Herr Lee, Sie beobachten Nordkorea seit vielen Jahren. Waren Sie überrascht, als bekannt wurde, dass Kim Jong-un nicht nur Waffen und Munition, sondern auch Soldaten in den Ukraine-Krieg schickt?
Nein, das war absehbar. Ich habe schon im September 2023, drei Tage nach dem Treffen zwischen Kim und Putin im russischen Fernen Osten, in einem Fernsehinterview gesagt, dass Nordkorea Kampftruppen nach Russland schicken wird.
Berichte über nordkoreanische Soldaten in Russland gibt es erst seit letztem Herbst. Was hat Sie damals so sicher gemacht?
Schauen Sie: Was kann Nordkorea den Russen denn bieten? Es ist ein kleines, armes Land, die Wirtschaft liegt am Boden, die Menschen haben nicht einmal genug zu essen. Aber – und das mag jetzt sehr zynisch klingen: Nordkorea hat einen unerschöpflichen Vorrat an Menschenleben. Das nordkoreanische Regime nimmt keine Rücksicht auf sein Volk, jedes Jahr sterben dort Zehntausende an Hunger und Unterernährung, und Kim Jong-un kümmert das nicht. Er hat keine Skrupel, Tausende oder Zehntausende Soldaten zum Sterben nach Russland und in die Ukraine zu schicken. Auch wenn eine Million Soldaten ums Leben kommen, ihm ist das egal.
Zur Person
Lee Sung-Yoon ist Global Fellow am Woodrow Wilson International Center for Scholars, einer US-Denkfabrik. Zuletzt ist von ihm das Buch „Die Schwester“ erschienen, eine Biografie von Kim Jong-uns mächtiger Schwester Kim Yo-jong.
„Als würde man Kämpfer aus dem Ersten Weltkrieg in einen modernen Drohnenkrieg schicken“
Das mag sein. Aber auch als während der Hungersnot Mitte bis Ende der 1990er-Jahre fast zehn Prozent der nordkoreanischen Bevölkerung gestorben ist, hat sich niemand wirklich über die Regierung beschwert. Das nordkoreanische Regime schob einfach alles auf amerikanische Sanktionen, die die Lieferung von Lebensmitteln an Nordkorea verhindert hätten, und auf Naturkatastrophen. Der Propagandaapparat hat das Land fest unter seiner Kontrolle.
Berichten zufolge sind mehrere Tausend nordkoreanische Soldaten bei den Kämpfen verletzt worden oder ums Leben gekommen – obwohl es sich um Mitglieder einer Eliteeinheit handeln soll.
Auch das ist nicht wirklich überraschend. Korea ist ein sehr gebirgiges Land, die nordkoreanischen Soldaten sind dafür trainiert, in solch einem Terrain zu kämpfen. Außerdem wurden sie für Angriffe mit Fallschirmen ausgebildet und für den Krieg in Städten. In der Ukraine treffen sie jetzt auf völlig andere Voraussetzungen, auf weites, offenes Gelände. Das ist so, als würde man Kämpfer, die für den Grabenkampf im Ersten Weltkrieg ausgebildet wurden, in einen modernen Drohnenkrieg schicken.
Ich glaube, dass sie nicht glücklich darüber sind, wie die Dinge momentan laufen. Und sie werden ihre Strategie sicherlich anpassen, damit die nordkoreanischen Soldaten nicht einfach nur verheizt werden, sondern Russlands Krieg auch voranbringen. Im Ukraine-Krieg sind wahrscheinlich schon mehrere Hunderttausend Menschen ums Leben gekommen, und es werden noch viele weitere sterben. Ich weiß nicht, wie hoch Putins Schmerzgrenze ist. Aber ich bin mir sicher, dass Nordkorea eine sehr hohe Schmerzgrenze hat. 50.000 Tote? Für Kim Jong-un ist das keine große Sache. Dann schickt er einfach weitere 50.000 Soldaten nach Russland.
„Kim Jong-un hat Russland und China hinter sich“
Was bekommt Kim im Gegenzug von Putin?
Die USA vermuten, dass Putin Kim versprochen hat, ihm sensible militärische Satellitentechnologie zur Verfügung zu stellen, und dass er sie ihm auch liefern wird. Möglich ist auch, dass Putin den Nordkoreanern dabei hilft, ein Atom-U-Boot zu bauen oder ihr Raketenprogramm voranzubringen. All das kann man zu diesem Zeitpunkt nicht ausschließen. Entscheidend ist für mich aber etwa anderes.
Und zwar?
Der Militärpakt, den Kim und Putin im vergangenen Juni unterzeichnet haben und der die Basis dafür war, dass nordkoreanische Truppen jetzt im Ukraine-Krieg kämpfen. Der Vertrag besagt, dass ein Land dem anderen im Kriegsfall beistehen muss – unverzüglich und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Sollte es zu einem bewaffneten Konflikt auf der koreanischen Halbinsel kommen, wäre Putin verpflichtet, eingreifen.
Das stimmt. Aber stellen wir uns ein Szenario vor, in dem Kim Jong-un eine kleine Insel angreift, die zu Südkorea gehört, oder eine Rakete auf Seoul abfeuert: Dann wird er einfach behaupten, der Süden habe zuerst angegriffen, er verteidige sich nur. Nordkorea behauptet ja auch bis heute, dass im Koreakrieg 1950 der Süden angegriffen habe, was natürlich völliger Unsinn ist. Auch mit China hat Nordkorea übrigens einen solchen Beistandsvertrag unterzeichnet.
Das war 1961 …
Genau, aber der Vertrag ist noch immer gültig. 2014 haben die Chinesen zwar angedeutet, dass sie Nordkorea nicht beistehen würden, wenn es einen Krieg beginnt, sehr wohl aber, wenn es angegriffen wird. Kim Jong-un hat also Russland und China hinter sich, was ihm bei Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten und anderen Ländern ein großes Druckmittel in die Hand gibt.
Wenn es zu einem erneuten Treffen kommt, dann stündnore Kim diesmal deutlich besser da als noch während Trumps erster Amtszeit. Er verfügt über mehr und über bessere Raketen, und seit dem letzten Atomtest im September 2017 dürfte er auch sein Nukleararsenal weiter ausgebaut haben. Er wird also von Trump viel mehr fordern, wie zum Beispiel den kompletten Abzug der amerikanischen Truppen aus Südkorea.
Würde sich Trump darauf einlassen?
Wenn ihm Kim Jong-un im Gegenzug etwas bietet, mit dem er punkten kann: gut möglich. Schon während seiner ersten Amtszeit hatte Trump ja mit dem Gedanken gespielt, die amerikanischen Soldaten aus Südkorea abzuziehen. Trump geht es darum, in die Geschichte einzugehen, und mit einem Deal mit Kim könnte ihm das gelingen. Etwa, wenn sich Kim verpflichtet, sein Nuklearprogramm aufzugeben. Trump hat keine Ahnung von Nordkorea, er versteht nicht, wie Kim Jong-un tickt. Die Gefahr ist groß, dass er sich von ihm hinters Licht führen lässt.