Lage im Ukraine-Krieg: Putins Propaganda murrt über ausbleibende Fortschritte bei Offensive
VonJekaterina Jalunina
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Im Ukraine-Krieg gerät Russland zunehmend unter Druck: Die militärischen Erfolge bleiben aus. Selbst im Kreml-Umfeld mehren sich kritische Stimmen.
Moskau – Seit mehr als dreieinhalb Jahren hält die Ukraine den Angriffen Russlands stand. Der Krieg hat das Land nicht nur militärisch und humanitär, sondern auch finanziell schwer getroffen. Während die Frontlinien weitgehend unverändert bleiben, mehren sich nun auch in Russland selbst Stimmen, die von einer festgefahrenen Lage sprechen – teils aus Kreisen, die bislang als treue Verfechter der Kreml-Politik galten.
Laut der ukrainischen Monitoring-Gruppe Deep State konnte Russland zwischen Juni und August 2025 lediglich 1548 Quadratkilometer zusätzlich besetzen. Der Preis dafür war hoch: In diesem Zeitraum sollen rund 94.810 russische Soldaten gefallen sein, im Schnitt mehr als 1000 pro Tag. Offizielle Angaben zu den eigenen Verlusten macht Moskau kaum. Einzige Ausnahme war im September 2022, als das russische Verteidigungsministerium von 5937 getöteten Soldaten sprach. Unabhängige Recherchen zeichnen jedoch ein anderes Bild: Der russischsprachige Dienst der BBC und das Nachrichtenportal Mediazona erfassen kontinuierlich Todesfälle anhand öffentlich zugänglicher Quellen. Nach ihrer letzten Aktualisierung im September konnten inzwischen über 132,615 Gefallene namentlich bestätigt werden.
Kritik am Ukraine-Krieg: Kreml-nahe Stimmen räumen militärische Schwäche ein
Die ernüchternde Bilanz bleibt auch in Moskau nicht unbemerkt. Selbst Politiker und Propagandisten äußern sich zunehmend kritisch. So erklärte Dmitri Rogosin, Senator für die von Russland besetzte Region Saporischschja, am 21. September auf seinem Telegram-Kanal: „Es ist unmöglich, voranzukommen. An der Front gibt es eine Pattsituation.“
Auch die russlandfreundliche ukrainische Bloggerin Tatjana Montjan sprach laut t-online am 22. September von fehlendem Personal für neue Offensiven. In einem Interview mit dem kremlnahen Journalisten Pawel Iwanow warnte sie: „In der ersten Septemberhälfte hat sich das Tempo der Offensive deutlich verlangsamt. Möglicherweise sind die letzten Reserven aufgebraucht.“ Falls kein Durchbruch gelinge, müsse Präsident Wladimir Putin wohl eine weitere Mobilisierungswelle anordnen. Der Kyiv Independent berichtet ebenfalls, dass Propagandisten zunehmend auf Distanz zu offiziellen Erfolgsmeldungen gingen.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Noch schärfere Worte fand Pawel Gubarew, früherer Separatistenführer im Donbass. Auf seinem Telegram-Kanal sprach er von „unvergleichbar schweren“ Verlusten, da Russland ständig im Angriff sei, während die Ukraine defensiv agiere. Die Kiyv Independet griff seinen Gubarews Urteil auf: „In Wahrheit ist die Situation für uns bereits gleichbedeutend mit einer Niederlage.“ Russland sei nicht in der Lage, „die militärische Spezialoperation […] mit einem Sieg abzuschließen“.
Ukraine-Krieg: US-Spitze und russisches Staatsfernsehen stellen Kriegsbilanz infrage
Auch aus den USA kommt scharfe Kritik. US-Vizepräsident J.D. Vance erklärte am 28. September: „Die Russen müssen aufwachen und die Realität akzeptieren. Viele Menschen sterben und sie haben nicht viel vorzuweisen.“ US-Präsident Donald Trump betonte wenige Tage zuvor, Russland habe „Millionen und Abermillionen Dollar für Bomben, Raketen, Munition und Menschenleben, ihre Leben, ausgegeben und praktisch kein Land gewonnen.“
Selbst in den staatlich kontrollierten Medien Russlands tauchen inzwischen Fragen auf. In der Talkshow Mesto Vstrechi äußerte laut Kyiv Independent ein Gast Zweifel an den offiziellen Angaben über ukrainische Verluste: Ein Gast widersprach der Darstellung, Kiew habe bereits bis zu zwei Millionen Soldaten verloren. Angesichts der Truppenstärke sei dies unmöglich – die ukrainische Armee existiere schließlich weiterhin. Auf Nachfrage des Moderators, ob damit das russische Verteidigungsministerium lüge, antwortete der Gast: „Nicht nur unseres. Es ist ein riesiger Fehler, die ukrainische Armee zu unterschätzen.“
Personalmangel zwingt Kreml zu Rekrutierungen – mögliche Reserve für Kriegseinsatz
Wladimir Putin steht vor der Herausforderung, genügend Soldaten für den andauernden Ukraine-Krieg bereitzustellen. Nach Angaben der Deutschen Presse-Agentur wurden nun zahlreiche Männer zum Dienst einberufen. Offiziell bleibt unklar, ob sie unmittelbar an die Front geschickt werden sollen. Fachleute gehen jedoch davon aus, dass der Kreml damit nicht nur aktuelle Lücken schließen, sondern auch eine „strategische Reserve“ schaffen will – so bezeichnete es zuletzt das Institute for the Study of War (ISW). (Quellen: Deep State, BBC, Mediazona, t-online, Kyiv Independent, dpa, X, Institute for the Study of War) (jal)