Prävention

Experte über Prävention: „Wir müssen proaktiv auf Extremisten zugehen“

  • schließen

Thomas Mücke vom „Violence Prevention Network“ über gelungene Prävention und die gefährlichen Folgen von Kürzungen im Haushalt.

Herr Mücke, seit wie vielen Jahren arbeitet Violence Prevention Network in der Extremismusbekämpfung?

Angefangen haben wir im Jahr 2001, da gab es in den Vollzugsanstalten in Brandenburg regelrechte rechtsextreme Netzwerke. Das hat der Politik Sorgen gemacht. Und dann sind wir gefragt worden, ob wir uns darum kümmern. Man kannte uns aus dem damaligen „Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt“. Das war von der Bundesfamilienministerin Angela Merkel ins Leben gerufen worden. Es ging darum, mit den Betroffenen zu arbeiten, um Veränderungen im Verhalten und auf der Bewusstseinsebene zu erreichen. Damals haben wir das Programm „Verantwortung übernehmen – Abschied von Hass und Gewalt“ entwickelt. Das ist ausgiebig evaluiert worden, was sehr gut war. So haben wir viel gelernt, was wirkt und was nicht. Das waren damals extreme Leute, die Anführer von Kameradschaften waren oder wegen Mordes einsaßen.

Demo gegen rechte Gewalt im Mai in Berlin: „Der Rechtsextremismus ist vielfältiger geworden.“

Rechtsextremismus: Überfälle auf Wahlkampfhelfer erinnern an die 90er Jahre

Wie hat sich der Rechtsextremismus seit den 90er Jahren verändert?

Er ist vielfältiger geworden. Soziale Netzwerke haben früher keine Rolle gespielt, jetzt sind sie sehr wichtig in der Mobilisierung. Die Überfälle auf die Wahlkampfhelfer allerdings erinnern an die früheren Zeiten der 90er Jahre – die direkte brutale Gewaltanwendung gegenüber Menschen, die politisch anders denken. Den Vorfall in Sachsen verübte ja eine Gruppe, die nicht ganz ohne extremistischen Hintergrund dastand. Das waren keine spontanen Wutbürger. Aber das wird sich im Gerichtsverfahren zeigen.

„Wir müssen sie dazu bringen, die Tür zu öffnen“ – Präventionsexperte über Extremisten

Arbeiten Sie eigentlich auch mit diesen Jugendlichen?

Das müssen wir mal sehen. Wir halten uns immer sehr daran, welcher zivilgesellschaftliche Träger im jeweiligen Bundesland zuständig ist. Wenn wir zuständig wären, würden wir jetzt sehr schnell Kontakt aufnehmen. Aber wir sind kein klassisches Aussteiger-Programm. Die gibt es für die Personen, die sich zu 100 Prozent entschieden haben, auszusteigen. Die sind aber selten, ganz besonders im Bereich des Islamismus. Wir wissen, dass wir proaktiv auf diese Leute zugehen müssen. Die haben noch keinen Ausstiegswillen. Wir müssen sie dazu bringen, die Tür zu öffnen und über ihr Leben nachzudenken.

Violence Prevention Network: Bisher kein Betreuter aus Gefängnis rückfällig

Funktioniert das?

Ja, wir erreichen da viel. Aber es kommt keiner von sich aus. Deswegen sind wir sehr angewiesen auf die Signale, die aus Schulen kommen und aus dem familiären Bereich. Auf die können wir dann sehr schnell reagieren. Wir haben – auch in den Gefängnissen – nur ganz wenige Leute, die sagen, ich möchte mit euch nichts zu tun haben. Wir haben gerade im Islamismus mit Fällen zu tun, die früher sehr für Aufsehen gesorgt haben. Aber wir schaffen es in aller Regel, die Arbeitsbeziehung so aufzubauen, dass wir hier auch tatsächlich keine Rückfälle haben. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Aber es muss sehr viel Arbeit reingesteckt werden. Es ist oft sehr schwer, die soziale Integration wieder herzustellen. Einen Ausbildungsplatz oder eine Arbeit zu finden, ist oft sehr schwierig. Diese Menschen werden von uns sehr engmaschig betreut. Aber bisher ist keiner von ihnen rückfällig geworden.

Wie viel Menschen betreuen Sie da so engmaschig?

