Russischer Ex-Kommandant erklärt: Darum werden Putins Truppen im Krieg „unweigerlich scheitern“
VonFelix Durach
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Der frühere Kommandant und Rebellenführer Igor Girkin sieht die fehlende Moral in der russischen Armee als größtes Problem im Ukraine-Krieg an.
Moskau – Die Offensive der russischen Streitkräfte im Ukraine-Krieg ist knapp elf Monate nach der russischen Invasion weiter ins Stocken geraten. Anfang Januar vermeldete die russische Militärführung erstmals seit Monaten wieder einen offensiven Erfolg in der Ukraine. Die Einnahme der Stadt Soledar war der erste Erfolg Russlands im Krieg gegen das Nachbarland seit der Eroberung von Lyssytschansk im Juli 2022. Auch wegen des ausbleibenden Fortschritts wächst die Kritik an Präsident Wladimir Putin.
Putin-Kritiker Girkin nennt Hauptgrund für russischen Misserfolg – fehlt Russlands Soldaten die Motivation?
Ein hartnäckiger Kritiker des russischen Präsidenten ist auch Igor Girkin. Der 52-Jährige zählte zu den militärischen Führern der selbsternannten Volksrepublik Donezk im Ukraine-Konflikt. Seit Beginn des Krieges äußert Girkin immer wieder Unzufriedenheit über das Vorgehen des russischen Militärs. Präsident Putin warf er dabei wiederholt eine zu schwache Haltung vor. Am Sonntag (22. Januar) kritisierte Girkin den russischen Präsidenten erneut in einem Beitrag auf Telegram. Dabei nannte er seiner Meinung nach den Grund, warum Russland den Krieg gegen die Ukraine nicht gewinnen werde.
„Von dem ganzen Komplex an Gründen, die die Kampfkraft der russischen Streitkräfte - nicht nur in der Offensive, sondern auch in der Verteidigung - sehr ernsthaft schwächen, halte ich den moralischen Faktor immer noch für den wichtigsten“, schrieb Girkin an seine Follower. Die überwiegende Mehrheit der in der Ukraine eingesetzten russischen Soldaten hätten keine Motivation dafür, erfolgreiche Offensivaktionen durchzuführen, schätzt der 52-Jährige die Lage ein. Das liege vor allem daran, dass die russischen Ziele im Ukraine-Krieg weder öffentlich kommuniziert würden, noch offiziell definiert seien.
Russlands Truppen fehlt die Moral: Girkin lobt „hartnäckigsten und professionellsten Einheiten“ der Ukraine
Ein weiterer Grund ist laut Girkin die den Offizieren zur Verfügung stehenden Disziplinarmaßnahmen. Diese seien eingeschränkt, da der Kreml die Aggressionen in der Ukraine weiterhin als „militärische Spezialoperation“ statt als Krieg bezeichne. Die dadurch rechtlich möglichen Disziplinarmaßnahmen würden jedoch nicht ausreichen, „um die Militärangehörigen mehr fürchten zu lassen als Tod und Verletzung durch feindliches Feuer“, so der 52-Jährige. Sollte Russland den Krieg auch offiziell als solchen bezeichnen, gäbe es rechtliche Grundlagen für weiterführende Maßnahmen.
Girkins Fazit: „Das Kommando kann nur in sehr engen, begrenzten Gebieten eine vollwertige Offensive gegen die Positionen eines standhaften und hartnäckigen Feindes mit ‚Elite‘-Einheiten durchführen.“ Erfolge für Russland seien nur dann möglich, „wenn eine mehrfache zahlenmäßige und vor allem technische Überlegenheit gegenüber dem Gegner“ geschaffen werden könne. Doch selbst eine solche Überlegenheit sei kein Garant für Erfolge gegen die „hartnäckigsten und professionellsten Einheiten des Feindes“.
Putin-Kritiker sicher: Offensive wird „unweigerlich scheitern“
Ein russischer Erfolg im Krieg gegen die Ukraine sei durch die aktuelle Herangehensweise deshalb nicht möglich, schrieb Girkin weiter. „Angesichts des anhaltenden und geschickten feindlichen Widerstands wird eine solche Offensive unweigerlich scheitern, da es dem Kommando nicht möglich ist, seine Truppen zu zwingen, mit dem erforderlichen Maß an militärischer Stärke in die Schlacht zu ziehen.“
Girkin ist nicht der erste Militär-Experte, der Moral und Motivation als entscheidende Faktoren im Ukraine-Krieg benannt hat. Bereits in den vergangenen Monaten machten unterschiedliche Beobachter auf diese Umstände aufmerksam. Während die ukrainischen Truppen ihrer Heimat und Familien verteidigen würden, kämpften russische Soldaten weit entfernt von ihrer Heimat für Ziele, die sie nicht verstehen würden.
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Igor Girkin: Rebellenführer wegen Abschuss des Malaysia-Airlines-Fluges 17 zu lebenslanger Haft verurteilt
Girkin gilt als einer der Hauptverantwortlichen für den Abschuss des Malaysia-Airlines-Fluges 17 im Jahr 2014 und ist deswegen international zur Verhaftung ausgeschrieben. Die Boeing-777 wurde von einer russischen Luftabwehrrakete getroffen und stürzte über der Ostukraine ab. Alle 298 Insassen kamen bei dem Absturz ums Leben. Ein niederländisches Gericht verurteilte den 52-jährigen Rebellenführer im November 2022 in Abwesenheit zu einer lebenslangen Haftstrafe. Russland streitet offiziell jede Verantwortung für den Absturz der Maschine ab. (fd)