Ukraine-Krieg: Putin umzingelt Pokrowsk – Selenskyj unter Druck
VonTadhg Nagel
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Putins Armee dringt in Pokrovsk ein. Selenskyjs Verteidiger sind umzingelt. Im Ukraine-Krieg droht der Fall einer strategischen Hochburg.
Kiew – Just als die diplomatischen Initiativen von US-Präsident Donald Trump zur Beendigung des Ukraine-Kriegs an Schwung verlieren, verschärft Moskau seine militärischen Operationen im östlichen Landesteil. Truppen des russischen Präsidenten Wladimir Putin haben die stark umkämpfte Stadt Pokrovsk erreicht und sind dort eingedrungen. Für die Verteidiger wird die Situation im Ukraine-Krieg zunehmend prekär. Die massive zahlenmäßige Unterlegenheit macht sich deutlich bemerkbar.
Seit dem Fall von Avdiivka im Februar 2024 arbeitet sich die russische Armee kontinuierlich auf Pokrovsk zu. Der bedeutende Verkehrsknotenpunkt in der Oblast Donezk ist mittlerweile nahezu eingekesselt – Moskaus Streitkräfte kontrollieren drei Zugangswege zur Stadt. Die ukrainische Open-Source-Gruppe DeepState, die den Kriegsverlauf dokumentiert, beziffert den noch offenen Korridor auf lediglich 15 Kilometer Breite. Über diesen schmalen Zugang laufen sämtliche Nachschublieferungen und Truppenverstärkungen für die Verteidiger.
Erdrückende Übermacht: Selenskyj gibt massive Unterlegenheit von eins zu acht bekannt
Am Sonntag (26. Oktober) wies Kiew die Verlautbarungen des Kremls zurück, wonach Pokrovsk bereits komplett abgeriegelt sei. Allerdings bestätigte der ukrainische Generalstab zeitgleich das Vordringen von rund 200 russischen Soldaten ins Stadtgebiet. Zudem tobten entlang der gesamten, etwa 1.000 Kilometer messenden Frontlinie heftige Gefechte an zahlreichen Brennpunkten. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von einer „schwierigen Situation“.
Einen Tag später präzisierte Selenskyj seine Einschätzung im Gespräch mit der Presse. Moskau habe diesem Frontabschnitt „so viele Kräfte zugewiesen, dass die Ukraine nicht alle Kräfte auf eine Richtung konzentrieren kann – das Verhältnis beträgt eins zu acht“, zitiert ihn der Sender Suspilne. Dennoch gelinge Putin trotz dieser erdrückenden numerischen Überlegenheit nur ein zähes Vorankommen. „Stellen Sie sich vor, wie viele russische Streitkräfte dort sind. Aber gleichzeitig haben sie das geplante Ergebnis nicht erreicht“, habe der Präsident angemerkt.
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Zu spät für einen Rückzug: Experten warnen vor katastrophaler Entwicklung im Ukraine-Krieg
Doch die Realität vor Ort zeichnet ein düsteres Bild. Sämtliche Brückenkonstruktionen, die in die Stadt führen, fielen russischen Sprengungen zum Opfer – die Evakuierung verwundeter Soldaten ist praktisch zum Erliegen gekommen. Oberleutnant Natalia Stoiko, die den Sanitätsdienst der 5. Schwermechanisierten Brigade leitet, schilderte dem Kyiv Independent die verzweifelte Lage. Es mangele an „allem“ – von technischem Equipment bis zu Pionieren, die behelfsmäßige Brücken errichten könnten, um Verwundetentransporte zu ermöglichen, so Stoiko.
Westliche Militärfachleute, die sich zuvor gegenüber der Zeitung äußerten, betonten die Notwendigkeit eines zeitigen Rückzugs – insbesondere wenn das Halten der Position angesichts unterbrochener Versorgungslinien militärisch nicht mehr zu rechtfertigen sei. Pasi Paroinen von der finnischen Open-Source-Analyseorganisation Black Bird Group erklärte, nach Einschätzung seiner Gruppe hätte ein Abzug aus Pokrovsk bereits zur Jahresmitte erfolgen müssen. „Je mehr Zeit vergeht, desto schwieriger wird es für die Ukrainer, sich zurückzuziehen“, warnte Paroinen im Interview mit dem Blatt.
Drohnenbedrohung und Versorgungschaos: Strukturkrise lähmt Selenskyjs Truppen im Ukraine-Krieg
Gleichzeitig attackierten iranische Shahed-Drohnen täglich Ziele weit im Hinterland und brächten die bereits überbeanspruchte Luftverteidigung an ihre Grenzen, heißt es in dem Bericht. Während die Abstände zwischen den Infanteriestellungen größer würden, ignoriere die militärische Führung aus Angst vor politischen Folgen die offenkundigen Schwierigkeiten. (Quellen: DeepState, Financial Times, Kyiv Independent, Suspilne, Ukrainska Pravda) (tpn)