Grenzdorf eingenommen?

Pro-ukrainische Partisanen planen Marsch nach Moskau - Putin will „Abschaum“ bestrafen

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Im Kampf gegen Putins Armee tragen Partisanentruppen den Krieg nach Russland. Putin fordert, dass der russische Geheimdienst sie „unbegrenzt“ bestraft.

Update vom 19. März, 14.34 Uhr: Russlands Präsident Putin hat den Geheimdienst FSB seines Landes aufgefordert, pro-ukrainische, russische Kämpfer zu identifizieren und zu bestrafen. Die Partisanen haben eine Reihe von tödlichen Angriffen auf russische Gebiete in der Grenzregion zur Ukraine ausgeführt.

Es dürfe nicht vergessen werden, wer diese „Verräter“ sind, sagte Putin am Dienstag (19. März) in einer Ansprache vor Vertretern des Inlandsgeheimdienstes FSB. „Wir müssen sie mit ihren Namen identifizieren.“ Er nannte Russen, die gegen ihr eigenes Land kämpfen, „Abschaum“. Putin hob hervor: „Wir werden sie unbegrenzt bestrafen, wo immer sie auch sein mögen.“

Proukrainische russische Partisanen in der Region Belgorod.

Russische Partisanen wollen bis Moskau ziehen – einem Waffenlager sind sie bereits nahe

Belgorod – Freiwillige Partisanenarmeen spielen im Krieg Russlands gegen die Ukraine plötzlich eine größere Rolle: Mehreren Truppen soll es gelungen sein, russisches Gebiet einzunehmen – in Schlagdistanz liegt nun offenbar auch ein einstiges Lager für atomare Waffen. Vermutlich wollen die pro-ukrainischen Kämpfer aber ohnehin ein größeres Ziel ins Visier nehmen.

Die kremlkritischen Freiwilligentruppen befänden sich nur wenige Kilometer vor dem russischen Waffenlager, berichtete das Nachrichtenportal Newsweek. Insgesamt seien an dem Vorstoß drei Bataillone beteiligt. Es handle sich nicht um ukrainische Kämpfer, sondern um russische Partisanen, die dem Ukraine-Krieg von Russlands Präsident Wladimir Putin kritisch gegenüberstehen.

Drei Freiwilligentrupps vor Atomwaffenlager in Russland

Beteiligt sein sollen die „Freiheitslegion Russlands“, das „Sibirische Bataillon“ und das „Russischen Freiwilligen-Korps“. Nach eigenen Angaben sind die Soldaten erfolgreich in die Regionen Belgorod und Kursk eingedrungen. Nun sollen sie die Kontrolle über das Grenzdorf Gorkowski übernommen haben, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet.

Ein Video zeige, dass die Partisanen eine russische Flagge von einer Schule in dem eingenommenen Dorf entfernt haben. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Angaben zwar nicht. Allerdings hatten Partisanen zum Wochenende weitere Angriffe auf die russische Region angekündigt.

Wie Newsweek unter Berufung auf einen Militärblogger auf X (ehemals Twitter) schreibt, sind die Vorstoßlinien der Partisanen lediglich zehn Meilen (etwa 16 Kilometer) von einem Atomwaffenlager der russischen Armee entfernt. Das erwähnte Lager soll jedoch über keine Atomwaffen mehr verfügen, wie es im kremltreuen Telegram-Kanal „Rybar“ hieß.

Ukraine unterstützt russische Partisanentruppen im Krieg gegen Putin

Bereits im Mai 2023 hatte russische Freiwilligentrupps ähnliche Überfälle auf Russland und die Region Belgorod durchgeführt. Nach Angaben des ukrainischen Militärgeheimdienstes HUR war es gelungen, Truppen der russischen Armee aus dem Atomlager „Belgorod-22“ zu vertreiben.

