Kriegstüchtigkeit der Bundeswehr

Rasche Raketenabwehr: Generalinspekteur treibt die Regierung zur Eile an

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Wuchtig: Ein russisches Iskander-M-Raketensystem mit dazugehöriger Rakete. Laut dem obersten deutschen Soldaten bleibt Deutschland wenig Zeit, Abwehrmaßnahmen zu entwickeln.
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Kopfzerbrechen in der Nato über Putins Raketen-Arsenal: Militärs mahnen zur Eile. Ein deutscher Wissenschaftler fordert sogar die nukleare Aufrüstung.

Berlin – „Wir haben fünf bis acht Jahre Zeit. In diesem Zeitraum müssen wir eine Raketenabwehr aufbauen. Das ist ohne Alternative“, sagt Carsten Breuer. Der Generalinspekteur der Bundeswehr mahnt aktuell in den Zeitungen der Funke Mediengruppe zur Eile. Thomas Stölzel mahnte zu Ruhe und Gelassenheit – vor zwei Jahren bereits. Da war der Ukraine-Krieg vier Wochen alt, der Bundeswehr wurde urplötzlich bewusst, dass mit Wladimir Putin auf der europäischen Bühne doch nicht zu spaßen war, und dass Deutschland ziemlich ärmlich dastehen würde, wenn der Ernst machen würde.

Der Himmel über der gesamten Nato war plötzlich offen, und der Redakteur der Wirtschaftswoche kommentierte keine schnelle Lösung herbei, sondern eine vernünftige: „Bevor also Milliardensummen aus dem Sondervermögen nun in eine modernere Luftabwehr gesteckt werden, muss klar sein, dass diese auch wirklich geeignet ist gegen jene russischen Waffen, die deutsche Waffenlager und Militärflughäfen, aber auch zivile Ziele im Kriegsfall zerstören könnten.“ Seitdem harren Deutschland und die Nato immer noch einer Lösung. Die Forderung des ranghöchsten deutschen Soldaten trägt neue Hektik in eine Diskussion offenen Ausgangs. Am Verlauf des Ukraine-Krieg herum wird heftig diskutiert, welches Wucht in Russlands Raketen-Artillerie steckt, und was für Maßnahmen die Bundeswehr ergreifen muss.

Europas „Sky Shield Initiative“: Die Einkaufsgenossenschaft zur Raketenabwehr

Russland war bislang augenscheinlich außerstande, die ukrainische Flugabwehr zu zerstören oder signifikant zu schwächen, und setzt auch deswegen seine Luftstreitkräfte eher risikoarm ein – und vor allem gegen zivile Ziele. Dennoch sind Flugkörper für Wladimir Putin das Mittel der Wahl, weswegen ein Schulterschluss der Nato-Partner um so wichtiger wird. Seit Mitte vergangenen Jahres ist der zweite Schritt der „Sky Shield Initiative“ erreicht.

Zur Stärkung der gemeinsamen Luftverteidigung schließen sich aktuell 21 europäische Staaten zusammen, die entsprechende Waffensysteme beschaffen und den Betrieb sicherstellen wollen, sagte der Bundesminister der Verteidigung, Boris Pistorius (SPD), im Februar diesen Jahres. Die Rahmenbedingungen für den kooperativen Einkauf werden somit konkreter, um Kosten für Europa zu sparen und die Betriebskosten niedrig zu halten.

Abfangbereiche und Abfangschichten

Die bodengebundene Luftverteidigung fächert die Bundeswehr auf in den Nah- und Nächstbereich in einem Radius von sechs Kilometern und einer Höhe von 15 Kilometern. Darin wirken das stationäre System Mantis zum Schutz von Objekten und ein Leichtes Flugawehrsystem auf dem kleinen Kettenfahrzeug Ozelot zum Schutz von beweglichen Landstreitkräften.

In einem Radius von bis zu 100 Kilometern und einer Höhe liegt die untere Abfangschicht. Dort wirken das System Patriot und Iris-T SLM gegen Flugzeuge, taktische ballistische Raketen und Marschflugkörper zum Schutz von kritischer Infrastruktur und größeren Truppenverbänden.

Die obere Abfangschicht erstreckt sich am Boden über eine Entfernung von mehr als 100 Kilometern und Höhen von mehr als 35 Kilometern – das soll das Terrain von Arrow-3 werden und grundsätzlich die Wirksamkeit besitzen, das gesamte deutsche Territorium vor Flugkörpern zu schützen.

Quelle: Bundeswehr

Eine Abwehr von Marschflugkörpern einschließlich hypersonischer Flugkörper ist aufgrund deren niedriger Flughöhe und damit einer sehr späten Erfassung nur im Sinne eines Schutzes einzelner Objekte möglich, beispielsweise mit dem System Patriot (Phased Array Tracking Radar to Intercept on Target) oder IRIS-T SLM (Infra Red Imaging System Tail Surface Launched Medium Range). Ein umfassender Schutz in der Fläche sei also nach Angaben des Verteidigungsministerium enorm kostspielig und nur mit einer Vielzahl an Systemen möglich – das wiederum verdeutliche die Notwendigkeit eines multinationalen Ansatzes.

