich am Ufer des Flusses Taedong und ist ein Monument für Nordkoreas Staatsideologie, die eine Autarkie des Landes propagiert. (Aufnahme von 2019) © Ed Jones/AFP
Junge Besucher warten vor dem Museum für Naturgeschichte in Pjöngjang (2016).
Junge Besucher warten vor dem Museum für Naturgeschichte in Pjöngjang (2016). © Ed Jones/AFP
Das Monument zur Gründung der Partei der Arbeit Koreas in Pjöngjang
Das Monument zur Gründung der Partei der Arbeit Koreas in Pjöngjang: Der Hammer steht für die Arbeiterklasse, die Sichel für die Bauern und der Pinsel für die Intellektuellen. (Aufnahme von 2013) © Ed Jones/AFP
Hochzeitspaar auf dem Taedong-Fluss in Pjöngjang (2015)
Hochzeitspaar auf dem Taedong-Fluss in Pjöngjang (2015): Eine derart glamouröse Hochzeit können sich in Nordkorea nur die wenigsten Menschen leisten. © Ed Jones/AFP
Besucher füttern in Zoo von Pjöngjang die Bären (2016).
Besucher füttern in Zoo von Pjöngjang die Bären (2016). © Ed Jones/AFP
Ein Skigebiet nahe Wonsan im Osten von Nordkorea
Ein Skigebiet nahe Wonsan im Osten von Nordkorea (2017): Skifahren ist in dem Land ein Sport für die Eliten. © Ed Jones/AFP
Billard-Halle in Pjöngjang (2017)
Billard-Halle in Pjöngjang (2017): Der Sport ist in Nordkorea – wie auch in vielen anderen asiatischen Ländern – äußerst beliebt. © Ed Jones/AFP
Auf dem Land, wie hier in der Nähe von Kiliju im Nordosten von Nordkorea, ist das Leben beschwerlich. Die Aufnahme stammt von 2017.
Auf dem Land, wie hier in der Nähe von Kiliju im Nordosten von Nordkorea, ist das Leben beschwerlich. Die Aufnahme stammt von 2017. © Ed Jones/AFP
Der Kim-il-Sung Platz befindet sich im Zentrum von Pjöngjang. Das Regime nutzt ihn gerne für Aufmärsche – und Kinder offenbar auch zum Spielen (Aufnahme von 2019).
Der Kim-il-Sung Platz befindet sich im Zentrum von Pjöngjang. Das Regime nutzt ihn gerne für Aufmärsche – und Kinder offenbar auch zum Spielen (Aufnahme von 2019). © Ed Jones/AFP
Das Foto aus dem Jahr 2020 zeigt eine Kimichi-Fabrik in Pjöngjang.
Kimichi ist das Nationalgericht der beiden koreanischen Staaten. Das Foto aus dem Jahr 2020 zeigt eine Kimichi-Fabrik in Pjöngjang. © Kim Won Jin/AFP
Das Yangdok Hot Spring Resort ist ein beliebter Ausflugsort der Oberschicht (Bild von 2022).
Das Yangdok Hot Spring Resort ist ein beliebter Ausflugsort der Oberschicht (Bild von 2022). © Kim Won Jin/AFP
Der Pjöngjang-Marathon lockt jedes Jahr (hier: 2019) auch ein paar wenige ausländische Besucher in die Hauptstadt. Im Hintergrund: Nordkoreas Triumphbogen – höher als das Original in Paris.
Der Pjöngjang-Marathon lockt jedes Jahr (hier: 2019) auch ein paar wenige ausländische Besucher in die Hauptstadt. Im Hintergrund: Nordkoreas Triumphbogen – höher als das Original in Paris. © Kim Won Jin/AFP
Oans, zwoaf, gsuffa! Auch in Nordkorea gibt es ein Oktoberfest – hier im Jahr 2016.
Oans, zwoaf, gsuffa! Auch in Nordkorea gibt es ein Oktoberfest – hier im Jahr 2016. © Imago
Besucher eines Friedhofs für die „Märtyrer“ des Korea-Kriegs
Besucher eines Friedhofs für die „Märtyrer“ des Korea-Kriegs. Die Gesichtsmasken verraten es: Das Bild entstand in den Jahren der Corona-Pandemie, genauer: 2021. © Kim Won Jin/AFP
Das Bild zeigt Gewächshäuser in der Provinz Süd-Hamgyong im Jahr 2022.
Seit Jahrzehnten schafft es Nordkorea nicht, seine Bürger mit ausreichend Nahrung zu versorgen. Diktator Kim Jong-un gibt sein Geld lieber für Raketen als für Nahrungsmittel aus. Das Bild zeigt Gewächshäuser in der Provinz Süd-Hamgyong im Jahr 2022. © KCNA via KNS/AFP
Soldaten auf einem Jahrmarkt im Jahr 2012.
Soldaten auf einem Jahrmarkt im Jahr 2012. © Eric Lafforgue/Imago
Im Zentrum von Pjöngjang ehren riesige Bronzestatuen Staatsgründer Kim Il-sung (links) und seinen Sohn und Nachfolger Kim Jong-il (Aufnahme von 2023).
Im Zentrum von Pjöngjang ehren riesige Bronzestatuen Staatsgründer Kim Il-sung (links) und seinen Sohn und Nachfolger Kim Jong-il (Aufnahme von 2023). © Yuri Smityuk/Imago

Bereits in der Vergangenheit hatte Nordkorea ähnlich argumentiert, wenn es andere Länder militärisch unterstützte. „Selbst als international geächtetes Land möchte Nordkorea nicht als Verletzer der Souveränität anderer Länder angesehen werden. Das bedeutet, dass Pjöngjang seine militärischen Einsätze als Akt der Verteidigung und nicht als Aggression darstellt“, schreibt der Nordkorea-Experte Khang Vu in einem Beitrag für die australische Denkfabrik Lowy Institute. Als historische Beispiele nennt er nordkoreanische Militärhilfe für Nordvietnam (als Verteidigung gegen Angriffe der USA) und die Entsendung von Kampfpiloten nach Ägypten (als Verteidigung gegen israelische Luftschläge im Jom-Kippur-Krieg). Es sei also durchaus denkbar, so Vu, dass Kim seine Soldaten auch auf ukrainischem Staatsgebiet kämpfen lässt.

Nordkorea-Experte Lee glaubt, dass Kim sogar noch weiter gehen und seine Soldaten in den Einsatz gegen NATO-Länder schicken könnte, etwa gegen die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen. „Bei seinem Treffen mit Putin in Peking im September hat Kim klar gesagt, dass er alles tun werde, um Russland zu unterstützen“, sagt Lee. Das schließe auch die Beteiligung an einem russischen Angriff auf NATO-Gebiet ein. Im Gegenzug könnte Nordkorea von Russland neben Öl und Bargeld sensible Militärtechnologie erhalten, so Lee. „Kim Jong-un glaubt, dass es viel für ihn zu holen gibt, wenn er die Allianz mit Russland auch nach einem möglichen Waffenstillstand aufrechterhält.“ (Quellen: Gespräch mit Lee Sung-yoon, Lowy Institute, Yonhap, NK News, KCNA)

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