Orban plant bereits für Ende des Ukraine-Kriegs – und schickt Wirtschaftsdelegation zu Putin
VonMax Nebel
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Budapest richtet den Blick bereits auf die Zeit nach dem Krieg. Orban will in Moskau mögliche Energie- und Industrieprojekte sondieren.
Budapest/Moskau – Ungarns Regierungschef Viktor Orban stellt sein Land offen auf eine Zeit nach dem Ukraine-Krieg ein – und setzt dabei erneut auf enge Kontakte zu Moskau. Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Kecskemét kündigte eran, in den kommenden Tagen eine große Wirtschaftsdelegation in die russische Hauptstadt zu schicken. Die Mission soll Geschäfte vorbereiten, falls Russland nach einem möglichen Friedensschluss wieder stärker in die Weltwirtschaft eingebunden wird.
Wladimir Putin und Viktor Orban bei ihrem Treffen im Kreml am 28. November 2025. Der ungarische Regierungschef sprach dort über Energiefragen und künftige Wirtschaftskooperationen.
Orban sprach laut n-tv.de davon, „jetzt schon über die Welt nach dem Krieg und nach den Sanktionen nachzudenken“. Wenn Gott helfe und der Krieg ende, ohne dass Ungarn hineingezogen werde, und „wenn es dem amerikanischen Präsidenten gelingt, Russland wieder in die Weltwirtschaft zu integrieren und die Sanktionen aufzuheben, werden wir uns in einem ganz anderen Wirtschaftsraum wiederfinden“, sagte er vor Anhängerinnen und Anhängern. Zugleich betonte er, er stehe sowohl mit Washington als auch mit Moskau in Kontakt – könne aber „nicht alle Details offenlegen“
Orban plant für Ende des Ukraine-Kriegs – Wirtschaftsdelegation soll zu Putin reisen
Nach ungarischen Medienberichten handelt es sich um eine „riesige Wirtschaftsdelegation“, schreibt etwa Economx, die ausschließlich wirtschaftliche Fragen mit der russischen Seite verhandeln soll. Die Regierung in Budapest sondiert demnach bereits jetzt, wie sich eine „strategische und wirtschaftliche Zusammenarbeit für die Zeit nach der Aufhebung der Sanktionen“ organisieren ließe. Ziel ist ein langfristiger Rahmen, der stabile Kooperation zwischen Budapest und Moskau sichern soll.
Auf russischer Seite hat die staatliche Agentur Ria Nowosti den geplanten Besuch aufgegriffen – ein Hinweis darauf, dass auch der Kreml Orbans Vorstoß als Signal in Richtung eines künftigen „normalisierten“ Wirtschaftsverhältnisses deutet, wie Economx resümiert. Ende November hatte Orban bereits fast vier Stunden mit Wladimir Putin im Kreml verhandelt – offiziell über Energiefragen und den Krieg in der Ukraine. Danach bezeichnete er das Treffen als „erfolgreich“ und forderte, die Gespräche zwischen Russland und Europa sollten „so bald wie möglich“ wieder aufgenommen werden.
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Ungarischer Konzern MOL interessiert sich für Lukoil-Anlagen
Parallel zur Delegationsankündigung rückt vor allem der ungarische Energiekonzern MOL in den Fokus. Nach übereinstimmenden Berichten mehrerer Quellen, wie etwa Reuters, hat das Unternehmen gegenüber US-Regierungsstellen sein Interesse bekundet, internationale Vermögenswerte des sanktionierten russischen Ölkonzerns Lukoil zu übernehmen. Die USA hatten Lukoil im Oktober mit Sanktionen belegt, um den Druck auf Moskau wegen des Angriffskriegs gegen die Ukraine zu erhöhen – in der Folge muss der Konzern seine Auslandsgeschäfte verkaufen.
Laut Insidern, die anonym bleiben wollen, geht es MOL, heißt es weiter bei Reuters, insbesondere um Raffinerien und Tankstellennetze in Europa sowie Anteile an Förderanlagen in Kasachstan und Aserbaidschan. Die internationale Lukoil-Sparte mit Sitz in Wien hält derzeit Raffinerien in mehreren europäischen Ländern, Beteiligungen an Ölfeldern in Zentralasien, dem Irak und Mexiko sowie Hunderte Tankstellen weltweit. Neben MOL führen demnach auch Konzerne wie ExxonMobil und Chevron sowie Investoren aus dem Nahen Osten Gespräche – vor einer von den USA gesetzten Frist Mitte Dezember.
MOL im Überblick
Profil • Ungarns größter Energie- und Mineralölkonzern, Sitz in Budapest. • In rund 30 Ländern aktiv; teils staatlich beeinflusst.
Geschäftsfelder • Förderung von Öl und Gas (Upstream). • Raffinerien in Ungarn, Slowakei, Kroatien. • Großes Tankstellennetz in Mittel- und Südosteuropa.
