VonAndreas Schwarzkopfschließen
Hält die Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas, sind weitere Schritte aus dem Konflikt möglich. Der Kommentar.
Trotz des berechtigten Misstrauens in die zwischen Israel und Hamas vereinbarte Waffenruhe für Gaza und die berechtigten Hinweise auf die ungeklärten Fragen ist die Feuerpause die Voraussetzung für einen Weg aus dem Konflikt. Insofern ist sie ein Erfolg. Erst jetzt scheint es möglich, dass die israelischen Geiseln nach 15 Monaten frei kommen und die Menschen im Gazastreifen besser mit dem Nötigsten versorgt werden können.
Ob das geschieht, hängt auch weiter vor allem von den Kriegsparteien Israel und Hamas ab und weniger von jenen, die wie US-Präsident Joe Biden oder Donald Trumps Unterhändler vermittelt haben. Wer von beiden einen größeren Anteil an diesem Schritt in die richtige Richtung hat, mag für die beiden politischen Lager in den USA und für Biden sowie Trump wichtig sein. Für den Konflikt zwischen Israel und der Hamas ist entscheidender, dass die Kontrahenten 15 Monate nach dem blutigen Überfall der radikalislamistischen Terrororganisation nun weniger auf den militärischen Kampf setzen wollen.
Die israelische Regierung von Benjamin Netanjahu geht aus den Kämpfen an den verschiedenen Fronten als unangefochtener Sieger hervor. Der Iran und dessen Achse des Widerstands ist gebrochen, Hisbollah und Hamas geschlagen, Teheran mit Militärschlägen gedemütigt und Syrien als Unterstützer weggefallen.
Die Waffenruhe mit der Hamas verschafft Netanjahu eine Atempause, in der er seine Kräfte konsolidieren kann. Und er kann herausfinden, ob er mit Hilfe des künftigen US-Präsidenten Donald Trump den Nahen Osten nach seinen Vorstellungen neu ordnen kann. Dazu gehört ein Friedensschluss mit Saudi-Arabien genauso wie die Zerstörung des iranischen Atomprogramms oder die weitere Besiedelung des Westjordanlandes.
Die Hamas wiederum kann einlenken, weil die teils massive Kritik in Gaza an ihr und die massiven militärischen Attacken Israels sie zwar geschwächt haben, aber nicht hat verschwinden lassen. Die Islamisten haben sogar den zwischenzeitlichen Machtkampf mit der palästinensischen Autonomiebehörde für sich entschieden. Dennoch kann die Hamas ähnlich wie Israel eine ruhigere Phase gut gebrauchen, um sich zu konsolidieren.
Es geht bei der Waffenruhe also um vieles, aber nicht zuvörderst um einen Friedensprozess. Davon sind die Kriegsparteien noch weit entfernt. Ihnen fehlt das Vertrauen in die andere Seite genauso wie der Wille zu einer politischen Lösung. Dafür sind die Wunden noch zu frisch, die sich beide zugefügt haben.
Die israelische Gesellschaft hat noch keinen Weg gefunden, der Hamas für das Massaker vom 7. Oktober 2023 und dem unmenschlichen Umgang mit den Geiseln zu vergeben. Und aufseiten der palästinensischen Bevölkerung sind die Folgen des Krieges wie Wut und Trauer noch zu groß.
Und so wird ein wirklicher Friedensprozess noch warten müssen. Erst dann wird beantwortet werden können, wer in Gaza das Sagen haben soll, wer den Wiederaufbau des nahezu vollständig zerstörten Gaza-Streifens bezahlen soll und auch, wie die Hundertausenden Menschen dort wieder ein Dach über dem Kopf bekommen können.
Diese nüchterne Sicht der Dinge mag viele enttäuschen. Doch derzeit gibt es auf keiner Seite der Fronten genügend Stimmen der Mäßigung. Und das einstige Ziel einer Zwei-Staaten-Lösung spielt keine Rolle mehr. Aber wer weiß, vielleicht gelingt es Israel und der Hamas diesmal, die Waffenruhe einzuhalten. Und womöglich ist sie der Anfang vom Ende des Krieges. Berichte S. 2/3