Die aktuellen Erfolge der Partisanen könnten auch die Haltung der Ukraine beeinflussen: Die Ukraine betrachte die Kämpfer nicht länger als eine „Gruppierung“, sie seien zu „einer Kraft“ im Kampf gegen Russland geworden, erklärte Kyrylo Budanow, Chef des Militärgeheimdienstes HUR, am Samstag (16. März).

Nawalny verlängert die Liste der Opfer Putins – ein Überblick

Alexej Nawalny
Alexej Nawalny war über Jahre der markanteste Kopf der russischen Opposition. Schon früh prangerte der Rechtsanwalt das Machtlager von Präsident Wladimir Putin offen als „Partei der Gauner und Diebe“ an.  © Andrei Zhilin/afp
Wahlen 2012 in Russland: Nawalny protestiert gemeinsam mit Schach-Großmeister Garry Kasparow (l.) für faire Wahlen in Russland – am Ende gewann Wladimir Putin.
Wahlen 2012 in Russland: Nawalny protestiert gemeinsam mit Schach-Großmeister Garry Kasparow (l.) für faire Wahlen in Russland – am Ende gewann Wladimir Putin. © Anatoly Maltsev / dpa
Alexej Nawalny
2013 trat er als Bürgermeisterkandidat in Moskau an und erreichte mit 27 Prozent der Stimmen den zweiten Platz. Später organisierte er Massenproteste im ganzen Land, besonders aber in Moskau. 2018 wollte Nawalny selbst Präsident werden, doch die Justiz schob ihm einen Riegel vor. Wiederholt wurde er wegen Betrugs- und Diebstahlsvorwürfen vor Gericht gestellt und verurteilt. © Kirill Kudryavtsev/afp
Nawalny – damals bereits sozusagen der Superstar der Protestbewegung in Russland – mit seiner Ehefrau Julija, vor Gericht. Nach seinen Protesten kam er damals vorerst frei.
Nawalny – damals bereits sozusagen der Superstar der Protestbewegung in Russland – mit seiner Ehefrau Julija, vor Gericht. Nach seinen Protesten kam er damals vorerst frei. © Valentina Svistunova / dpa
Kreml-Kritiker Nawalny 2017 nach einer Farbattacke vor seinem Büro.
Kreml-Kritiker Nawalny 2017 nach einer Farbattacke vor seinem Büro. © Evgeny Feldman / dpa
Nawalny vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte im Jahr 2018. Dort war Russland zuvor wegen Festnahmen des Kreml-Kritikers verurteilt worden.
Nawalny vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte im Jahr 2018. Dort war Russland zuvor wegen Festnahmen des Kreml-Kritikers verurteilt worden. © Jean-Francois Badias / dpa
Ein großes Portrait von Alexej Nawalny mitten in St. Petersburg. Nach nur wenigen Minuten ließ man es wieder überstreichen.
Ein großes Portrait von Alexej Nawalny mitten in St. Petersburg. Nach nur wenigen Minuten ließ man es wieder überstreichen. © Alexander Demianchuk / Imago
Alexej Nawalny
Im August 2020 brach Nawalny bei einer Reise zusammen und fiel ins Koma. Grund war eine Vergiftung mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok, wie Untersuchungen an der Charité in Berlin bewiesen. © Instagram account @navalny/afp
Alexej Nawalny
Im Januar 2021 kehrte Nawalny nach Russland zurück, wo er erneut vor Gericht gestellt und unter anderem wegen angeblichem „Extremismus“ zu 19 Jahren Lagerhaft verurteilt wurde. Im Dezember 2023 folgte die Verlegung in ein Lager hinter dem Polarkreis. Am 16. Februar 2024 starb Nawalny nach Justizangaben in dem Straflager. Er sei nach einem Hofgang zusammengebrochen, teilte die Gefängnisverwaltung mit.  © Vera Savina/afp