Bedeutung • Zentrale Rolle für Ungarns Energieversorgung. • Strategischer Player im regionalen Raffinerie- und Kraftstoffmarkt.
Aktuelle Strategie • Ausbau zur Energie-Drehscheibe in Osteuropa. • Interesse an Lukoil-Raffinerien und -Tankstellen zur Marktvergrößerung.
Trump-Gespräch und einjährige Ausnahmeregelung bei Sanktionen
Brisant ist der US-politische Hintergrund: Nach Angaben einer der Reuters-Quellen hat Orban die MOL-Pläne bereits bei einem Treffen mit US-Präsident Donald Trump im November angesprochen. In diesem Zusammenhang erhielt Ungarn eine einjährige Ausnahmegenehmigung von den US-Sanktionen, um weiterhin russisches Öl und Gas nutzen zu können. Das US-Finanzministerium sowie MOL und das Weiße Haus wollten die Vorgänge auf Anfrage zunächst nicht kommentieren.
Analystinnen und Analysten des US-Thinktanks Lansing Institute sehen darin ein enges Zeitfenster, das Orban nun möglichst umfassend nutzen wolle. Demnach versucht die ungarische Regierung, sich günstige russische Energieverträge für mehrere Jahre zu sichern – bevor neue Sanktionen, Energiepreisschwankungen oder ein Kurswechsel in Washington den Spielraum wieder einengen. Zugleich könnte Orban innenpolitisch punkten, wenn er im Vorfeld der Parlamentswahl 2026 stabile oder sogar sinkende Energiepreise versprechen kann.
Orban: Spagat zwischen Brüssel, Moskau und Washington
Ungarn gehört trotz des inzwischen fast vier Jahre dauernden Ukraine-Kriegs zu den wenigen EU-Staaten, die ein unverändert enges Verhältnis zu Russland pflegen. Das Land ist weiter stark von russischen Energieimporten abhängig. Ende November reiste Orban zu einem weiteren Treffen mit Putin nach Moskau, wo beide Seiten nach offiziellen Angaben Gas- und Öl-Lieferungen sowie den beschleunigten Ausbau des ungarischen Atomkraftwerks Paks besprachen, schreibt RBC Ukraine. Außenminister Péter Szijjártó bekräftigte, Russland werde seine Lieferungen über die Druschba-Ölpipeline und die TurkStream-Gasleitung im Rahmen der bestehenden Verträge fortsetzen.
Gleichzeitig hat die EU bislang 19 Sanktionspakete gegen Moskau beschlossen, die sich auch auf den Energiesektor erstrecken. Kritiker in Brüssel werfen Orban seit Langem vor, diese Linie zu unterlaufen – etwa durch das Blockieren oder Verwässern neuer Strafmaßnahmen. Befürworter in Budapest argumentieren dagegen, konstatiert Economx, Ungarn betreibe lediglich „pragmatische Interessenpolitik“, um die eigene Versorgungssicherheit zu schützen. Die geplante Delegationsreise dürfte sich daher auch innenpolitisch als Signal verkaufen lassen, dass die Regierung frühzeitig für die Zeit nach dem Krieg vorsorgt.
Ungarns Wirtschaftspläne in Zeiten des Ukraine-Kriegs: Experten warnen vor Abhängigkeit von Russland
Sicherheitsexperten des Lansing Institute warnen zugleich vor strategischen Risiken: Eine noch stärkere Bindung an russische Öl- und Gaslieferungen verschaffe dem Kreml zusätzlichen Hebel gegenüber Budapest. In Krisenzeiten könnten Preisgestaltung oder Liefermengen dann auch als politisches Druckmittel eingesetzt werden – etwa bei EU-Beschlüssen zu Russland, zur Ukraine-Hilfe oder zu NATO-Fragen. Zudem befürchten Beobachter, dass Ungarn für Russland zu einem „Brückenkopf“ innerhalb von EU und NATO werden könnte, über den Moskau Einfluss auf Sanktions- und Sicherheitspolitik nimmt.
Mit Blick auf die ungarische Parlamentswahl im April 2026 sehen einige Analysten die Gefahr, dass wirtschaftliche Verflechtungen zusätzlich für Desinformationskampagnen oder politische Einflussnahme genutzt werden könnten. Konkrete Belege dafür gibt es bislang nicht, doch westliche Nachrichtendienste beobachten die Entwicklungen aufmerksam. Für den Moment präsentiert Orban seine Moskauer Pläne vor allem als Vorsorge für den Tag X eines möglichen Waffenstillstands – zwischen EU-Sanktionspolitik, russischem Energieangebot und amerikanischer Sanktionspraxis bewegt sich Budapest damit jedoch auf einem immer schmaleren Grat.(Quellen: n-tv.de, Reuters, UNN, RBC Ukraine, Economx.hu, Lansing Institute) (chnnn)