US-Politik

„Demagogen den Weg geebnet“ – US-Demokrat Cory Booker kritisiert in Anti-Trump-Rede auch eigene Partei

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Cory Booker ist für ungewöhnliche Aktionen bekannt.
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Cory Bookers Rekord-Rede ist nicht nur eine Abrechnung mit der Trump-Regierung – sondern soll auch die Demokraten wachrütteln. Der US-Senator ist bekannt für ausgefallene Aktionen.

Washington, D.C. – Harte Zeiten verlangen harte Aktionen. Und mit denen kennt sich Cory Booker aus. Ende der 90er protestierte der US-Demokrat zehn Tage im Hungerstreik in New Jerseys Problemvierteln gegen den öffentlich grassierenden Drogenhandel. Erst campierte der damalige Stadtrat dafür im Zelt, dann verbrachte er einen Sommer im Wohnmobil – nicht im Grünen, sondern in den Ecken seiner Stadt Newark, wo die Kriminalitätsrate am höchsten war.

Vielleicht hat Booker das – und seine Zeit als College-Football-Spieler – vorbereitet auf die monumentale Protestrede, die er jetzt als 56-jähriger Senator in Washington hielt: 25 Stunden am Stück gegen Donald Trump. Ohne zu sitzen, ohne zu essen, ohne auf Toilette zu gehen. So wie es das US-Parlament vorschreibt, um Endlos-Reden zu verhindern.

„Dies ist ein Moment der Moral. Es geht nicht um links oder rechts, es geht um richtig oder falsch.“

Cory Booker, US-Demokrat

Booker focht all das nicht an. Um kurz nach acht Uhr am Dienstagabend, zur besten Sendezeit, rang er sich die letzten Worte ab: „Dies ist ein Moment der Moral. Es geht nicht um links oder rechts, es geht um richtig oder falsch.“ Er griff mit gesenktem Blick nach dem Ansteck-Mikrofon am Jackett, schaute auf und zitierte den 2020 verstorbenen Bürgerrechtler John Lewis: „Let‘s get into good trouble“ – „Lasst uns guten Ärger machen.“ Dann sagte er mit einem Lachen und brüchiger Stimme: „Ich gebe das Wort ab.“

Booker kritisiert Trump und Musk für radikale Kürzungen und die Entlassung Tausender

Mit seinem Idol Lewis und dessen Aufruf zum guten, notwendigen Ungehorsam hatte Booker seine Marathon-Rede auch begonnen. „Ich erhebe mich heute Abend, weil ich ehrlich glaube, dass unser Land sich in einer Krise befindet“, sagte er. „Das sind keine normalen Zeiten.“ Stunde um Stunde, die ganze Nacht und einen ganzen Tag geißelte Booker den republikanischen Präsidenten – sowie dessen Großangriff auf die Demokratie.

Er kritisierte die radikalen Kürzungen und die Entlassung Tausender. Er prangerte das „verfassungswidrige“ Vorgehen von Trump als mächtigstem Mensch der Welt mit dem reichsten, Elon Musk, an: „In nur 71 Tagen hat der Präsident der Sicherheit der Amerikaner, der finanziellen Stabilität, den Grundlagen unserer Demokratie so viel Schaden zugefügt.“

Viele sehen in Bookers Rede einen Hoffnungsschimmer für die Demokraten.

Booker bricht einen jahrzehntealten Rede-Rekord

Es war eine Aktion für die Geschichtsbücher, auf die sich Booker offenbar mit tagelangem Fasten vorbereitet hatte. Er gab an, sich absichtlich dehydriert zu haben. So übertraf er den jahrzehntelangen Rekord für die längste Rede im US-Kongress. Ein Moment voller Symbolik. Zum einen, weil er die Filibuster-Rede des rechtsgerichteten Senators Strom Thurmond von 1957 ablöste, der gegen den antirassistischen Civil Rights Act gewettert hatte. Zum anderen, weil Booker den Demokraten unmissverständlich jene Stand- und Wehrhaftigkeit vorlebte, die viele vermissen.

Handelskrieg

Kurz vor Donald Trumps für Mittwochabend deutscher Zeit erwarteter Ankündigung weltweiter Strafzölle hat der britische Premierminister Keir Starmer vor einem Handelskrieg gewarnt. Großbritannien sei auf alle Eventualitäten vorbereitet, sagte er im Parlament. Ein Handelskrieg sei „in niemandes Interesse“, eventuelle Reaktionen auf Trumps Zölle würden „immer von unserem nationalen Interesse geleitet“.

Auch Italiens rechte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni sagte, eine ökonomische Konfrontation solle vermieden werden: „Wir müssen auf jede erdenkliche Weise darauf hinarbeiten, einen Handelskrieg zu verhindern, der weder den USA noch Europa nützen würde.“ Das schließe aber nicht aus, „dass wir uns, wenn nötig, auch verteidigen“. 

Die Regeln, die Trump bei einer Rede im Rosengarten des Weißen Hauses nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe verkünden wollte, dürften der bisher aggressivste solche Schritt Trumps sein.

„Ich gestehe, dass die Demokratische Partei schreckliche Fehler gemacht hat“, räumte Booker nach fast 20 Stunden in einem der emotionalsten Momente ein – Fehler, „die diesem Demagogen den Weg geebnet haben“. Alles sei „im Moment schwierig, es ist hart, es ist beängstigend, es tut weh, aber wir können das überwinden.“ Booker sprach meist frei, las aber auch aus einem Ordner vor: aktuelle Artikel, Memoiren von John McCain, Zitate von Martin Luther King und den Gründungsvätern. Und er wedelte immer wieder mit einem kleinen Exemplar der US-Verfassung. „Wir müssen gegenüber der Geschichte sagen können, wo wir gestanden haben, als die Grundsätze unserer Verfassung angegriffen wurden.“ Auch an den Kongress wandte er sich selbstkritisch: Sie alle hätten auf die Verfassung geschworen – „machen wir noch unseren Job?“

Booker-Rede nur symbolisch – aber von Millionen wahrgenommen

Etliche Kolleginnen und Kollegen verschafften ihm per Fragen die einzig erlaubte Verschnaufpause. Immer wieder sprach Booker dafür die formalen Worte: „Ich gebe das Wort für eine Frage ab, behalte aber die Rednerposition.“

Am Ende ist die Rede auch formal „nur“ symbolisch. Denn anders als die berüchtigten Filibuster-Reden, jener bizarren Besonderheit der US-Demokratie, blockierte Booker keines von Trumps Projekten, keine seiner Personalien oder Attacken gegen die Welt. Doch Millionen Menschen sahen ihn im Fernsehen, in Streams oder in den sozialen Medien. Booker dürfte auf eine Wirkung hoffen wie bei seinen frühen Aktionen als Stadtrat – damals, so sagte er einmal, wurden die Probleme immer „sehr, sehr schnell angegangen“.

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