Das ist eine niedrige dreistellige Zahl. Mit Zahlen muss man aber vorsichtig sein. Es kann schon sein, dass ein Einzelfall unglaublich viel Zeit in Anspruch nimmt im Vergleich zu einem anderen. Da ist die Frage der Einschätzung einer Gefahrenrelevanz. Jeder Fall ist anders und besonders. Es sind grundsätzlich immer verschiedene Leute an einem Fall dran und es gibt natürlich die Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden, die noch mal eigene Informationen zur Gefahrenabschätzung haben. Dann müssen die verschiedenen Erkenntnisse zusammengebracht werden – und dann schaut man, was am besten im jeweiligen Fall zu tun ist.

Kabinett Scholz: Nach dem Ampel-Aus kommt Rot-Grün ohne Mehrheit

Olaf Scholz spricht zur Energiepolitik.
Olaf Scholz (SPD) ist der neunte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Politisch wird er dem konservativen Flügel der Sozialdemokraten zugerechnet. Lange Zeit galt er als reiner „Scholzomat“ – ein Spitzname, den er sich wegen seiner mechanisch wirkenden Sprechblasen in seiner Zeit als Generalsekretär unter Kanzler Gerhard Schröder verdiente. Kurz nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine kündigte er in einer Sondersitzung des deutschen Bundestages einen Wandel der deutschen Politik an: „Wir erleben eine Zeitenwende.“  © Britta Pedersen/dpa
Robert Habeck auf Deutschlandtour.
Robert Habeck ist Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz im Kabinett Scholz sowie Stellvertreter des Kanzlers. Vom 27. Januar 2018 bis zum 14. Februar 2022 hatte er zusammen mit Annalena Baerbock den Bundesvorsitz der Partei Bündnis 90/Die Grünen inne. Habeck ist auch als Schriftsteller tätig. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Andrea Paluch veröffentlichte er mehrere Romane, u.a. Hauke Haiens Tod (2001). © Soeren Stache/dpa
Jörg Kukies kommt zu Beginn der Sitzung des Bundeskabinetts im Kanzleramt.
Am 7. November 2024 hat Jörg Kukies das Amt des Finanzminister übernommen. Der Sozialdemokrat Kukies ist derzeit Staatssekretär im Kanzleramt und gilt als einer der wichtigsten Berater von Kanzler Scholz. Er ist sein Mann für Wirtschaft und Finanzen und verhandelt für ihn die Abschlussdokumente der G7- und G20-Gipfel.  © Michael Kappeler/dpa
Christian Lindner im Kanzleramt in Berlin am 27. Juli 2022.
Christian Lindner ist Bundesminister der Finanzen im Kabinett Scholz. Der FDP-Politiker ist seit dem 7. Dezember 2013 Bundesvorsitzender der Liberalen. Schon 2017 sah es lange so aus, als würde die FDP an der Regierung beteiligt sein. Doch nach vierwöchigen Sondierungsgesprächen zur Bildung einer Jamaika-Koalition erklärte Lindner die Verhandlungen schließlich für gescheitert. Seine Begründung: „Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren!“ © Emmanuele Contini/Imago
Nancy Faeser (SPD), alte und neue Landesvorsitzende der SPD in Hessen und Bundesinnenministerin, freut sich über ihre Wiederwahl.
Nancy Faeser führt im Kabinett Scholz als erste Frau das Bundesministerium des Innern und für Heimat. Die Juristin ist seit dem 2. November 2019 Vorsitzende der SPD Hessen. Zuvor war sie 16 Jahre lang Abgeordnete des Hessischen Landtags und ab 2019 als Vorsitzende der hessischen SPD-Fraktion auch Oppositionsführerin. Zudem war sie Spitzenkandidatin der SPD bei der Landtagswahl in Hessen 2023. Als Abgeordnete im Landtag erhielt sie zwei Drohbriefe, die mit NSU 2.0 unterschrieben waren. © Andreas Arnold/dpa
Annalena Baerbock ist im Kabinett Scholz Bundesministerin des Auswärtigen. Sie ist die erste Frau, die dieses Amt innehat. Bei der Bundestagswahl 2021 trat sie als Kanzlerkandidatin der Grünen an, die sich aber mit 14,8 Prozent der Zweitstimmen mit Platz drei hinter SPD und Union begnügen mussten. Von Januar 2018 bis Februar 2022 war sie gemeinsam mit Robert Habeck Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen.
Annalena Baerbock ist im Kabinett Scholz Bundesministerin des Auswärtigen. Sie ist die erste Frau, die dieses Amt innehat. Bei der Bundestagswahl 2021 trat sie als Kanzlerkandidatin der Grünen an, die sich aber mit 14,8 Prozent der Zweitstimmen mit Platz drei hinter SPD und Union begnügen mussten. Von Januar 2018 bis Februar 2022 war sie gemeinsam mit Robert Habeck Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen. © Thomas Imo/Imago
