Pokrowsk – umkämpfter Brennpunkt in der Ostukraine
VonPeter Rutkowski
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Russische Truppen halten 60 Prozent von Pokrowsk besetzt und schneiden damit den Nachschub der Kokskohle ab. Pokrowsk hat aber auch symbolischen Wert für Putin.
Pokrowsk – Das Schlüsselwort ist „porös“. So charakterisiert das unabhängige Washingtoner „Institute for the Study of War“ die Front in und um die Stadt Pokrowsk am Rande der Oblast Donezk, auf die sich derzeit das Kampfgeschehen im Osten der Ukraine konzentriert. Das ISW lag seit Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022 immer richtig mit seinen Lagebeurteilungen, und folgt man der jüngsten vom Monatswechsel, so ist „porös“ tatsächlich das einzig richtige Wort.
Falsch aber wäre es, dies mit „durchlässig“ gleichzusetzen. Viel eher ermöglicht die poröse Front und die daraus folgende poröse Frontlage nur einen partiellen Blick auf die Dinge. Viel konzentriert sich auf eine Luftlande-Operation ukrainischer Kräfte westlich von Pokrowsk, wo zwei Nachschubwege zu der Stadt durch russische Vorstöße bedroht scheinen.
Lage an der Front im Ukraine-Krieg: Kiews Spezialeinheiten in Pokrowks im Einsatz
Ukrainischen Quellen nach sind Spezialeinheiten des 7. Korps der Schnellen Einsatzkräfte mit mehreren Helikoptern beteiligt. Geht man nach den von den internationalen Agenturen kolportierten Meldungen aus dem Kreml und aus Kiew, war es ein Hubschrauber mit einem Kommandotrupp. Und nach Meinung Moskaus sei dieser damit gescheitert, gleich beide Versorgungswege freizukämpfen. Ein Kommandotrupp – was vielleicht zwischen zehn und 30 Soldaten ausmacht für zwei praktisch gleichzeitige Kampfeinsätze? Nach Einschätzung des ISW dauerten die Einsätze am Wochenende noch an.
Dass es sich kaum um eine lokale Aktion einer kleinen Einheit handelte, lässt sich auch daraus schließen, dass laut dem ukrainischen Rundfunksender Suspilne der Chef des Militärgeheimdienstes HUR, Kyrylo Budanow, selbst nach Pokrowsk gekommen ist, um die Aktionen zu koordinieren.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Pokrowsk sei derzeit der „schwierigste“ Frontabschnitt, sagte der ukrainische Armeechef Oleksandr Syrsky. Mehrere Tausend russische Soldaten versuchten, in den Großraum Pokrowsk-Myrnograd einzudringen und die Nachschubrouten der ukrainischen Truppen abzuschneiden. Dennoch seien beide Städte bislang „weder eingekreist noch blockiert“, betonte Syrsky. Die Armee tue alles, um die Logistik aufrechtzuerhalten. Weitere Einheiten und Gerät sollten in das Gebiet verlegt werden, darunter Drohnen.
Die Invasoren halten zurzeit ungefähr 60 Prozent der Stadt besetzt, im Rest wird in kleinsten Einheiten gekämpft, da sich das russische Militär darauf verlegt hat, durch sporadische Frontlücken wenige Soldaten zu infiltrieren, die dann im Nahbereich der Frontstellungen versuchen, den Nachschub zu stören oder auf Drohnenpiloten Jagd machen. Dies macht eine flexible Verteidigung in der Tiefe durch die ukrainische Seite nötig, was Zeit, Nerven und immer wieder auch Tote und Verwundete kostet, bis die Russen aufgerieben oder vertrieben sind.
Schutzschirm
Die Ukraine hat nach Angaben ihres Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ihren Patriot-Schutzschirm gegen russische Luftangriffe mit deutscher Hilfe ausgebaut. „Ich danke Deutschland und persönlich Bundeskanzler Friedrich Merz für diesen gemeinsamen Schritt zum Schutz von Menschenleben vor dem russischen Terror“, erklärte er auf in sozialen Medien. Details zu dem deutschen Beitrag zu den Flugabwehrsystemen nannte er nicht. „Wir haben diese Verstärkung der Luftabwehr seit einiger Zeit vorbereitet, und nun sind die getroffenen Vereinbarungen umgesetzt.“ (dpa)
Der Kampf um Pokrowsk: Der Ort hat auch symbolischen Wert für Putin
Warum sich das Kampfgeschehen so sehr auf Pokrowsk konzentriert, erklärt sich aus dem Ort selbst. Bis zu dem Zeitpunkt, als sich die russische Artillerie Anfang des Jahres erstmals auf die Stadt einschießen konnte, hatte das Bergwerk Pokrowsk 90 Prozent der Kokskohle geliefert, die die Ukraine verbrauchte. Und Kokskohle wird für die Stahlproduktion gebraucht.
Für die russische Seite ist neben der Blockade der Kohleförderung die Stadt als einer der wenigen noch unbesetzten Flecken des Donbass von symbolischer und damit politischer Bedeutung. Gelingt es ihr, sich die Oblasten, die den Donbass ausmachen, komplett einzuverleiben, kann Wladimir Putin das Gebiet durch die Macht des Faktischen für sich beanspruchen. Die Frontlinie entspräche dann den zivilen Regionsgrenzen; das könnte das Signal für die westlichen Partner der Ukraine sein, auf ein Ende der Kampfhandlungen seitens Kiews zu drängen, was wiederum Putin als Sieger dastehen ließe – selbst wenn die Ukraine nicht völlig vernichtet wird und ihre endgültige Westanbindung durch eine EU-Mitgliedschaft dann Realität würde. Das alles ist Zukunftsmusik. In Pokrowsk entscheidet sich erstmal, ob die Ukraine geschwächt oder gestärkt in den Winter geht.