Interview

Tote Soldaten im Ukraine-Krieg: „Nordkorea hat eine hohe Schmerzgrenze“

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Hunderte Soldaten aus Nordkorea sind im Ukraine-Krieg ums Leben gekommen. Ein Experte sagt: Kim Jong-un wird weiter Männer nach Russland schicken.

Erst waren es nur Waffen und Munition. Seit ein paar Monaten aber schickt Nordkoreas Diktator Kim Jong-un auch Soldaten in den Ukraine-Krieg, mehrere Tausend nordkoreanische Kämpfer sollen bei Gefechten in der russischen Region Kursk bereits ums Leben gekommen oder verletzt worden sein. „Ich glaube, dass Kim und Putin nicht glücklich darüber sind, wie die Dinge momentan laufen“, sagt Nordkorea-Experte Lee Sung-Yoon im Interview. „Aber ich bin mir sicher, dass Nordkorea eine sehr hohe Schmerzgrenze hat. Auch wenn im Ukraine-Krieg eine Million Soldaten sterben, Kim Jong-un ist das egal.“

Herr Lee, Sie beobachten Nordkorea seit vielen Jahren. Waren Sie überrascht, als bekannt wurde, dass Kim Jong-un nicht nur Waffen und Munition, sondern auch Soldaten in den Ukraine-Krieg schickt?
Nein, das war absehbar. Ich habe schon im September 2023, drei Tage nach dem Treffen zwischen Kim und Putin im russischen Fernen Osten, in einem Fernsehinterview gesagt, dass Nordkorea Kampftruppen nach Russland schicken wird.
Berichte über nordkoreanische Soldaten in Russland gibt es erst seit letztem Herbst. Was hat Sie damals so sicher gemacht?
Schauen Sie: Was kann Nordkorea den Russen denn bieten? Es ist ein kleines, armes Land, die Wirtschaft liegt am Boden, die Menschen haben nicht einmal genug zu essen. Aber – und das mag jetzt sehr zynisch klingen: Nordkorea hat einen unerschöpflichen Vorrat an Menschenleben. Das nordkoreanische Regime nimmt keine Rücksicht auf sein Volk, jedes Jahr sterben dort Zehntausende an Hunger und Unterernährung, und Kim Jong-un kümmert das nicht. Er hat keine Skrupel, Tausende oder Zehntausende Soldaten zum Sterben nach Russland und in die Ukraine zu schicken. Auch wenn eine Million Soldaten ums Leben kommen, ihm ist das egal.

Zur Person

Lee Sung-Yoon ist Global Fellow am Woodrow Wilson International Center for Scholars, einer US-Denkfabrik. Zuletzt ist von ihm das Buch „Die Schwester“ erschienen, eine Biografie von Kim Jong-uns mächtiger Schwester Kim Yo-jong.

„Als würde man Kämpfer aus dem Ersten Weltkrieg in einen modernen Drohnenkrieg schicken“

Bislang verschweigen die nordkoreanischen Medien, dass die eigenen Soldaten in Russland sterben. Wenn immer mehr Tote zu beklagen sind, dürfte das nicht mehr so leicht möglich sein.
Das mag sein. Aber auch als während der Hungersnot Mitte bis Ende der 1990er-Jahre fast zehn Prozent der nordkoreanischen Bevölkerung gestorben ist, hat sich niemand wirklich über die Regierung beschwert. Das nordkoreanische Regime schob einfach alles auf amerikanische Sanktionen, die die Lieferung von Lebensmitteln an Nordkorea verhindert hätten, und auf Naturkatastrophen. Der Propagandaapparat hat das Land fest unter seiner Kontrolle.
Berichten zufolge sind mehrere Tausend nordkoreanische Soldaten bei den Kämpfen verletzt worden oder ums Leben gekommen – obwohl es sich um Mitglieder einer Eliteeinheit handeln soll.
Auch das ist nicht wirklich überraschend. Korea ist ein sehr gebirgiges Land, die nordkoreanischen Soldaten sind dafür trainiert, in solch einem Terrain zu kämpfen. Außerdem wurden sie für Angriffe mit Fallschirmen ausgebildet und für den Krieg in Städten. In der Ukraine treffen sie jetzt auf völlig andere Voraussetzungen, auf weites, offenes Gelände. Das ist so, als würde man Kämpfer, die für den Grabenkampf im Ersten Weltkrieg ausgebildet wurden, in einen modernen Drohnenkrieg schicken.

