VonStefan Brändleschließen
Donald Trump kommt zur Wiedereröffnung der Kathedrale Notre-Dame nach Paris. Doch warum fehlen der Papst sowie EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen?
Dreimal schlug Erzbischof Laurent Ulrich mit seinem Hirtenstab an das Hauptportal der Kathedrale. Als die Tür aufging, erschallte von innen aus 85 Kinderkehlen der Psalm 121: Notre-Dame de Paris ist auferstanden! Gut fünfeinhalb Jahre nach dem verheerenden Dachstuhlbrand, der die Welt erschütterte, übergab Ulrich die von Grund auf renovierte gotische Basilika der Öffentlichkeit – vor dem Brand waren jährlich zwölf Millionen Menschen zu Besuch gekommen.
Auf den Quais der Pariser Seine-Insel folgten am Samstagabend Zehntausende dem Anlass, der durch eine „Antiterror-Zone“ hermetisch abschirmt war. Im Inneren der Kathedrale waren es 2000 geladene Gäste, Zeremonienmeister Emmanuel Macron kam als Letzter. In einer kurzen Rede dankte er allen Beteiligten, während auf der Vorderfassade ein „Merci“ leuchtete.
Macron: Eine Stunde lang Mittelpunkt der Welt
Eine Stunde lang konnte sich Macron im Mittelpunkt der Welt fühlen und vergessen, dass er gerade keine Regierung hat.
Wegen der strikten Trennung von Kirche und Staat Frankreichs hatte der Erzbischof zuerst Macrons Ansprache in ein Festzelt vor der Kathedrale verbannt. Dem französischen Präsidenten kam aber die Wettervorhersage mit starken Winden und Böen zu Hilfe: Am Freitagabend ließ er die ganze Feier ins Innere der Kathedrale zurückverlegen. Also dorthin, wo sich schon Napoleon am 2. Dezember 1804 selbst gekrönt hatte. Dort, wo die Nation 1944 die Befreiung von Paris von den Nazis feierte, 1970 Abschied von Charles de Gaulle nahm und 2015 Terroropfer beklagte. Notre Dame sei ein Gotteshaus, aber auch ein Symbol für die „Einheit der Nation“, meinte die Historikerin Maryvonne de Saint Pulgent.
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Ins Rampenlicht trat in Paris auch Donald Trump. Der künftige US-Präsident wurde hofiert, als wäre er schon im Amt. Seine erste Auslandsreise seit der Wahl erklärte Trump damit, der Brand von 2019 habe „die USA so tief getroffen wie Frankreich“. Doch auch er nutzte den Besuch politisch – für Gespräche über die Zukunft der Ukraine. Während die US-Regierung des scheidenden Präsidenten Joe Biden der Ukraine am Samstag ein weiteres Hilfspaket von fast einer Milliarde Dollar zusicherte, kam Trump im Élysée-Palast mit Macron und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zusammen.
Selenskyj sagte im Anschluss, das Dreiertreffen sei „gut und produktiv“ verlaufen. Man habe über einen „gerechten Frieden“ gesprochen, und: „Wir wollen alle, dass dieser Krieg so schnell wie möglich zu Ende geht.“
Am Sonntag forderte Trump dann über die sozialen Medien eine „unverzügliche Waffenruhe“ in der Ukraine. In einer Botschaft auf seiner Onlineplattform Truth Social appellierte er an Kiew und Moskau, Verhandlungen aufzunehmen. Selenskyj strebe einen „Deal“ mit Russland zur Beendigung des Krieges an, so Trump.
Elon Musk: Platz auf den hinteren Rängen
Wenig später am Sonntag bremste Selenskyj via X/Twitter mit mahnenden Worten: Der Krieg könne „nicht einfach mit einem Stück Papier und ein paar Unterschriften enden. Ein Waffenstillstand ohne Garantien kann jederzeit wieder aufgekündigt werden, wie es Putin schon einmal getan hat. Damit die Ukrainer keine Verluste mehr erleiden, müssen wir die Verlässlichkeit des Friedens garantieren und dürfen vor der Besatzung nicht die Augen verschließen“, schrieb Selenskyj.
Am Samstag musste sich in der Kathedrale die offizielle Vertreterin der USA, First Lady Jill Biden, mit einem Platz neben Brigitte Macron begnügen, der US-Unternehmer Elon Musk mit einem anonymen Platz in den hinteren Rängen. Macron schenkte seine ganze Aufmerksamkeit dem zukünftigen US-Präsidenten. Die beiden scherzten während der Zeremonie und tauschten Blicke. Trump sprach von einer „great relationship“, einer großartigen Beziehung.
Von deutscher Seite nahm Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an den Feierlichkeiten in Notre-Dame teil. Auffällig war dafür eine weitere Absenz in dem illustren Kreis von 40 Staatsspitzen: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen reiste entgegen ihrer Ankündigung nicht nach Paris. Unklar war nur, ob sie das von sich aus tat oder ob sie ausgeladen worden war. Der Grund steht jedenfalls außer Zweifel: Seit Freitag ziehen französische Politiker:innen und Aktive aus der Landwirtschaft über das am Freitag geschlossene Mercosur-Freihandelsabkommen zwischen der EU und Südamerika her. Macrons Präsidialamt ließ verärgert wissen, das letzte Wort sei in dieser Frage noch nicht gesprochen.
Auch in der Beziehung mit dem Vatikan gibt es Unstimmigkeiten: Papst Franziskus schlug die drängende Einladung des säkularen Staatschefs aus. Dass er in einer Woche eine Konferenz in Korsika besucht, machte klar, dass die Absage nicht aus Gesundheitsgründen erfolgte.
Umso erstaunlicher wirkte das Beisammensein von Macron mit Trump. Obwohl sie politisch Welten trennen, schienen sich die zwei zur Selbstinszenierung Neigenden bestens zu verstehen. Vor einem Monat hatte der französische Präsident dem US-Wahlsieger Trump als einer der ersten gratuliert. Das erklärte er unter anderem damit, dass man „Trump nicht Orbán überlassen“ solle