Im vergangenen Jahr hatten Deutschland, Estland, Lettland und Slowenien beschlossen, das von Diehl Defence hergestellte Luftverteidigungssysteme vom Typ Iris-T SLM zu beschaffen. Nach Aussage von Pistorius wird das erste im kommenden Jahr ausgeliefert und die Beschaffung Sloweniens laufe bereits im Rahmen von ESSI. Der Minister kündigte an, dass die Teilnehmer-Staaten auch bei Betrieb und Training des Personals zusammenarbeiten wollen. Eine Lücke bestünde allerdings weiterhin in der Abwehr von weitreichenden ballistischen Raketen, schreibt das Bundesministerium für Verteidigung. Deutschland müsse in die Lage kommen, sich schneller als bisher geplant gegen die Bedrohung durch Flugkörper mit Reichweiten von mehr als 1.000 Kilometern zu schützen. Hierfür wird das israelische Luftverteidigungssystem Arrow 3 beschafft. Vom vierten Quartal 2025 an soll die Lieferung des israelischen Raketenabwehrsystems Arrow erfolgen.

Putins Iskander-Raketen: Der Krieg in der Ukraine zehrt die russischen Arsenale zweifellos aus.

Kurzfristig dürfte die Gefahr eines Angriffs auf das Bündnis gering sein, argumentiert Lydia Wachs vom Thinktank Stiftung Wissenschaft und Politik: Russlands militärische Fähigkeiten, inklusive seiner Flugkörper, reichten zwar aus, um den Krieg in der Ukraine fortzusetzen – jedenfalls seien keine unmittelbaren Engpässe erkennbar – allein die durchschnittliche Zahl an eingesetzten Marschflugkörpern und ballistischen Raketen spräche für diese These. Gleichzeitig benötigt das Land die verbliebenen Kapazitäten wohl für seine politisch-militärischen Ziele in der Ukraine. Mittel- bis langfristig wird damit gerechnet, dass Russland aber wohl imstande sein wird, seine Fähigkeiten in vollem Umfang wiederherzustellen. Wobei Wachs damit kalkuliert, dass Russlands selbst dann zu wenige Marschflugkörper und Raketen haben dürfte, um mit der Nato einen längeren konven­tionellen Krieg zu führen. Der Krieg in der Ukraine zehrt die russischen Arsenale zweifellos aus.

Im politischen Berlin stößt der Kauf von Arrow-3 auf breite Zustimmung, doch international sorgt er für Stirnrunzeln. Frankreich beispielsweise sieht sich in der Rüstungsbeschaffung für eine europäische „Einkaufsgenossenschaft“ übergangen und bleibt außen vor, wie beispielsweise auch Polen und Italien. Anders als das bereits vorhandene Patriot- und das kürzlich bestellte Iris-T-Luftverteidigungssystem der Bundeswehr scheint Arrow-3 dazu gänzlich untauglich, russische Raketen oder Marschflugkörper abzufangen. Arrow verteidigt hoch oben in der Erdatmosphäre – die russischen Raketen tauchen darunter durch. Simon Højbjerg Petersen, Experte für die Abwehr ballistischer Raketen, bezeichnete den Kauf von Arrow-3 als „die seltsamste Beschaffungsentscheidung, die ich seit langem gesehen habe.“, schreibt Frank Kuhn auf seinem Blog.

Der neue Hype: „Arrow-3 kann russische Kurzstreckenraketen oder Marschflugkörper nicht abfangen“

Kuhn ist Projektkoordinator des Clusters Natur- und Technikwissenschaftliche Rüstungskontrollforschung (CNTR) am Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung und argumentiert kritisch gegen Arrow-3: Die größte Bedrohung für Deutschland und Europa gehe derzeit vor allem von russischen Kurzstreckenraketen des Typs 9K720 Iskander und der Hyperschallwaffe Kh-47M2 Kinzhal sowie von russischen Marschflugkörpern aus. Allen diesen Waffensystemen ist allerdings gemein, dass sie die Erdatmosphäre während ihres Fluges gar nicht verlassen. „In anderen Worten: Arrow-3 kann russische Kurzstreckenraketen oder Marschflugkörper überhaupt nicht abfangen“, behauptet Kuhn.

