„Faktische Niederlage“ im Ukraine-Krieg: Selbst Propagandisten kehren Putin den Rücken
Im vergangenen Jahr hat sich die Frontlinie im Ukraine-Krieg kaum bewegt. Nun sagen selbst Putin-Fans: Der Krieg ist für Russland so gut wie verloren.
Moskau – Der Ukraine-Krieg verläuft für den russischen Präsidenten Wladimir Putin nicht erfolgreich. Das sagten mehrere US-Repräsentanten in den vergangenen Tage öffentlich. Überraschenderweise schließen sich laut dem ukrainischen Blatt The Kyiv Independent auch bekannte Kreml-Propagandisten dieser Einschätzung zur Lage an der Ukraine-Front an.
Im vergangenen Jahr hat Russland kaum Fortschritte in der Ukraine gemacht. Das bestätigte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Dienstag (30. September) bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit NATO-Generalsekretär Mark Rutte. „In den letzten 1000 Tagen hat Russland nur ein Prozent des besetzten Territoriums der Ukraine erobert“, sagte von der Leyen. „Und das, obwohl in diesem Jahr mehr als eine Viertelmillion Russen auf dem Schlachtfeld ihr Leben verloren haben.“
Ukraine kann Frontlinie im Ukraine-Krieg beinahe halten – Russland mit Verlusten
Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch die ukrainische Kartierungs- und Überwachungsgruppe Deep State. Die Gruppe schätzt die im Juni, Juli und August neu besetzten Gebiete auf 1.548 Quadratkilometer. Das entspricht zwar ein größeres Gebiet als im gleichen Zeitraum 2024, macht jedoch nur 0,003 Prozent der Gesamtfläche der Ukraine aus.
Auch die USA richtet zunehmend warnende Worte an Russland. US-Vizepräsident JD Vance sagte am 28. September: „Die Russen müssen aufwachen und die Realität akzeptieren. Viele Menschen sterben, und sie haben nicht viel vorzuweisen.“ US-Präsident Donald Trump sagte, Russland habe „Millionen und Abermillionen Dollar für Bomben, Raketen, Munition und Menschenleben, ihre Menschenleben, ausgegeben und dabei praktisch kein Land gewonnen“.
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Russischer Senator zum Ukraine-Krieg: „An der Front herrscht Stillstand“
Auch russische Stimmen äußern sich inzwischen kritisch gegenüber dem Krieg. Die prorussische Bloggerin Tatyana Montyan warnte in einem Interview am 22. September, dass Präsident Wladimir Putin möglicherweise eine neue Mobilisierungswelle ankündigen müsse, „wenn es in dieser Frühjahrs-Herbst-Kampagne keinen größeren Durchbruch gibt“. Sie erklärte: „In der ersten Septemberhälfte hat sich das Tempo der Offensive deutlich verlangsamt. Möglicherweise haben sie ihre letzten Reserven eingesetzt.“ Tatsächlich wurde nun bekannt, dass Putin 135.000 Männer für seinen Krieg neu einberufen wird.
Der russische Senator Dmitry Rogozin, räumte am 21. September ebenfalls ein, dass die Frontlinie im Ukraine-Krieg einen „Stillstand“ erreicht habe. „Es ist unmöglich, voranzukommen. An der Front herrscht Stillstand.“ Rogozin repräsentiert in der russischen Staatsduma die besetzte ukrainische Region Saporischschja.
Prorussischer Separatist attestiert Russland „faktische Niederlage“ im Ukraine-Krieg
Noch weiter geht der Wortführer der prorussischen Bewegung in der Ostukraine, Pavel Gubarev. Er kommentierte Rogozins Aussage auf Telegram und beklagte die hohen russischen Verluste an der Front. Die staatliche Propaganda führe die russische Öffentlichkeit in die Irre und mache sie glauben, dass die Ukraine kurz vor dem Zusammenbruch steht. „Dabei stelle die Lage „faktisch eine Niederlage dar. Es gibt keine Möglichkeit, den Krieg mit einem Sieg zu beenden und gleichzeitig das koloniale Machtsystem in Russland aufrechtzuerhalten“, schrieb Gubarev.
Talkshowgast stellt im russischen Staatsfernsehen Zahlen im Ukraine-Krieg infrage
Und dann gab es noch einen Auftritt im russischen Fernsehen, bei dem ein Gast das russische Verteidigungsministerium sogar der Lüge bezichtigte. Eine Nutzerin auf X teilte den Clip der am 19. September live ausgestrahlten politischen Talkshow „Mesto Vstrechi“ des staatlich kontrollierten russischen Senders NTW (russisch: HTB). Bei dem Austausch ging es augenscheinlich um die Möglichkeit einer weiteren Rekrutierung von Reservisten für die russische Armee, dabei wurden auch die Verluste in der Ukraine diskutiert.
Der Talkshowgast stellte die offiziellen Zahlen zu den Verlusten der Ukraine infrage. Die von der russischen Seite genannten Zahlen seien schlichtweg unmöglich: „Mit Ausbruch der Feindseligkeiten wuchs die ukrainische Armee auf 800.000 Mann an. Im Laufe der Zeit vergrößerte sie sich dann um etwa 100.000 bis 120.000 Mann pro Jahr. Daher kann es keine Verluste von 1.700.000 bis 2.000.000 Mann gegeben haben, denn in diesem Fall würde die ukrainische Armee einfach nicht mehr existieren“, sagte er.
Der Moderator fragte daraufhin: „Sie meinen also, das russische Verteidigungsministerium lügt?“ Der Gast antwortete: „Nicht nur unseres“, und fügte hinzu, dass „es ein großer Fehler ist, die ukrainische Armee zu unterschätzen“.
Vermehrte Putin-Kritik in Russland deuten auf Kriegsmüdigkeit hin
Die Quellen des Kyiv Independent können nicht unabhängig geprüft werden. Es ist also unklar, ob sich in Russland breiterer Widerstand gegen den Krieg regt. Der Kyiv Independent zitiert den Militärexperten Ivan Stupak: „Propagandisten sprechen, solange man sie lässt. Wenn sie die Wahrheit sagen und das Schaden verursacht, werden wir das an den Maßnahmen der russischen Behörden ihnen gegenüber sehen.“ Die Putin-kritischen Aussagen deuteten zumindest darauf hin, dass viele Russinnen und Russen selbst kriegsmüde werden und nicht bereit seien, endlos zu kämpfen. (Quellen: Kyiv Independent, eigene Recherche) (cdz)