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Die USA im Visier: Mit einer „strategischen Unterwasser-Nuklearwaffe“ will Nordkoreas Diktator Kim Jong-un das Überleben seiner eigenen Familie sichern.
München/Pjöngjang – Ein bisschen wirkt es so, als freue sich da ein Kind über sein neues Spielzeug: Am Freitag veröffentlichte Nordkoreas staatliche Nachrichtenagentur KCNA Fotos von Diktator Kim Jong-un, wie er mit breitem Grinsen im Gesicht vor einer angeblich neuartigen Unterwasserdrohne sitzt. „Haeil“ heiße das Kriegsgerät, schreibt KCNA, und dass es sich um eine „strategische Unterwasser-Nuklearwaffe“ handle. Ihre Aufgabe: „heimlich in operative Gewässer einzudringen und durch eine Unterwasserexplosion einen radioaktiven Tsunami von ungeheurem Ausmaß auszulösen, um Marinestreitkräfte und wichtige operative Häfen des Feindes zu zerstören“.
Die Drohne, die offenbar in den vergangenen Tagen getestet wurde, könne „an jeder Küste und in jedem Hafen eingesetzt oder von einem Überwasserschiff zum Einsatz geschleppt werden“, heißt es weiter. Zu verstehen ist das als Drohung an die USA und Südkorea. Die beiden Verbündeten hatten in der Region in den letzten Tagen die größten gemeinsamen Militärübungen seit fünf Jahren abgehalten – eine „Provokation“, wie es aus Nordkorea heißt, „rücksichtslos und gefährlich“. Die USA rechtfertigen die Übungen im Vorfeld als Reaktion auf das „veränderte Sicherheitsumfeld“ in der Region. Verursacher ist wiederum Nordkorea, das im vergangenen Jahr so viele Kurz-, Mittel- und Langstreckenraketen getestet hatte wie nie zuvor.
Nordkorea: Kim Jong-un geht es ums Überleben seiner Dynastie
Nordkoreas Drohnentest vom Freitag war bereits die sechste Machtdemonstration Pjöngjangs binnen einer Woche. In den vergangenen Tagen hatte Kim Jong-un mehrere ballistische Raketen sowie eine Interkontinentalrakete erproben lassen – beides ist dem Land laut UN-Beschlüssen eigentlich untersagt. Getestet wurde auch eine ballistische Rakete, die mit der Attrappe eines Atomsprengkopfs ausgerüstet war, zudem wurde ein „atomarer Gegenangriff“ simuliert, wie Pjöngjang mitteilte.
„Kim Jong-un hat deutlich gemacht, dass Nordkorea seine Raketen- und Atomwaffenfähigkeiten weiter verbessern will“, sagt Ramon Pacheco Pardo, Korea-Experte am King‘s College London, dem Münchner Merkur von IPPEN.MEDIA. „In dieser Hinsicht ist das Testprogramm Pjöngjangs also von entscheidender Bedeutung.“ Die Militärübungen Südkoreas mit den USA dienten Nordkorea lediglich als Vorwand. „Pjöngjang kann in Zukunft auch andere Gründe finden“, um weitere Tests zu starten, so Pacheco Pardo. Für Kim geht es dabei auch ums eigene Überleben. Denn seine militärischen Muskelspiele verkauft Nordkoreas Diktator seinem Volk als alternativlos – angesichts der ständigen Bedrohung durch die USA könne nur er alleine für die Sicherheit des nordkoreanischen Volkes sorgen, so das Narrativ.
Wobei diese Erzählung unlängst um ein neues, überraschendes Kapitel erweitert wurde. In den vergangenen Monaten zeigte sich Kim Jong-un immer wieder in Begleitung seiner „geliebten“ Tochter, wie Staatsmedien das vielleicht zehnjährige Mädchen nennen. Seit November wird die Kleine regelmäßig zusammen mit ihrem Vater bei Schießübungen oder Militärparaden abgelichtet. Kim Ju-ae heißt sie angeblich, zumindest will das der Geheimdienst aus Südkorea herausgefunden haben. Das Mädchen ist demnach eines von drei Kindern Kims und seiner Ehefrau Ri Sol-ju. Kim Jong-un wolle „die Verteidigung Nordkoreas mit seiner Familie und nicht nur mit ihm persönlich verbinden“, sagt dazu Ramon Pacheco Pardo. Der Korea-Experte glaubt zudem, dass Kim seine Tochter als mögliche Nachfolgern installieren will. Dabei ist Vater Kim offiziellen Angaben zufolge erst 40 Jahre alt.
Steht Nordkorea vor einem neuen Atomwaffentest?
Und er hat noch viel vor. Schon seit Längerem stehen Befürchtungen im Raum, Kim Jong-un könnte erstmals seit 2017 wieder einen Atomtest durchführen lassen. „Wir wissen nicht, ob Nordkorea das wirklich vorhat“, sagt Pacheco Pardo. Er vermutet, dass Widerstand aus China eine derartige Eskalation bislang verhindert haben könnte. Den Einfluss von Nordkoreas großem Nachbarn auf das Kim-Regime schätzt Pacheco Pardo ansonsten allerdings als „minimal“ ein. „China hat Nordkorea nicht wirklich davon überzeugen können, ernsthaft mit Südkorea oder den USA zu verhandeln oder sein Raketentestprogramm einzustellen“, sagt er.
Fraglich ist, ob Peking daran überhaupt Interesse hat. Oder ob es Staats- und Parteichef Xi Jinping nicht vielleicht ganz recht ist, wenn der Erzrivale USA vom Kim-Regime abgelenkt wird. Andererseits: Eine direkte Konfrontation vor der eigenen Haustüre wäre wohl kaum im Interesse Pekings. Chinas Außenamtssprecher Wang Wenbin zweifelte am Donnerstag jedenfalls öffentlich an, dass die Militärübungen von Südkorea und den USA lediglich defensiver Natur seien. Er forderte beide Länder auf, „aufzuhören, Öl ins Feuer zu gießen“, eine zuletzt beliebte Formulierung Pekings. Mahnende Worte in Richtung Nordkorea fand Wang hingegen keine.
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