Am 16. Februar 2024 kommt überraschend dann die Info aus Russland, Nawalny sei im Strafgefangenenlager gestorben
Am 16. Februar 2024 kommt überraschend dann die Info aus Russland, Nawalny sei im Strafgefangenenlager gestorben. Weltweit wird um den Kreml-Kritiker getrauert. © IMAGO/Vuk Valcic / ZUMA Wire
Jewgeni Prigoschin
Jewgeni Prigoschin war in Russland als skrupelloser Unternehmer mit krimineller Vergangenheit bekannt. Er und Putin kannten sich lange. Als der heutige Präsident noch in der St. Petersburger Stadtverwaltung arbeitete, soll er in Prigoschins Restaurant eingekehrt sein. Deshalb war Prigoschin, der mehrere Jahre wegen Raubs in Haft saß, auch als „Putins Koch“ bekannt. Niemand sonst in Russland traute sich solche Kritik wie Prigoschin © ITAR-TASS/Imago
Jewgeni Prigoschin
Über Monate hinweg legte sich Jewgeni Prigoschin mit der Militärführung in Moskau an. Immer wieder warf der Chef der russischen Privatarmee Wagner dem Verteidigungsministerium und dem Generalstab der Armee vor, Präsident Wladimir Putin zu belügen. Mit einem bewaffneten Aufstand seiner Privatarmee forderte Prigoschin aber auch Putin selbst heraus. © Sergey Pivovarov/Imago
Jewgeni Prigoschin
Nach seinem gescheiterten Aufstand sahen Fachleute den Söldnerchef aber dem Tode geweiht. Kremlchef Putin hatte die Kämpfer um seinen Ex-Vertrauten als Verräter bezeichnet. Tatsächlich starb Prigoschin zwei Monate nach seiner Meuterei gegen die russische Staatsmacht im August 2023 bei einem Flugzeugabsturz in Russland. © Imago
Boris Nemzow
Der Oppositionspolitiker Boris Nemzow galt als einer der schillerndsten und mutigsten Politiker Russlands. Feinde machte er sich vor allem mit seiner Kritik an der Ukraine-Politik von Kremlchef Wladimir Putin. Er wurde zur Galionsfigur der zersplitterten Opposition und galt als Unterstützer der Richtung Westen strebenden Ukraine. © Oxana Onipko/afp
Boris Nemzow
Nemzow wurde im Februar 2015 durch mehrere Schüsse in den Rücken aus einem Auto heraus erschossen. Der Mord wirft noch immer viele Fragen auf. Die EU drängte Russland wiederholt dazu, den Fall weiter aufzuklären. Ein Gericht in Moskau verurteilte 2017 den mutmaßlichen Mörder und vier Komplizen aus dem Nordkaukasus zu langen Haftstrafen. Nemzows Familie beklagte, dass nach den Drahtziehern nie wirklich gesucht worden sei. © afp
Boris Nemzow
In den 1990er Jahren hatte sich Nemzow als liberaler Reformer in Russland einen Namen gemacht. Präsident Boris Jelzin (rechts im Bild) holte ihn einst in die Regierung nach Moskau. Nemzow war zeitweilig auch als Präsidentenanwärter gehandelt worden. „Ich bin liberal, was Wirtschaftsfragen angeht, aber für eine starke Staatsmacht in der Politik“, sagte er einmal. © TASS/afp
Alexander Litwinenko
Der Putin-Kritiker Alexander Litwinenko starb im November 2006 in London nach einem Anschlag mit dem radioaktiven Gift Polonium 210. Einem Untersuchungsbericht zufolge soll ihm das Strahlengift in einem Londoner Hotel in den Tee gemischt worden sein. Unter den Augen der Weltöffentlichkeit siechte Litwinenko tagelang dahin. Vom Krankenhausbett beschuldigte er Putin, hinter dem Anschlag zu stecken. Die britische Justiz sieht es ebenfalls als bewiesen an, dass die Spur in hohe politische Kreise in Moskau führt. Russland weist dies zurück. © Sergei Kaptilkin/dpa
