Bundeswehrreform stockt: Verteidigungsminister Pistorius unter Beschuss
VonJens Kiffmeier
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Boris Pistorius will die Bundeswehr reformieren. Bei der Beschaffung von Ausrüstung gibt es Schwierigkeiten. Von der Union kommt scharfe Kritik.
Berlin – Nach knapp 100 Tagen im Amt als Verteidigungsminister hat Boris Pistorius (SPD) seinen Wunsch nach einer Reform der Bundeswehr lautstark verkündet und dadurch in der Politik viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Jedoch sieht die Opposition seine hohen Erwartungen nicht erfüllt. Besonders die schnelle Beschaffung von Ausrüstung stellt weiterhin ein Problem dar. Das zeigen etliche Beispiele aus dem Alltag der Armee.
Die Union kritisiert den Minister bereits als tatenlos und moniert, dass er bisher vor allem durch Ankündigungen aufgefallen sei. Laut dem verteidigungspolitischen Sprecher der Unionsfraktion, Florian Hahn (CSU), regiert bei dem Sozialdemokraten „mehr Schein als Sein“, weswegen er dem Politiker nur die Note 3 geben könne. „Pistorius macht Punkte im Auftreten und im Ansprechen der richtigen und wichtigen Themen. Aber damit ist noch nichts abgearbeitet“, sagte er der Funke-Mediengruppe.
Boris Pistorius: Verzögerungen bei Umorganisation der Bundeswehr bleibt ein Problem
Am bevorstehenden Freitag, dem 28. April, ist Boris Pistorius seit 100 Tagen im Amt des Verteidigungsministers. Er hat die Aufgabe von seiner Parteifreundin Christine Lambrecht übernommen. Durch den Ukraine-Krieg wurden die Schwächen der Bundeswehr bei der Ausrüstung und dem Kriegsmaterial schonungslos aufgedeckt. Deshalb plant die Bundesregierung nun ein 100-Milliarden-Programm, um die lange Liste der Mängel abzuarbeiten. Um die Beschaffung von Ausrüstung zu beschleunigen, hat Pistorius bereits die Führungsspitze seiner Behörde neu besetzt. Zudem wurde Anette Lehnigk-Emden als neue Chefin des Beschaffungsamts in Koblenz eingesetzt.
Verteidigungsminister Boris Pistorius plant, im Bereich der Beschaffung verkürzte Verfahren anzuordnen, um die Aufrüstung voranzutreiben. „Priorität eins hat ab sofort bei allen Beschaffungen der Faktor Zeit. Dem muss sich alles unterordnen“, hatte er am Mittwoch in Berlin laut der Nachrichtenagentur dpa noch einmal klargestellt. Am Mittwoch stellte Pistorius in Berlin noch einmal klar, dass die Inspekteure – die ranghöchsten Soldaten von Heer, Marine und Luftwaffe – von nun an frühzeitig und regelmäßig in die Beschaffungsprozesse eingebunden werden sollen. Ziel ist es, ein sogenanntes „freeze of design“ zu erreichen, also einen Entwicklungsstand zu erreichen, an dem „keine weiteren Veränderungen im laufenden Prozess, so wie das in der Vergangenheit war“ vorgenommen werden.
Probleme bei der Bundeswehr: Soldaten müssen eigene Ausrüstung kaufen
Die Bundeswehr leidet unter einem Mangel an Ausrüstung an allen Ecken und Enden. Schon kurz nach Beginn des Ukraine-Krieges schlug Generalleutnant Alfons Mais Alarm und erklärte, dass die deutsche Armee „blank da steht“. Es gibt Probleme mit Kampfjets, Munition und modernen Raketenabwehrsystemen. In letzter Zeit gab es auch immer wieder Berichte, dass die Bundeswehr ihre zugesagten Verteidigungsaufgaben im Rahmen der NATO nicht erfüllen könnte.
Marineschiffe müssen auf 3D-Drucker und private Taschenlampen zurückgreifen
Die Situation zeigt deutlich, wie gravierend die Probleme bei der Ausrüstung der Bundeswehr sind. Einzelne Beispiele aus dem Alltag der Soldatinnen und Soldaten verdeutlichen das Ausmaß. So berichtet der Nachrichtensender n-tv von einer Jägerkompanie im niedersächsischen Rotenburg, die jahrelang auf neue Ausrüstung gewartet hat. Schließlich mussten die Soldaten ihre Ausrüstung wie Unterwäsche, Stiefel und Gurte selbst bezahlen. Der Kompaniechef soll bei Übungen sogar ein privates Funkgerät genutzt haben, weil das dienstliche Gerät aus der Reparatur einfach nicht zurückkam.
Doch nicht nur das Heer ist von diesen Problemen betroffen. Auch bei der Marine sieht es nicht besser aus. So hat sich die Besatzung der Fregatte „Hamburg“ einen 3D-Drucker angeschafft, um wichtige Ersatzteile wie Kraftstofffilter für den Antriebsdiesel selbst herzustellen. Auf der Fregatte „Sachsen“ benutzt die Besatzung private LED-Taschenlampen, da die vorhandenen Bundeswehr-Lichter aus den 1980er-Jahren als unhandlich gelten.
Gerüchte um Kanzlerambitionen: Pistorius muss sich bei Bundeswehrreform beweisen
Angesichts dieser Umstände hat Pistorius ein Minenfeld betreten. Innerhalb der Bundeswehr genießt er durchaus Ansehen. Im Gegensatz zu vielen seiner Vorgänger hat der Sozialdemokrat selbst gedient, was ihm bei seiner Ernennung zum Verteidigungsminister viel Lob seitens der Truppe einbrachte. Auch die Deutschen vertrauen dem SPD-Politiker, die notwendigen Reformen und den Umbau der Bundeswehr voranzutreiben. Ende des letzten Monats stieg der Niedersachse im Regierungsmonitor des Spiegels zum beliebtesten Politiker Deutschlands auf. Kurz darauf entstanden erste Spekulationen, ob Pistorius möglicherweise Kanzler Olaf Scholz (SPD) eines Tages nachfolgen könnte.
Kabinett Scholz: Nach dem Ampel-Aus kommt Rot-Grün ohne Mehrheit
Keine konkreten Verträge: Bundeswehr fehlt es weiterhin an Munition und Waffen
Doch bislang handelt es sich nur um Gerüchte. Pistorius muss sich zunächst bei der Reform der Bundeswehr beweisen. Und hier sieht die CDU noch großen Nachholbedarf. CSU-Verteidigungspolitiker Hahn kritisierte, dass Pistorius seit seinem Amtsantritt bei der militärischen Hilfe für die Ukraine keine besondere Rolle gespielt habe. Das Vorgehen des SPD-Politikers unterscheide sich derzeit nicht wesentlich von dem seiner gescheiterten Vorgänger.
„Die Diagnose der Dysfunktionalität des Verteidigungsministeriums ist nicht neu. Das hatte bereits Annegret Kramp-Karrenbauer festgestellt“, sagte Hahn. Die von Pistorius vollmundig versprochene Umorganisation betreffe zunächst nur die Führungsebene – der Rest solle erst nach der Sommerpause folgen. „Damit geht ein weiteres Jahr verloren“, so der CDU-Politiker. Konkrete Verträge mit der Industrie über die Lieferung von Munition oder Waffen seien Mangelware. (jkf)
Für diesen von der Redaktion geschriebenen Artikel wurde maschinelle Unterstützung genutzt. Der Artikel wurde vor Veröffentlichung von Redakteurin Bona Hyun sorgfältig überprüft.