Pager-Explosionen im Libanon: Ein Schnellschuss Israels gegen die Hisbollah gerät außer Kontrolle
VonMaria Sterkl
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Es mehren sich die Hinweise, dass Israel hinter den Pager-Attacken im Libanon steckt – und überstürzt gehandelt hat. Eine Analyse.
Beirut - Tomaten, Zwiebeln und Gurken stapeln sich, zwischen den Gemüseständen schlendern einkaufende Menschen – und plötzlich ein dumpfer, lauter Knall. Ein Mann bricht zusammen, er schreit vor Schmerz. Ähnlich wie in diesem Video, das millionenfach geteilt wurde, spielte es sich am Dienstag um 15.30 Uhr rund 3000 Mal ab an zahlreichen Orten im Libanon und in Syrien.
Pager-Explosionen im Libanon - tausende werden verletzt
Zwölf Menschen starben – Stand Mittwochabend – , mehrere Tausend wurden verletzt, 200 davon schwer, meldet das libanesische Gesundheitsministerium. Viele verloren ein Auge, andere eine Hand, einige Verletzte wurden mit offenen Bauchverletzungen in die Krankenhäuser gebracht – je nachdem, ob sie die Pager zum Zeitpunkt der Explosion in der Hand hielten oder in der Hosentasche trugen. „Der Grad der Verletzung hängt wohl davon ab, wer schneller darin war, das SMS zu öffnen“, sagt Eyal Pinko, Experte der Bar Ilan Universität.
Die Pager im Libanon wurden offenbar per Kurznachricht zum Explodieren gebracht. Die SMS könnte einen Kurzschluss in der Lithium-Batterie der Pager ausgelöst haben, wodurch sich die Batterien blitzschnell erhitzten – und mit dem Sprengstoff reagierten. Die Pager waren im Vorfeld mit „sehr geringen Mengen TNT“ präpariert worden, sagt Pinko.
Fest steht ohne jede Frage: „Das ist eine extrem ungewöhnliche Aktion“, sagt Orna Mizrahi, Iran-Expertin des Instituts für Sicherheitsstudien in Tel Aviv. „Sie zeigt einen sehr hohen Grad an Geheimdienst-Kompetenz.“
Wie erhielt Israel Zugang zu Funkgeräten der Hisbollah?
Wie aber haben sich die israelischen Geheimdienste Zugang zu den Funkgeräten der Hisbollah verschafft? Es gibt Hinweise, dass Israel mit Verbindungsleuten in Europa kooperiert hat. Die Pager-Geräte sollen unter Lizenz einer taiwanesischen Unternehmens in Ungarn zusammengebaut worden sein. Der Sprengstoff könnte bereits dort eingesetzt worden sein.
Die Geräte hatten den Libanon erst vor Kurzem erreicht. Eigentlich hätten sie ihre Träger von israelischen Interventionen abschirmen sollen: Die Hisbollah-Führung hatte entschieden, nun auch einfache Mitglieder mit Pagern auszustatten, um die Kommunikation mit ihnen nicht mehr über das Smartphone durchführen zu müssen. Mobiltelefone und Smartphones können von israelischen Geheimdiensten leichter überwacht und gehackt werden, während Pager über GPS nicht zu orten sind. Nun wurde den Terroristen diese vermeintlich kluge Sicherheitsvorkehrung zum Verhängnis.
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Laut Israel wurden bei der Attacke zum Großteil Hisbollah-Mitglieder getötet und verletzt, darunter auch hochrangige Funktionäre und Generäle. Auch der iranische Botschafter im Libanon wurde bei der Attacke verwundet. Die Hisbollah selbst spricht von mindestens acht getöteten Kämpfern. Tatsächlich ist unklar, wie präzise der Angriff war und viele eigentlich Unbeteiligte bei dem Vorfall zu Tode kamen. Unter den Toten sollen sich jedenfalls auch zwei Kinder befinden.
Warum eine solche Attacke auf die Hisbollah ausgerechnet jetzt?
Warum startet Israel so eine Attacke ausgerechnet jetzt? Diese Frage stellen sich seit Dienstagabend immer mehr Menschen. Eine solch spektakuläre Aktion sei ein Trumpf – im Krieg in den Schatten, auf offenem Felde und schließlich auf in der Politik, sagt Experte Pinko, man sollte also sorgfältig kalkulieren, wann man sie einsetzt.
Und genau hier dürfte den Drahtziehern bei aller Perfektion eine Panne unterlaufen sein. Ursprünglich wollte man die Pager-Sprengsätze wohl im Rahmen einer groß angelegten israelischen Offensive im Libanon einsetzen – diese steht aber aus. Auf einen Schlag Kommandostrukturen auszuschalten, wäre von enormen taktischen Vorteil gewesen.
Dass die Aktion vorgezogen wurde, liege daran, dass die Pläne dafür ans Licht zu kommen drohten, heißt es. Laut einem Bericht des Nahost-Nachrichtenportals Al-Monitor sollen zwei Hisbollah-Funktionäre schon vor wenigen Tagen bemerkt haben, dass mit den Pagern etwas nicht stimmte und sie womöglich manipuliert wurden. Um zu verhindern, dass die extrem aufwendige Aktion nicht vor ihrer Durchführung aufgedeckt wird, gab Israels Militärführung schon jetzt das Kommando zum Auslösen, schreibt die Webseite mit Berufung auf zwei hochrangige Angehörige der Geheimdienste.
Wie wird die Hisbollah nun reagieren? Deren oberster Führer, Hassan Nasrallah, hat für Donnerstagnachmittag eine öffentliche Rede angekündigt, die Aufschluss darüber geben könnte. Iranische Kreise haben jedenfalls bereits klargestellt, dass man die Aktion als neue Eskalationsstufe sieht – und dass man mit derselben Intensität Rache üben werde.
Israel und die Hisbollah - ein Schattenkrieg mit Geschichte
Einen Schattenkrieg lieferten sich Israel und die Hisbollah schon lange vor dem 7. Oktober und dem anschließenden Krieg in Israel. Nach den Massakern der Hamas stieg die pro-iranische Gruppe auch offiziell in den militärischen Konflikt ein. Bislang hielten sich aber sowohl Israel als auch die Hisbollah zurück und versuchten Angriffe auf bedeutungsreiche zivile Ziele auf der Gegenseite zu vermeiden. Die Hisbollah beschränkte sich bei ihren Angriffen zumeist auf grenznahe Gebiete im Norden Israels. Israel wiederum hielt sich mit Angriffen auf Beirut zurück, von der Hisbollah-Hochburg Dahiya abgesehen.
Nun könnte der Krieg endgültig eskalieren. Dann wären auch israelische Großstädte wie Tel Aviv und Haifa stark betroffen, im Libanon könnte es zur Bodenoffensive mit vielen zivilen Opfern kommen – und in den Krieg wären wohl auch Syrien, der Irak, Jemen und der Iran involviert.
In Israel ist der öffentliche Druck für eine solche Offensive groß. Das erklärt sich vor allem durch den Frust darüber, dass auch nach einem Jahr Krieg noch immer keine Rückkehr von Zehntausenden in Sicherheit gebrachter Bewohner:innen der nördlichen Gebiete in Sicht ist. Die Regierung hat nun ihre sichere Rückkehr zum neuen Kriegsziel erklärt. Und Verteidigungsminister Joav Galant hat präzisiert, wie dieses Ziel zu erreichen sei: Nicht etwa mittels Diplomatie – sondern „nur durch militärisches Vorgehen“ im Libanon.