Gefährliches Szenario im Grönland-Poker bleibt: Was, wenn Trump den Ukraine-Joker zieht?
VonFlorian Naumann
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Europa ist eingeklemmt zwischen Putins und Trumps Übergriffen. Ein Poker mit Trump könnte immer die Ukraine treffen. Ein Experte meint: Es ginge auch ohne USA. Analyse.
Das lange friedensverwöhnte Europa fühlte sich zuletzt im Zangengriff: Im Osten führt Wladimir Putin Krieg gegen die Ukraine. Im Westen griff Donald Trump nach dem Territorium eines NATO-Partners – Grönland. Aus Trumps Richtung drohte ein Extremszenario. Der US-Präsident könnte theoretisch beide Krisen gegeneinander ausspielen: Indem er die Unterstützung für die Ukraine als Faustpfand für Grönland-Zugeständnisse nutzt.
Konkrete neue Anzeichen für eine Eskalation aus den USA gibt es zwar nicht. Trump setzte in Sachen Grönland zunächst auf Drohungen mit Zöllen – und schien nun einzulenken. Doch fix ist der „Deal“ nicht. Und wer die strategischen Möglichkeiten Europas für den Fall des Falles durchspielt, stellt fest: Selbst wenn es mit harten Handelsschritten antwortet und darauf setzt, dass Trump einen Angriff auf NATO-Partner scheut – es bliebe noch die Ukraine-Frage und die Furcht vor der kompletten Abwendung der USA. Insofern könnte ein Punkt für den weiteren Umgang mit Trump entscheidend werden: Könnte sich die Ukraine ohne die USA weiter gegen Putin verteidigen? Der Analyst Ulf Steindl sähe zwar (teils bekannte) Probleme. Aber kein Aus.
Was, wenn Trump für Grönland die Ukraine fallen lässt? „Bedeutet keine Kapitulation“
„Nein, ein vollständiges Ende der bereits stark eingeschränkten US-Hilfe bedeutet keine ukrainische Kapitulation“, betonte der Senior Research Fellow des Austrian Institute for European and Security Policy auf Anfrage der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Gleichwohl würde ein Ende der US-Unterstützung die Verhandlungsposition der Ukraine schwächen, meint er – und zudem Russland in der Strategie bestärken, Verhandlungsbereitschaft vorzutäuschen sowie den Krieg verlängern.
Man könnte sagen: Ein Rückzug der USA würde die Situation verschlechtern, aber wohl nicht final zum Negativen wenden. Steindl deutet an: Auf den Schlachtfeldern wie in der Rüstung ist die Lage schon jetzt schwierig. Als Hauptproblemfelder der Ukraine machen Experten seit Langem die Flugabwehr, die Versorgung mit Munition und die Aufklärung aus. Steindls Einschätzung:
Heftiger Angriff auf Kiew: Die Bilder der Zerstörung
Bei Munition und Flugabwehr kämen bereits jetzt weder die europäische noch die US-Rüstungsindustrie der Nachfrage hinterher. Europa habe technologisch durchaus Alternativen zu bieten – „jedoch bestünde selbst mit weiterer US-Unterstützung ein Mangel an Munition für die Ukraine“.
Sollte die satellitengestützte Aufklärung der USA wegfallen, würde das wohl die „Fähigkeit der ukrainischen Armee bei der Identifikation von Zielen, Truppenbewegungen und Angriffen schwächen“, so Steindl. Allerdings sei unklar, wie weit die USA ihre Unterstützung bei der Aufklärung bereits zurückgenommen haben: „Laut Aussagen von Präsident Macron werden zwei Drittel der externen Geheimdienstinformationen inzwischen von Frankreich zur Verfügung gestellt.“
Ganz neu wäre ein Stopp der US-Hilfe im Ukraine-Krieg nicht. Schon im März 2025 hatte die Regierung Trump erstmals neben Militärhilfen vorübergehend auch die Versorgung mit wichtigen Geheimdienstinformationen eingestellt.
Streit um Grönland: „Offener Konflikt in der NATO“ keine gute Nachricht für Ukraine
Die Debatte in der Ukraine kennt Felix Hett, Repräsentant der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in dem Land. Ein offener Konflikt innerhalb der NATO sei „natürlich keine gute Nachricht für die Ukraine“, sagt er unserer Redaktion. Gerade bei Luftabwehr und Geheimdienstinformationen sei die Ukraine stark von den USA abhängig. „Europa kann die USA hier nicht ersetzen“, meint Hett. Illusionen bezüglich der US-Regierung gebe es in Kiew nicht mehr, erklärt er. „Für die ukrainische Regierung ist es natürlich keine Neuigkeit, dass Donald Trump kein zuverlässiger Partner ist – aber es gibt eben in bestimmten Bereichen keine Alternative zu den USA.“
Im Hintergrund steht auch die symbolische und völkerrechtliche Ebene. Viele in der Ukraine befürchteten ein negatives Signal aus dem Grönland-Streit, wie Hett schildert. Nämlich dass Trumps Griff nach Grönland sowie „der Anspruch auf eine ‚exklusive Einflusszone‘ und die Bereitschaft zum Einsatz von Gewalt zur Durchsetzung eigener Interessen die russische Aggression indirekt legitimieren könnte“. Denn tatsächlich sind sich Putin und Trump jedenfalls in diesem Punkt weiterhin grundsätzlich ähnlich: im Denken in „Einflusszonen“.
Putin will erklärtermaßen die „Katastrophe“ des Untergangs der Sowjetunion kompensieren, mit Kontrolle etwa über die Ukraine, Georgien, Belarus, Moldau und die GUS-Staaten. Trump strebt offen nach der Macht über die erweiterte Nachbarschaft der USA – Venezuela, Panama, Kanada, Grönland, auf Sicht wohl auch Kuba. Für die Selbstbestimmung der betroffenen kleineren Staaten ist das eine Gefahr. Steindl sieht in Europa indes ein Umdenken: Trumps Europapolitik führe zu einer „zunehmenden Emanzipierung europäischen Denkens“, sagt er. Das könne „Grundlage für eine eigenständige europäische Außen- und Sicherheitspolitik“ sein.
Europas Regierungen und die EU stehen bislang überwiegend geeint – in Sachen Grönland, und mit Ausnahme Ungarns weitgehend auch im Ukraine-Krieg. Eine Grönland-Einigung könnte die Lage vereinfachen. Doch der US- und Europakenner Siebo Janssen hielt die Geschlossenheit in Sachen Grönland zuletzt nicht ohne weiteres für gegeben. Im Europaparlament gebe es bis in die Fraktionen der Konservativen und Liberalen hinein unsichere Kantonisten, sagte der Politologe unserer Redaktion. Ihre Frage habe gelautet: „Ist es wirklich einen großen Handelskrieg wert, komplett auf Grönland zu setzen?“ Doch gespalten dürfte es schwer werden, einem Zangengriff von Ost und West zu widerstehen. (Quellen: Ulf Steindl, Felix Hett, Siebo Janssen, eigene Recherchen)