VonNadja Katzschließen
Ist die Gegenoffensive der entscheidende Wendepunkt oder hat Putin noch Luft, um den Ukraine-Krieg zu gewinnen? Fachleute sind sich uneins.
Kiew – Der US-Militärexperte John Spencer sieht das Ende des Ukraine-Krieges bereits in naher Zukunft. Seiner Ansicht nach hat die Gegenoffensive der Ukraine das Potenzial, einen Wendepunkt im Krieg gegen Russland herbeizuführen. Das erklärte er im Interview gegenüber dem Stern. Russland sei „mit seiner Winteroffensive gescheitert“ und die anhaltende Unterstützung der Ukraine durch den Westen würde Wladimir Putin wohl bald zu Friedensverhandlungen zwingen, so Spencer weiter. Bewundernde Worte fand er außerdem für das ukrainische Militär.
Um die Armee Russlands stehe es hingegen weniger gut. „All die Jahre der Korruption und Bestechung haben offenbar Spuren hinterlassen. Die russische Armee ist in vielerlei Hinsicht ein Papiertiger“, erklärte Spencer. „Und diesen Kampf können sie nicht gewinnen“, prognostizierte der Militärexperte für den weiteren Verlauf des Ukraine-Kriegs.
Das Ende des Ukraine-Krieges: „Die Bilder sind grausam“ – und werden erst wohl noch brutaler
Doch es gibt auch andere Meinungen zu einem bevorstehenden Ende des Ukraine-Krieges. In der ZDF-Sendung „maybrit illner“ (15. Juni) diskutierten mehrere Experten und Expertinnen sowohl die aktuelle Situation, als auch den möglichen weiteren Verlauf des Krieges. „Die Bilder sind grausam“, sagte der SPD-Parteivorsitzende Lars Klingbeil zu Bild- und Videomaterial, das die Öffentlichkeit in den letzten Tagen aus der Ukraine erreichte. Und diese würden noch brutaler und hässlicher werden, fügte Friedensforscherin Nicole Deitelhoff hinzu.
Sie rechne, anders als US-Experte John Spencer, damit, dass der Ukraine-Krieg noch lange andauern werde. Die Hoffnung, dass mit der ukrainischen Gegenoffensive ein schnelles Kriegsende eingeläutet werde, sollte gedämpft werden, meinte die Expertenrunde in der Sendung. Und danach stehe auch noch der Wiederaufbau an: „Das Thema wird uns Jahre und Jahrzehnte beschäftigen“, so Deitelhoff. Aktuell brauche die Ukraine vor allem Munition und Flugabwehrsysteme.
Gedämpfte Hoffnung auf ein Ende des Ukraine-Kriegs: „Wir kommen jetzt in eine brutale Phase“
„Bei Munition sind wir wirklich zu spät“, bestätigte auch Oberst André Wüstner die Ansicht der Friedensforscherin. Von entscheidender Bedeutung für ein Ende des Ukraine-Krieges sei es daher, dass der Westen nicht aufhöre, diese nachzuliefern. „Bei uns waren die Lager nicht voll. Das wird jetzt nachgeholt“, räumte SPD-Chef Klingbeil ein. Ein unglücklicher Umstand, der den Verlauf des Krieges maßgeblich mit beeinflusst haben könnte.
Roderich Kiesewetter (CDU) sieht daher auch ein Ende des Ukraine-Krieges nicht in greifbarer Nähe. Man müsse die „Bevölkerung darauf vorbereiten, dass wir in einen langen Krieg gehen.“ Er plädierte zudem dafür, dass der Ukraine Eurofighter zur Verfügung gestellt werden – auch im Interesse Deutschlands, denn „überall, wo wir zurückhaltend waren, hat Russland weiter eskaliert“, so Kiesewetter.
„Wir kommen jetzt in eine brutale Phase“, prognostizierte Oberst André Wüstner. Moskau habe viel Zeit gehabt, um sich auf eine Gegenoffensive der Ukraine vorzubereiten. Es sei deshalb auch dringend notwendig, die Ausstattung der Bundeswehr auf einen modernen Stand zu bringen. Ein zeitnahes Ende im Ukraine-Krieg herbeizuführen, das habe nur einer in der Hand: der Aggressor, Wladimir Putin. Wüstner rechnet im Falle eines Waffenstillstands zudem mit einem „schmutzigen Frieden“, bei dem es zu wiederholten Kämpfen an der Frontlinie komme.
Ukraine-Krieg: Kein Ende in Sicht und „kein Anzeichen, dass Putin jetzt die Luft ausgeht“
So sieht es auch Wolfgang Ischinger, ehemaliger Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz. Er rechnet ebenfalls nicht mit einem baldigen Ende des Ukraine-Kriegs. „Dieser Krieg ist ein Marathonlauf“, so Kiesewetter. „Ich kenne kein Anzeichen, dass Putin jetzt die Luft ausgeht“, bestätigte Ischinger.
Kein großer Durchbruch erwartet: „Die Logistik gewinnt am Ende den Krieg“
Militärökonom Marcus Keupp von der Militärakademie in Zürich erklärte im Interview mit der Sendung ZDFheute ebenfalls, dass die Hoffnung auf ein schnelles Ende des Ukraine-Krieges durch die Gegenoffensive eine unrealistische Erwartung sei. „Wenn das Publikum erwartet, da kommt jetzt ein großer romantischer Durchbruch wie im Zweiten Weltkrieg, das wird nicht passieren“, so Keupp.
Man werde künftig vielmehr für längere Zeit nur kleinere Vorstöße der Ukraine sehen. Kommende Landgewinne seien allerdings auf lange Sicht nicht der kriegsentscheidende Faktor. Denn „den Krieg hält der durch, der bessere Logistik hat“, sagte Keupp. Entscheidend sei auch nicht, wie viel Material wer zu einem bestimmten Zeitpunkt habe oder verliere, sondern wie schnell dieses ersetzt werden könne. „Die Logistik gewinnt am Ende den Krieg.“ (na)
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