Nordkorea – Kim Jong-uns abgeschottete Diktatur

Menschen an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea
Nordkorea ist das wohl geheimnisvollste Land der Erde: eine totalitäre Diktatur, in der der Einzelne nichts zählt, ohne Freiheiten und Menschenrechte, abgeschottet vom Rest der Welt. Schätzungsweise 26 Millionen Menschen leben in dem Land, das im Norden an China und Russland grenzt und im Süden an das freiheitliche, demokratische Südkorea. Nordkoreas Grenzen sind für die meisten Menschen unüberwindbar – kaum einer kommt rein, noch weniger Menschen kommen raus.  © Ed Jones/afp
Die Skyline von Pjöngjang
Hauptstadt sowie kulturelles und wirtschaftliches Zentrum des Landes ist Pjöngjang. Rund drei Millionen Menschen leben in der nordkoreanischen Metropole, die so anders ist als die anderen Mega-Städte Asiens. Pjöngjang ist grau, geprägt von Hochhäusern, gesichtslosen Wohnblöcken und gigantischen Monumenten, die der herrschenden Kim-Familie huldigen sollen. Wer in der Hauptstadt leben darf, ist privilegiert: Hier ist die Stromversorgung besser als auf dem Land, die Regale der Geschäfte sind voller, es gibt Freizeitparks, Kinos, Theater. © Olaf Schuelke/Imago
Kim Jong-un auf einem Pferd
Beherrscht wird Nordkorea seit 2011 von Kim Jong-un, einem Diktator, der skrupellos vor allem ein Ziel verfolgt: den eigenen Machterhalt und den seiner Sippe. Nordkorea ist das einzige kommunistische Land der Welt mit einer Erb-Monarchie, in der die politische Macht vom Vater auf den Sohn übergeht. Die sogenannte „Paektu-Blutlinie“ kontrolliert das Land seit dessen Gründung im Jahr 1948. Die Macht der Kims ist unanfechtbar, Aufstände gab es nie, dafür sorgt die lückenlose Überwachung und Kontrolle der gesamten Gesellschaft. © KCNA via KNS/afp
Sowjetische Soldaten in Pjöngjang
Korea war über Jahrhunderte ein geeintes Land. Die Geschichte der Teilung beginnt erst im 20. Jahrhundert: Von 1910 bis 1945 ist Korea eine japanische Kolonie, nach der Niederlage der Japaner besetzen sowjetische Truppen den Norden des Landes, der Süden wird von amerikanischen Truppen besetzt. Weil Verhandlungen über eine Vereinigung der beiden Landesteile scheitern, gründen sich 1948 auf der koreanischen Halbinsel zwei Staaten. © Jacob Gudkov/Imago
Szene des Koreakriegs
Zwei Jahre später dann die Tragödie: Der Korea-Krieg bricht aus. Kim Il-sung, Machthaber im Norden, schickt seine Truppen in den Südteil des Landes, um Korea mit Gewalt zu vereinen. Wenige Wochen später greifen die UN-Truppen unter Führung der USA den Norden an, stoßen bis an die chinesische Grenze vor. Das beunruhigt Peking – das nun auf der Seite von Nordkorea in den Krieg eingreift. 1953 wird ein Waffenstillstand verhandelt, das Land bleibt entlang des 38. Breitengrades geteilt. Ein Friedensvertrag wurde bis heute nicht unterzeichnet. © Imago
Familie Kim
Kim Il-sung, der Gründer und erste Präsident Nordkoreas, ist ein Machthaber von Stalins Gnaden. Geboren 1912, ist er als junger Mann im Widerstand gegen die japanische Besatzungsmacht aktiv. 1940 geht er ins Exil in die Sowjetunion, wo er schließlich zum späteren Machthaber Nordkoreas aufgebaut wird. Ab 1948 etabliert Kim einen auf ihn zugeschnittenen Personenkult. Mit brutalen Säuberungsaktionen entledigt er sich seiner Gegner. Politisch pendelt sein Land zwischen China und der Sowjetunion, vor allem, nachdem sich die beiden kommunistischen Führungsmächte ab Ende der 50er-Jahre zunehmend voneinander entfremden. © Imago
Kim Il-sung und Kim Jong-il
Schon in den 1970ern beginnt Kim Il-sung, seinen Sohn Jong-il zu seinem Nachfolger aufzubauen. Als er 1994 stirbt, übergibt er Kim Jong-il ein verarmtes Land. Mit dem Untergang der Sowjetunion wenige Jahre zuvor hat Nordkorea seinen wichtigsten und engsten Partner verloren, es stürzt in eine wirtschaftliche Krise, auf die eine fatale Hungersnot folgt. Hunderttausende Menschen verhungern. Unter Kim Jong-il, der 1941 oder 1942 geboren wurde, verschlechtern sich die Beziehungen zwischen Nordkorea und dem Rest der Welt, das Land schottet sich immer mehr ab. Vor allem die USA sowie Südkorea – das sich seit den 80ern zur Demokratie gewandelt hat – werden zu Feindbildern. © KCNA via KNS/afp
