VonPeter Siebenschließen
Standing Ovations für Bärbel Bas beim SPD-Parteitag. Manche sehen gar Kanzlerpotenzial. Lars Klingbeil hingegen bekam einen Denkzettel verpasst.
Berlin – Lars Klingbeil steht wohl eine Zeitenwende bevor. Lange hat er an seiner Position als neuer starker Mann der SPD gefeilt, konzentriert eine Menge Macht auf seine Person: Parteichef, Vizekanzler, Finanzminister. Die letzten Tage waren eine Schicksalswoche für ihn: Klingbeil legte seinen ersten Haushalt vor – ein riskantes Konstrukt, das erfolgversprechend sein kann, aber keineswegs unumstritten ist. Dann, am Wochenende: Der SPD-Bundesparteitag. Da bewies allerdings jemand anderes Star-Potenzial.
SPD-Parteitag: Donnernder Applaus für Bärbel Bas
Nach dem desaströsen SPD-Ergebnis bei der Bundestagswahl hat Klingbeil immer wieder eine Runderneuerung seiner Partei beschworen. Das Motto beim Parteitag: „Veränderung beginnt mit uns.“ Die Stimmung bei den 600 Delegierten und hunderten Gästen in der Messe Berlin: optimistisch bis durchwachsen. Manche gaben sich kämpferisch – so wie Fraktionsvize Esra Limbacher: „Wir brauchen Geschlossenheit und Aufbruchstimmung“, sagte er am Rande. Anderen steckt die 16,4-Prozent-Pleite immer noch in den Knochen – und der Stopp des Familiennachzugs, der am Morgen im Bundestag beschlossen worden war und vor allem dem linken Flügel der Partei nicht passt.
Dann kam Bärbel Bas. Die Arbeitsministerin – und jetzt Co-Chefin der Partei – machte vor ihrer Wahl deutlich, dass sie keineswegs in der Reihe hinter Lars Klingbeil stehen will. Ganz im Gegenteil. „Wir hatten bisher zwei Frauen an der Spitze. Saskia Esken und Andrea Nahles. Beide haben sich gelinde ausgedrückt mit gemischten Gefühlen zurückgezogen. Der Umgang mit ihnen war kein Glanzstück.“ Dafür gab es für Bas bei ihrer Bewerbungsrede donnernden Applaus. Frauen müssten mehr Führungsverantwortung übernehmen. „Es darf nicht sein, dass wir Frauen einen Bogen um Verantwortung machen.“ Frauen hätten es ohnehin schwer in der Politik. Weil die Arbeit dort nicht familienfreundlich sei. „Und weil du als Frau auch noch diesem sexistischen Müll ausgesetzt bist.“ Am Ende gab bekam Bas Standing Ovations.
Die neue SPD-Co-Chefin Bärbel Bas
Bärbel Bas wurde 1968 in Walsum (heute Duisburg) als Tochter eines Busfahrers und einer Hausfrau geboren.
Ausbildung an der höheren Berufsfachschule für Technik in Dinslaken, wo sie u.a. das Schweißen erlernte.
Ausbildung zur Bürogehilfin bei der Duisburger Verkehrsgesellschaft (DVG), später Fortbildung zur Krankenkassenbetriebswirtin und Personalmanagement-Ökonomin.
Seit 1988 Mitglied der SPD
2009 erstmals im Bundestag, 2021 bis 2025 Bundestagspräsidentin
SPD-Chef Lars Klingbeil: „Ja, ich habe Fehler gemacht“
Klingbeil klang deutlich defensiver. „Ja, ich habe Fehler gemacht in den letzten Monaten und Wochen. Aber, dass ich mich für Zusammenhalt eingesetzt habe, das war der richtige Weg“, so der Parteichef. Er betonte: „Intern habe ich immer Klartext gesprochen. Aber mir ist es wichtig, in der Öffentlichkeit die Reihen zu schließen“. Zuletzt hatte es immer wieder öffentlichkeitswirksame Kritik an der Parteispitze gegeben – etwa in Form des viel beachteten „Manifests“ namhafter SPD-Größen, die die Außenpolitik der Bundesregierung kritisierten.
Bas war in den vergangenen Wochen mehrfach mit populären Forderungen nach vorn gegangen, bestimmte mit Ideen etwa zur Beamtenrente die Schlagzeilen. In ihrer Rede betonte sie: „Lars und ich fühlen uns in unterschiedlichen Nachbarschaften der SPD zu Hause. Und meine Musik-Playlist ist deutlich anders als seine. Aber heute treten wir als Team auf.“ Was spätestens seit dem Parteitag klar ist: Die Doppelspitze hat künftig sehr viel mehr als bislang zwei gleich starke Pole. „Bärbel Bas hat durchaus auch Kanzlerpotenzial, genau wie Lars Klingbeil“, kommentierte der Bundestagsabgeordnete Macit Karaahmetoğlu am Rande des Parteitags anerkennend.
Am Ende bekam Klingbeil einen deutlichen Denkzettel verpasst: Mit gerade einmal 64,9 Prozent der Stimmen wurde er als Parteivorsitzender wiedergewählt. Auf dem Bundesparteitag Ende 2021 hatte er noch 86,3 Prozent bekommen – seitdem hat er offenbar viel Rückendeckung der Partei eingebüßt. Bärbel Bas hingegen kam auf 95 Prozent der Stimmen – ein gutes Ergebnis.
Hinweis: Dieser Text wurde nach den Wahlergebnissen auf dem SPD-Parteitag aktualisiert
Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa, Peter Sieben/IPPEN.MEDIA (Montage)