Die europäische Atombombe wäre ein entscheidender Schritt hin zu einer strategischen Autonomie und zu einer eigenen Abschreckungskraft.“

Politikwissenschaftler Herfried Münkler in der Welt

Der Einsatz des Iskander-Systems in der Ukraine bedeutet für Russland tatsächlich mehr oder weniger einen Nebenkriegsschauplatz. Das Gros dieses Systems ist gegen die Nato-Partner gerichtet. Bereits 2013 hatte der ehemalige deutsche Nato-General Egon Ramms in der Bild gewarnt, Putins Raketen-Strategie bedeute einen Rückfall in Denkmuster des Kalten Krieges und sie als klare machtpolitische Kampfansage an die Nato gewertet. Hintergrund dieser Äußerung war die Stationierung der ersten 48 Iskander-Raketen in der russischen Enklave Kaliningrad entlang der Grenze zum Baltikum, also Estland, Lettland, Litauen. Fünf Jahre später folgten weitere Raketen. Warschau, Berlin, Kopenhagen und das südliche Schweden lagen plötzlich in Reichweite von russischer Feuerkraft.

Wladimir Putin: Das Macho-Image des russischen Präsidenten

Wladimir Putin in einem camouflage-farbendem Tauchanzug während eines Ausflugs in der russischen Republik Tuwa in Sibirien im Jahr 2017. Das Foto zeigt den russischen Präsidenten während einer Verschnaufpause.
Wladimir Putin in einem camouflage-farbendem Tauchanzug während eines Ausflugs in der russischen Republik Tuwa in Sibirien im Jahr 2017. Das Foto zeigt den russischen Präsidenten während einer Verschnaufpause. © Alexei Nikolsky/Imago
Ebenfalls im sibirischen Tuwa ist dieses inzwischen weltbekannte Foto entstanden, welches Wladimir Putin beim Reiten in den russischen Bergen zeigt. Mal wieder inszeniert sich der Kreml-Chef besonders männlich und zieht vor der Kamera prompt das Shirt aus. Das Bild liegt allerdings schon einige Jahre zurück: entstanden ist es 2009.
Ebenfalls im sibirischen Tuwa ist dieses inzwischen weltbekannte Foto entstanden, welches Wladimir Putin beim Reiten in den russischen Bergen zeigt. Mal wieder inszeniert sich der Kreml-Chef besonders männlich und zieht vor der Kamera prompt das Shirt aus. Das Bild liegt allerdings schon einige Jahre zurück: entstanden ist es 2009. © Imago
Wladimir Putin während einer Trainingssession in Sotschi im Jahr 2019. Der russische Präsident gilt als großer Judo-Fan und hat im Jahr 2000 in Tokio den Titel des sechsten Dan des „Kodokan-Judo“ verliehen bekommen.
Wladimir Putin während einer Trainingssession in Sotschi im Jahr 2019. Der russische Präsident gilt als großer Judo-Fan und hat im Jahr 2000 in Tokio den Titel des sechsten Dan des „Kodokan-Judo“ verliehen bekommen. © Mikhail Metzel/Imago
Selbst wenn sich der Kreml-Chef nahe den Gewässern Russlands erholt, sind die Kameras der russischen Staatspresse nicht weit entfernt. Schnappschüsse von einem schwimmenden Wladimir Putin, wie hier im Jahr 2017, würde ihnen sonst glatt entgehen.
Selbst wenn sich der Kreml-Chef nahe den Gewässern Russlands erholt, sind die Kameras der russischen Staatspresse nicht weit entfernt. Schnappschüsse von einem schwimmenden Wladimir Putin, wie hier im Jahr 2017, würde ihnen sonst glatt entgehen. © Alexei Nikolsky/Imago
Bekleidet mit olivgrüner Jagdhose und einem dazu passenden Sonnenhut präsentiert sich Wladimir Putin beim Angeln in den sibirischen Bergen im Jahr 2017. Geht es nach dem russischen Präsidenten, hat der Oberkörper aber freizubleiben.
Bekleidet mit olivgrüner Jagdhose und einem dazu passenden Sonnenhut präsentiert sich Wladimir Putin beim Angeln in den sibirischen Bergen im Jahr 2017. Geht es nach dem russischen Präsidenten, hat der Oberkörper aber freizubleiben. © Aleksey Nikolskyi/Imago

Ramms: „Die Nato muss zur Kenntnis nehmen, dass Russland eine intensive Machtpolitik betreibt und auf keinen Fall ein Verbündeter ist. Russland macht auf dem Weg hin zur Demokratie keine Fortschritte. Die Raketen-Strategie folgt dem alten sowjetischen Drohmuster.“ Angesichts dieser unveränderten Doktrin Russland ist Deutschlands oberster Soldat, Carsten Breuer, mit seiner Forderung nach einer effektiven Luftverteidigung noch gemäßigt. Ein schwereres rhetorisches Kaliber fuhr jüngst der wohl renommierteste deutsche Politikwissenschaftler Herwig Münkler auf, der gegenüber der Welt erklärte, warum er die Sehnsucht vieler Europäer nach einer atomwaffenfreien Welt für illusorisch hält: „Die europäische Atombombe wäre ein entscheidender Schritt hin zu einer strategischen Autonomie und zu einer eigenen Abschreckungskraft.“

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