Fernsehbilder vom ersten nordkoreanischen Atomtest 2006
Unter Kim Jong-il beginnt die beispiellose Aufrüstung des bettelarmen Landes. Wichtigstes Ziel Kims ist es, Nordkorea zur Atommacht zu machen. 2006 gelingt ihm das, Nordkorea testet erstmals eine Atombombe. Die Welt ist geschockt, die Vereinten Nationen erlassen Strafmaßnahmen, denen insgesamt neun weitere Sanktionsrunden folgen. Heute ist Nordkorea eine Atommacht, die wohl Dutzende Sprengkörper besitzt. © Jung Yeon-Je/afp
Kim Jong-un beobachtet einen Raketentest
Zudem testet das Land regelmäßig ballistische Raketen, auf denen die nuklearen Sprengköpfe montiert werden können. So kann das Regime mit seinen Atomwaffen sogar die USA erreichen – zumindest in der Theorie, denn noch ist unklar, wie leistungsfähig die Raketen tatsächlich sind. © KCNA via KNS/afp
Donald Trump und Kim Jong-un an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea
Kim Jong-il stirbt 2011. Ihm folgt einer seiner Söhne nach: Kim Jong-un. Der treibt das Raketen- und Nuklearprogramm seines Vaters weiter voran. Als Hauptfeinde hat er Südkorea und die USA ausgemacht, die sein Regime regelmäßig mit drastischen Beleidigungen überzieht. Unter US-Präsident Donald Trump sieht es für einen kurzen Moment so aus, als könnten sich die Spannungen zwischen Nordkorea und dem Westen abkühlen – dreimal treffen sich Kim und Trump, auch Südkoreas damaliger Präsident kommt mit Kim zu einem Gipfeltreffen zusammen. © Brendan Smialowski/afp
Passanten in Pjöngjang währen der Corona-Pandemie
Doch die diplomatischen Initiativen scheitern 2019. Ein Jahr später sucht die Corona-Pandemie die Welt heim. Auch Nordkorea schließt seine Grenzen – und schottet sich gegen das Virus so hermetisch ab wie kein anderer Staat weltweit. Trotzdem meldet das Regime im Mai 2022 erste Corona-Fälle. Auch nach dem Ende der Pandemie bleibt Nordkorea ein international isoliertes Land. © Imago
Putin und Kim in Russland
Enge Beziehungen unterhält das Regime in Pjöngjang heute vor allem zu seinen beiden nördlichen Nachbarn China und Russland. Zu Wladimir Putin pflegt Kim ein besonders gutes Verhältnis, denn Russlands Präsident benötigt Nordkoreas Unterstützung für seinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine – als Lieferant von Waffen und Munition. Im Herbst 2023 treffen Putin und Kim in Russlands Fernem Osten zusammen, es ist Kims erste Auslandsreise seit der Pandemie. © KCNA via KNS/afp
Kim Jong-un und seine Tochter Ju-ae
Kim Jong-un wurde 1982, 1983 oder 1984 geboren, hat also möglicherweise noch viele Jahre vor sich. Nordkoreas Diktator ist allerdings bei schlechter Gesundheit. Er gilt als Kettenraucher und Alkoholiker und ist sichtbar übergewichtig. Was, wenn er stirbt? Experten glauben, dass Kim seine Tochter Ju-ae zu seiner Nachfolgerin aufbauen will. Seit November 2022 zeigen Staatsmedien das Mädchen, das wohl 2012 oder 2013 zur Welt gekommen ist, regelmäßig an der Seite ihres mächtigen Vaters. © KCNA via KNS/afp
Kim Yo-jong
Aber auch Kims Schwester Kim Yo-jong gilt als mögliche Erbin auf den Thron. Die Macht, die die Kims seit bald 80 Jahren innehaben, dürften sie jedenfalls so schnell nicht aus der Hand geben. © Jorge Silva/afp
Haben sich Putin und Kim verkalkuliert?
Ich glaube, dass sie nicht glücklich darüber sind, wie die Dinge momentan laufen. Und sie werden ihre Strategie sicherlich anpassen, damit die nordkoreanischen Soldaten nicht einfach nur verheizt werden, sondern Russlands Krieg auch voranbringen. Im Ukraine-Krieg sind wahrscheinlich schon mehrere Hunderttausend Menschen ums Leben gekommen, und es werden noch viele weitere sterben. Ich weiß nicht, wie hoch Putins Schmerzgrenze ist. Aber ich bin mir sicher, dass Nordkorea eine sehr hohe Schmerzgrenze hat. 50.000 Tote? Für Kim Jong-un ist das keine große Sache. Dann schickt er einfach weitere 50.000 Soldaten nach Russland.