Marco Buschmann FDP, Bundesjustizminister, stellt Eckpunktepapier zum Selbstbestimmungsgesetz vor.
Marco Buschmann war bis zum 7. November 2024 Bundesminister der Justiz im Kabinett Scholz. Der FDP-Politiker war von Oktober 2017 bis Dezember 2021 Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Bundestagsfraktion. Im Herbst 2020 warnte er während der Corona-Pandemie vor einer Verfassungskrise. Buschmann war auch Mitkoordinator der erfolgreichen Verfassungsklage der Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und FDP gegen den Berliner Mietendeckel. Nach dem Rauswurf von Finanzminister Christian Lindner verließ Buschmann die Ampel.  © Jürgen Heinrich/Imago
Volker Wissing, Bundesverkehrsminister FDP, vor der Kabinettssitzung im Berliner Kanzleramt Bundeskanzleramt in Berlin
Volker Wissing wurde nah dem Ampel-Aus für sein Ausscheren aus dem Kurs von FDP-Parteichef Christian Lindner belohnt. Der Bundesminister für Digitales und Verkehr erhielt zusätzlich das Justizressort. Einer der letzten großen Ampel-Fans in der FDP zog nach dem Koalitionsbruch Konsequenzen: In einem beispiellosen Schritt trat er aus der Partei aus und bleibt bis zu den geplanten Neuwahlen als Parteiloser im Amt. Der Jurist war vom 19. September 2020 bis zum 23. April 2022 Generalsekretär der FDP. Wissing gibt als Hobby Weinbau an, vor allem im familieneigenen Weingut.  © Stefan Boness/Imago
Hubertus Heil besucht die Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete in Berlin-Spandau.
Hubertus Heil ist im Kabinett Scholz Bundesminister für Arbeit und Soziales – ein Amt, das der SPD-Politiker bereits seit dem 14. März 2018 innehat. Heil ist seit Dezember 2019 stellvertretender Bundesvorsitzender der Sozialdemokraten. Von November 2005 bis November 2009 und von Juni bis Dezember 2017 war er Generalsekretär seiner Partei. Heil spricht sich für einen Mindestlohn von mindestens 12 Euro aus, eine Erhöhung des Rentenalters auf über 67 Jahre lehnt er ab. © M. Popow/Imago
Boris Pistorius ist als Nachfolger von Christine Lambrecht ins Chefbüro des Verteidigungsministeriums im Bendlerblock gerückt. Pistorius gehört dem SPD-Parteivorstand an und gilt als erfahrener Polit-Manager. Von 1980 bis 1981 absolvierte er seinen Wehrdienst, anschließend studierte er Rechtswissenschaften in Osnabrück und Münster. Pistorius war zuvor seit 2013 Innenminister in Niedersachsen.
Boris Pistorius ist als Nachfolger von Christine Lambrecht ins Chefbüro des Verteidigungsministeriums im Bendlerblock gerückt. Pistorius gehört dem SPD-Parteivorstand an und gilt als erfahrener Polit-Manager. Von 1980 bis 1981 absolvierte er seinen Wehrdienst, anschließend studierte er Rechtswissenschaften in Osnabrück und Münster. Pistorius war zuvor seit 2013 Innenminister in Niedersachsen. © Michael Kappeler/dpa
Verteidigungsministerin Lambrecht besucht Marder-Kompanie
Bis zum 19. Januar 2023 hatte Christine Lambrecht das Amt der Verteidigungsministerin inne. Die SPD-Politikerin stand zumeist unter einem immensen Druck. Kritische Stimmen warfen ihr fehlende Sachkenntnis, die schleppend angelaufene Beschaffung für die Bundeswehr, aber auch ihr Auftreten in der Öffentlichkeit vor. Irritation rief schließlich eine Neujahrsbotschaft hervor, in der sie begleitet von Silvesterfeuerwerk in Berlin über den Ukraine-Krieg sprach. © Robert Michael/dpa
Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen), Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft läuft beim Treffen der G7 Agrarminister zum Eingang des Schlosses Hohenheim.
Cem Özdemir ist Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft im Kabinett Scholz. Özdemir ist der erste Bundesminister mit türkischem Migrationshintergrund. Von November 2008 bis Januar 2018 war er Bundesvorsitzender der Grünen. Im Dezember 2021 wurde er zum stellvertretenden Vorsitzenden des gemeinnützigen Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ gewählt. Nach dem Ampel-Aus übernahm er auch das Ministerium für Bildung und Forschung.  © Bernd Weißbrod/dpa
Lisa Paus (Bündnis 90/Die Grünen), Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, spricht beim hybriden Gipfeltreffen „Women7-Summit“.
Elisabeth „Lisa“ Paus ist seit dem 25. April 2022 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Kabinett Scholz. Sie ist die Nachfolgerin von Anne Spiegel, die zuvor von diesem Posten zurückgetreten war. Paus gehört zum linken Parteiflügel der Grünen. Sie ist seit 2009 Abgeordnete im Deutschen Bundestag.  © Bernd von Jutrczenka/dpa