Anna Politkowskaja
Die Journalistin Anna Politkowskaja machte sich als Kritikerin der Kriege in Tschetschenien einen Namen. Die Mitarbeiterin Oppositionszeitung Nowaja Gaseta berichtete über Kriegsverbrechen der russischen Armee und der verbündeten tschetschenischen Gruppen und sprach von einem „schmutzigen Krieg“. Häufig musste sie sich gegen Drohungen wehren. Am 7. Oktober 2006 wurde sie vor ihrer Wohnung in Moskau erschossen. Politkowskajas Familie vermutet ein politisches Motiv für die Tat.  © Imago
Boris Beresowski
Die Serie von mitunter rätselhaften Todesfällen, hinter denen russische staatliche Stellen vermutet werden, ist noch sehr viel länger. Der Oligarch Boris Beresowski (Mitte) fiel nach dem Machtantritt Putins in Ungnade und floh nach Großbritannien. Am 23. März 2013 wurde Beresowski tot im Bad seines Hauses in Ascot gefunden.  © Shaun Curry/afp
Pawel Scheremet
Im Juli 2016 kam der russische Exil-Journalist Pawel Scheremet in Kiew durch eine Autobombe ums Leben. Scheremet engagierte sich während der Maidan-Proteste 2013/2014 in Kiew aufseiten der prowestlichen Kräfte und wurde später Redakteur beim renommierten Internetportal Ukrainskaja Prawda. © Dmytro Larin/afp
Denis Woronenkow
2017 wurde der abtrünnige russische Abgeordnete Denis Woronenkow auf offener Straße in Kiew erschossen. Auch sein Fall wurde nie aufgeklärt. © ITAR-TASS/Imago
Sergej Magnizki
Sergej Magnizki starb 2009 unter ungeklärten Umständen in einem Moskauer Gefängnis. Angeblich wurde der Anwalt, der nach eigenen Angaben einen Steuerbetrug aufgedeckt hatte, zu Tode geprügelt. Medizinische Hilfe wurde im verweigert.  © HO/Hermitage Capital Management/afp
Baburowa/Markelow
Die Journalistin Anastassija Baburowa und der Menschenrechtsanwalt Stanislaw Markelow wurden 2009 auf der Straße in Moskau erschossen. Für die Tat wurden ein Rechtsextremist und eine Komplizin zu langen Haftstrafen verurteilt. Sie hatten ihre Schuld bestritten. © ITAR-TASS/Imago
Natalia Estemirowa
Die Menschenrechtlerin Natalia Estemirowa wurde 2009 in der Konfliktregion Nordkaukasus erschossen aufgefunden. Mit Berichten über das Verschwinden von Zivilpersonen in dem Gebiet hatte sie sich wiederholt den Zorn der Machthaber zugezogen. © Memorial/afp
Sergej Juschenkow
Eines der ersten Todesopfer war Sergej Juschenkow. Der Duma-Abgeordnete wurde im April 2003 in Moskau erschossen. Juschenkow war der Staatsführung ein Dorn im Auge, wenngleich der Politiker über wenig Macht und Einfluss verfügte.  © Roman Mukhamedzanov/Vremya Novos/afp

Nach Informationen von Newsweek wollen die Partisanen, „nach Moskau marschieren“. Das habe ein Kämpfer des Freiwilligentrupps Freiheitslegion Russlands mitgeteilt. Damit wolle man Russland von Machthaber Putin befreien. Ob die Kämpfer dazu auch das russische Atomwaffenlager einnehmen wollen, scheint aber fraglich. Der Militäranalyst Pavel Podvig sagte dem Portal, das Depot werde schwer bewacht. Und sollte es tatsächlich leer sein, wäre mit einer Einnahme kein wirklicher Erfolg zu verbuchen. (nhi)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Vyacheslav Madiyevskyy

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