„Kim Jong-un hat Russland und China hinter sich“

Was bekommt Kim im Gegenzug von Putin?
Die USA vermuten, dass Putin Kim versprochen hat, ihm sensible militärische Satellitentechnologie zur Verfügung zu stellen, und dass er sie ihm auch liefern wird. Möglich ist auch, dass Putin den Nordkoreanern dabei hilft, ein Atom-U-Boot zu bauen oder ihr Raketenprogramm voranzubringen. All das kann man zu diesem Zeitpunkt nicht ausschließen. Entscheidend ist für mich aber etwa anderes.
Und zwar?
Der Militärpakt, den Kim und Putin im vergangenen Juni unterzeichnet haben und der die Basis dafür war, dass nordkoreanische Truppen jetzt im Ukraine-Krieg kämpfen. Der Vertrag besagt, dass ein Land dem anderen im Kriegsfall beistehen muss – unverzüglich und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Sollte es zu einem bewaffneten Konflikt auf der koreanischen Halbinsel kommen, wäre Putin verpflichtet, eingreifen.
Die Beistandsklausel gilt aber nur dann, wenn Nordkorea angegriffen wird, und nicht, wenn es selbst angreift.
Das stimmt. Aber stellen wir uns ein Szenario vor, in dem Kim Jong-un eine kleine Insel angreift, die zu Südkorea gehört, oder eine Rakete auf Seoul abfeuert: Dann wird er einfach behaupten, der Süden habe zuerst angegriffen, er verteidige sich nur. Nordkorea behauptet ja auch bis heute, dass im Koreakrieg 1950 der Süden angegriffen habe, was natürlich völliger Unsinn ist. Auch mit China hat Nordkorea übrigens einen solchen Beistandsvertrag unterzeichnet.
Das war 1961 …
Genau, aber der Vertrag ist noch immer gültig. 2014 haben die Chinesen zwar angedeutet, dass sie Nordkorea nicht beistehen würden, wenn es einen Krieg beginnt, sehr wohl aber, wenn es angegriffen wird. Kim Jong-un hat also Russland und China hinter sich, was ihm bei Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten und anderen Ländern ein großes Druckmittel in die Hand gibt.
Soldaten marschieren bei einer Militärparade in Nordkorea (Archivbild).

„Donald Trump hat keine Ahnung von Nordkorea“

In wenigen Tagen kehrt Donald Trump ins Weiße Haus zurück. Wird sich Kim erneut auf ein Treffen mit ihm einlassen? Der letzte Gipfel in Hanoi vor sechs Jahren ging schließlich ohne Ergebnis zu Ende, Kim musste mit leeren Händen zurück nach Pjöngjang fahren.
Wenn es zu einem erneuten Treffen kommt, dann stündnore Kim diesmal deutlich besser da als noch während Trumps erster Amtszeit. Er verfügt über mehr und über bessere Raketen, und seit dem letzten Atomtest im September 2017 dürfte er auch sein Nukleararsenal weiter ausgebaut haben. Er wird also von Trump viel mehr fordern, wie zum Beispiel den kompletten Abzug der amerikanischen Truppen aus Südkorea.
Würde sich Trump darauf einlassen?
Wenn ihm Kim Jong-un im Gegenzug etwas bietet, mit dem er punkten kann: gut möglich. Schon während seiner ersten Amtszeit hatte Trump ja mit dem Gedanken gespielt, die amerikanischen Soldaten aus Südkorea abzuziehen. Trump geht es darum, in die Geschichte einzugehen, und mit einem Deal mit Kim könnte ihm das gelingen. Etwa, wenn sich Kim verpflichtet, sein Nuklearprogramm aufzugeben. Trump hat keine Ahnung von Nordkorea, er versteht nicht, wie Kim Jong-un tickt. Die Gefahr ist groß, dass er sich von ihm hinters Licht führen lässt.

Rubriklistenbild: © KCNA

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