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier übergibt im Schloss Bellevue anlässlich des Amtswechsels im Bundesfamilienministerium die Entlassungsurkunde an Anne Spiegel (Bündnis 90/Die Grünen), bisherige Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
Vorgängerin von Lisa Paus war Anne Spiegel, die am 25. April 2022 die Entlassungsurkunde von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erhielt. „Es war zu viel“, hatte die Grünen-Politikerin vorher bekennen müssen. Ihr Verhalten als Ministerin für Klimaschutz, Umwelt, Energie und Mobilität in Rheinland-Pfalz nach der Flutkatastrophe im Sommer 2021 wurde vom Untersuchungsausschuss des Landtags bis ins Detail untersucht. Die Kritik wurde zum Sturm – ihr Amt als Bundesfamilienministerin gab Spiegel deshalb auf. In ihrer Rücktrittserklärung betonte Spiegel, dass sie das Amt nicht länger belasten wolle und entschuldigte sich für begangene Fehler. © Bernd von Jutrczenka/dpa
Karl Lauterbach (SPD), Bundesgesundheitsminister, beantwortet auf einer Pressekonferenz Fragen von Journalisten zum Infektionsgeschehen und zur Impfentwicklung.
Karl Lauterbach ist Bundesminister für Gesundheit im Kabinett Scholz. Der SPD-Politiker ist Professor am Universitätsklinikum Köln und dort Leiter des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie. Wegen seines Bundestagsmandats ist er derzeit beurlaubt. Während der Pandemie ist er für viele zu einer Reizfigur geworden. Als Minister konnte er sich mit seiner Forderung nach einer allgemeinen Corona-Impfpflicht nicht durchsetzen.  © Wolfgang Kumm/dpa
Steffi Lemke, Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz beim Treffen der G7 Klima-, Energie- und Umweltministerinnen und -minister.
Steffi Lemke hat im Kabinett Scholz den Posten als Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz inne. Die Politikerin von Bündnis 90/Die Grünen absolvierte ein Studium der Agrarwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin, das sie 1993 als Diplom-Agraringenieurin abschloss. Von 2002 bis 2013 war sie politische Bundesgeschäftsführerin ihrer Partei. © Chris Emil Janssen/Imago
Bettina Stark-Watzinger im Portrait bei der Bundespressekonferenz zum Thema Veroeffentlichung des nationalen Bildungsberichts Bildung in Deutschland.
Bettina Stark-Watzinger ist Bundesministerin für Bildung und Forschung im Kabinett Scholz. Seit 2017 ist sie Abgeordnete im Deutschen Bundestag und seit März 2021 Vorsitzende der FDP Hessen. Ihr Studium der Volkswirtschaftslehre an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz und der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main schloss sie 1993 als Diplom-Volkswirtin ab. Sie ist Mitglied im Stiftungsrat der Karl-Hermann-Flach-Stiftung. © Imago
Svenja Schulze SPD, Bundesministerin fuer wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, aufgenommen im Rahmen der Konferenz fuer globale Ernaehrungssicherheit im Auswaertigen Amt in Berlin.
Svenja Schulze ist Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland im Kabinett Scholz. Die SPD-Politikerin ist Mitglied der Arbeiterwohlfahrt, der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), ver.di, im Naturschutzbund Deutschland (NABU) und im Verein Slowfood. Sie ist Mitbegründerin des Netzwerkes „Frauenzeiten“. © Florian Gaertner/Imago
Klara Geywitz im Kanzleramt in Berlin am 27. Juli 2022. Kabinettssitzung in Berlin.
Klara Geywitz ist Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen im Kabinett Scholz. Zudem ist sie Beauftragte der Bundesregierung für den Berlin-Umzug und den Bonn-Ausgleich. Im Dezember 2019 wurde sie zu einer der stellvertretenden Bundesvorsitzenden der SPD gewählt. Geywitz gehört seit 2014 dem Vorstand der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit an. © Emmanuele Contini/Imago
Wolfgang Schmidt hisst die Regenbogenfahne am Bundeskanzleramt in Berlin.
Wolfgang Schmidt ist Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes im Kabinett Scholz. In dieser Funktion ist er außerdem Beauftragter der Nachrichtendienste des Bundes. Schmidt, der seit 1989 der SPD angehört, gilt als engster Vertrauter von Olaf Scholz. © Christian Spicker/Imago

Salafisten nutzten Pause der Präventionsarbeit zur Rekrutierung in Gefängnissen

Wann haben Sie angefangen, sich mit Islamismus zu beschäftigen?

Das war 2007. Wir haben erst im Vollzugsbereich gearbeitet. Hier wurde die Extremismusprävention durch die unterschiedlichen Modellprogramme finanziert, die es von der Bundesregierung gab. Die haben ständig gewechselt. Dann gab es eine Lücke – zumindest im Vollzugsbereich zwischen 2012 und 2015, da gab es kein Bundesprogramm. Das war interessanterweise genau die Zeit, in der die salafistische Szene extrem stark rekrutiert hat in den Vollzugsanstalten. Da hat man gemerkt, wie schnell die extremistische Szene eine Unterversorgung von Angeboten der Extremismusbekämpfung für sich nutzen kann.

Was ist derzeit gefährlicher, der Rechtsextremismus oder der Islamismus?

Beides sind große Herausforderungen. Wenn in einem Bereich etwas passiert ist, heißt es, der andere Bereich sei zu sehr berücksichtigt worden. Solche Nachfragen erlebe ich auch in Talkshows immer wieder. Wir müssen uns auf beide Phänomenbereiche gut einstellen. Das Thema Antisemitismus zum Beispiel ist für uns keine neue Herausforderung, weil das ohnehin ein Querschnittsthema in allen Bereichen ist. Die Entwicklung der Reichsbürger ist spezifisch, wo ich aber auch sagen würde, das kann man dem Bereich Rechtsextremismus ganz gut zuordnen.

Es gibt dann noch so einzelne Bereiche wie den auslandsbezogenen Extremismus. Wir beobachten auch, ob der Ukraine-Krieg Auswirkungen auf die Phänomenbereiche haben wird. Wir arbeiten da sehr eng mit der Wissenschaft zusammen. Wir sind mit 140 Kolleginnen und Kollegen gut aufgestellt. Allerdings nimmt die Zahl in letzter Zeit ab, weil die Gelder weniger werden.

Von Befristung zu Befristung – Staat spart bei Präventionsstellen

Warum? Die Extremismusgefahr ist doch nicht gesunken, oder?

Die Gefahr wird nicht geringer, aber das Problem ist, dass die Haushalte schrumpfen. Und Extremismusprävention jeglicher Art ist nicht regelfinanziert, sondern grundsätzlich zeitlich befristet. Jeder Versuch, eine Regelstruktur einzuführen, wie zum Beispiel durch das Demokratiefördergesetz, ist bis jetzt gescheitert.

Noch hält die Koalition aber am Demokratiefördergesetz fest, zumindest offiziell.

Ich persönlich glaube nicht mehr daran. Wir hatten bei Violence Prevention Network jahrelang nur Zeitverträge, also vom 1. Januar bis zum 31. Dezember eines Jahres. Wir haben das jetzt abgeschafft und machen auch schon mal andere Arbeitsverträge, aber wenn das jeweilige Projekt ausläuft, ist es egal, ob man einen unbefristeten oder einen befristeten Arbeitsvertrag hat. Dann geht die Arbeitskraft verloren.

Geht Personal, geht auch Wissen – Die Gefahr der Zeitverträge

Und damit dann ja auch die Expertise in einem sehr spezialisierten Arbeitsgebiet, oder?

Man muss sich eines immer vergegenwärtigen: Das Personal kann man nicht beliebig austauschen. Es muss fachlich sehr spezifisch ausgebildet werden. In diesem Berufsfeld müssen Erfahrungen gewonnen werden, weil Sie wirklich mit schwersten Fällen zu tun haben. Wenn dieses Personal weggeht, gehen viele Ressourcen verloren – ganz abgesehen davon, dass man in diese Ressourcen auch viel Geld reingesteckt hat. Natürlich ist immer das Problem, das haben wir in den letzten Jahren schon beobachtet, dass die Beschäftigten eine gewisse Sicherheit brauchen, eine Perspektive.

Das ist bei uns aber nicht gegeben. Im Gegenteil: Wir haben kein Gespräch mit irgendeinem Zuwendungsgeber, in dem nicht gesagt wird, wir müssen sparen. Wir müssen als Organisation aber auch unsere eigene Insolvenz abwehren. Das heißt, alle zivilgesellschaftlichen Träger müssen jetzt schauen, ob sie zum Ende des Jahres Mitarbeitern kündigen, weil sie nicht wissen, was auf sie zukommen kann.

Deutschlands „beispielhaftes System“ der Extremismusprävention – leider prekär

Wie vielen Menschen müssen Sie nun angesichts der knappen Mittel kündigen?

Wie rechnen damit, dass wir 20 Prozent unseres Personals verlieren könnten. Das ist schon sehr viel. Das betrifft aber nicht nur uns, bei anderen zivilgesellschaftlichen Trägern ist das auch so. Das bedeutet, dass sehr kompetente Leute gehen. Die kommen auch nicht mehr zurück, das haben wir schon oft erlebt. Die sind für diesen Arbeitsbereich dann verloren. Wir haben in Deutschland eine sehr gute Struktur bei der Extremismusarbeit, auch im europäischen Vergleich. Da hat sich sehr viel Professionalität entwickelt, gerade in der Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden. Jetzt haben wir in Deutschland ein beispielhaftes System. Aber es hat keine Verstetigung gegeben.

Liegt es daran, dass die Politik flexibel auf mögliche Krisen reagieren will?

Egal, wie die gesellschaftliche und politische Entwicklung sein werden, Extremismuspräventionsarbeit ist immer notwendig. Die Phänomenbereiche werden sich ändern, es wird immer wieder aktuelle Entwicklungen geben. Aber man braucht die Strukturen, die darauf reagieren. Wenn die aber erst mal kaputt sind, dann braucht man wieder zehn Jahre, um sie aufzubauen. Das macht uns natürlich große Sorgen. Gerade in einer Zeit, in der besonders im Islamismus und Rechtsextremismus die Herausforderungen an uns sehr deutlich sind, passt es nicht dazu, dass wir eine Unsicherheit in der Angebotsstruktur gerade in dem Bereich haben.

„Demokratie ist tatsächlich in Gefahr“ – Präventionsarbeiter warnt vor AfD-Regierungen

Wie sehr sehen Sie unsere Demokratie durch den Extremismus in Gefahr?

Zur Rückendeckung der Arbeit braucht man einen gesellschaftlichen Konsens der Demokratie. Wenn Extremismus ein Randbereich der Gesellschaft ist, kann man damit ganz gut arbeiten. Man kann nicht jedes Feuer löschen, aber man kann aufpassen, dass es keinen Flächenbrand gibt. Wenn jetzt aber in der Gesellschaft dieser Konsens über die Demokratie nicht mehr da ist, dann haben wir ein Problem.

Thomas Mücke (66) ist Geschäftsführer von Violence Prevention Network. Fokus des Politologen und Pädagogen ist die Arbeit mit gefährdeten Jugendlichen. jon

Wie meinen Sie das?

Wenn antidemokratische Kräfte in Demokratien in Verantwortung kommen, dann wird es schwierig, in der Extremismusprävention zu arbeiten. Das ist einer der Gründe, warum wir auch gesagt haben, wenn die AfD politische Verantwortung hat, stehen wir nicht mehr zur Verfügung. Das ist ein Widerspruch, den man nicht auflösen kann.

Das heißt, wenn die AfD in den Bundesländern mitregieren sollten, würden Sie nicht mehr mit den staatlichen Sicherheitskräften dort zusammenarbeiten?

Mal abgesehen davon, dass die AfD Programme wie unsere sofort streichen würde: Es gäbe keine Handlungsmöglichkeiten mehr. Davon wären ja nicht nur wir betroffen. Wenn die politische Entwicklung in diese Richtung geht und dann auch noch diese Angebote weg sind, dann wird irgendwann die Luft dünn. Da muss man sehr aufpassen und darf nicht einfach nur abwarten. An diesem Punkt sagen wir: Die Demokratie ist tatsächlich in Gefahr.

Rubriklistenbild: © IMAGO/IPON

Kommentare