LGBTQ-Rechte

Queer in Asien: Warum sich schwule und lesbische Chines:innen in Fake-Ehen flüchten

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Teilnehmer der Pride-Parade in Taipeh 2020: in China undenkbar.
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In Taiwan können gleichgeschlechtliche Paare Kinder adoptieren – im restlichen Asien nicht einmal heiraten. In China flüchten sich viele deswegen in Fake-Ehen.

München – Mehr als eine halbe Million Menschen – schwul, lesbisch, bi, trans, hetero –, und mittendrin Wang Tao: Der junge Chinese erlebt an einem Wochenende Ende Juni seinen ersten Christopher Street Day, diese wilde Mischung aus Party und Protest für die Rechte der LGBTQ-Gemeinschaft. Nicht in Peking allerdings, seiner Heimatstadt. Sondern in München. Wang, der eigentlich anders heißt, lebt seit einem halben Jahr in der bayerischen Landeshauptstadt, macht hier ein Praktikum bei einem Dax-Konzern. Das Unternehmen ist mit einem eigenen Wagen auf dem Münchner CSD vertreten, Wang läuft mit, verteilt Fächer in Regenbogenfarben an die Schaulustigen. Angesichts von hochsommerlichen Temperaturen ein willkommenes Geschenk.

Wang stammt aus einem kleinen Bergdorf in der südchinesischen Provinz Hunan, wächst aber in Peking auf. Hier geht er zur Schule, später zur Universität, hat eine Freundin, überlegt, sie eines Tages zu heiraten. Ein Leben, wie es sich die allermeisten chinesischen Eltern für ihre Kinder wünschen. Nur Wang Tao selbst fühlt sich irgendwann nicht mehr wohl. „Das war nicht ich“, sagt er. Heute, in München, lebt er mit einem Mann zusammen. Die beiden hatten sich über eine Dating-App kennengelernt, im Herbst wollen sie gemeinsam nach China reisen. „Meine Eltern in Peking werde ich aber alleine besuchen“, sagt Wang Tao. Dass sie seinen Freund kennenlernen, kann er sich nicht vorstellen.

China: Unter Xi Jinping ist die Lage für Schwule und Lesben schwierig

China ist neben Indien das bevölkerungsreichste Land der Welt. Rund 1,4 Milliarden Menschen leben in der Volksrepublik, darunter wohl auch mindestens 100 Millionen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transpersonen. 1997 wurde Homosexualität in China entkriminalisiert. In großen Städten wie Shanghai, Peking oder Chengdu gibt es eine kleine queere Szene, treffen sich Schwule und Lesben zum Feiern oder Daten in Bars und Discos. Diese Treffpunkte mögen nicht so sichtbar sein wie im Westen, aber es gibt sie.

Von wirklicher Gleichberechtigung ist das Land aber noch weit entfernt. Traditionelle Familienwerte sind noch immer wichtig, und ein bisschen kann auch Wang Tao das verstehen. „Ich bin ein Einzelkind. Natürlich wünschen sich meine Eltern, dass sie eines Tages von mir Enkel bekommen“, sagt der 28-Jährige. Keinen eigenen Nachwuchs in die Welt setzen – etwas Schlimmeres könne man seinen Eltern nicht antun, glauben viele Chinesen.

Hinzu kommt, dass die Lage für queere Menschen schwieriger geworden ist, seit Staats- und Parteichef Xi Jinping vor gut zehn Jahren an die Macht kam. Regelmäßig werden schwule oder lesbische Charaktere aus Fernsehsendungen oder Kinofilmen geschnitten; Männer, die nicht maskulin genug erscheinen, dürfen ebenfalls nicht mehr gezeigt werden. Im vergangenen Jahr wurde zudem die weltweit beliebte Dating-App Grindr, die sich an schwule und bisexuelle Männer richtet, aus dem chinesischen App-Store geschmissen – offiziell wegen Datenschutzbedenken. Auch große Pride-Paraden gibt es nicht mehr, Selbsthilfegruppen mussten ihre Arbeit einstellen. Für Chinas Regierung ist Homosexualität ein Konzept aus dem Westen, das angeblich nicht passt zur traditionellen chinesischen Kultur.

China und Taiwan: Darum geht es in dem Konflikt

Taiwans F-16-Kampfjet (links) überwacht einen der beiden chinesischen H-6-Bomber, die den Bashi-Kanal südlich von Taiwan und die Miyako-Straße in der Nähe der japanischen Insel Okinawa überflogen.
Seit Jahrzehnten schon schwelt der Taiwan-Konflikt. Noch bleibt es bei Provokationen der Volksrepublik China; eines Tages aber könnte Peking Ernst machen und in Taiwan einmarschieren. Denn die chinesische Regierung hält die demokratisch regierte Insel für eine „abtrünnige Provinz“ und droht mit einer gewaltsamen „Wiedervereinigung“. Die Hintergründe des Konflikts reichen zurück bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. © Taiwan Ministry of Defence/AFP
Chinas letzter Kaiser Puyi
Im Jahr 1911 zerbricht das viele Jahrtausende alte chinesische Kaiserreich. Der letzte Kaiser Puyi (Bild) wird abgesetzt, die Xinhai-Revolution verändert China für immer. Doch der Weg in die Moderne ist steinig. Die Jahre nach der Republikgründung waren von Wirren und internen Konflikten geprägt.  © Imago
Porträt von Sun Yatsen auf dem Tiananmen-Platz in Peking
Im Jahr 1912 gründet Sun Yat-sen (Bild) die Republik China. Es folgen Jahre des Konflikts. 1921 gründeten Aktivisten in Shanghai die Kommunistische Partei, die zum erbitterten Gegner der Nationalisten (Guomindang) Suns wird. Unter seinem Nachfolger Chiang Kai-shek kommt es zum Bürgerkrieg mit den Kommunisten. Erst der Einmarsch Japans in China ab 1937 setzt den Kämpfen ein vorübergehendes Ende. © Imago
Mao Zedong ruft die Volksrepublik China aus
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Kapitulation Japans flammt der Bürgerkrieg wieder auf. Aus diesem gehen 1949 die Kommunisten als Sieger hervor. Mao Zedong ruft am 1. Oktober in Peking die Volksrepublik China aus (Bild).  © Imago Images
Chiang Kai-shek
Verlierer des Bürgerkriegs sind die Nationalisten um General Chiang Kai-shek (Bild). Sie fliehen 1949 auf die Insel Taiwan. Diese war von 1895 bis 1945 japanische Kolonie und nach der Niederlage der Japaner an China zurückgegeben worden. Auf Taiwan lebt seitdem die 1912 gegründete Republik China weiter. Viele Jahre lang träumt Chiang davon, das kommunistisch regierte Festland zurückzuerobern – während er zu Hause in Taiwan mit eiserner Hand als Diktator regiert. © Imago
Richard Nixon und Zhou Enlai 1972
Nach 1949 gibt es zwei Chinas: die 1949 gegründete Volksrepublik China und die Republik China auf Taiwan, die 1912 gegründet wurde. Über Jahre gilt die taiwanische Regierung als legitime Vertreterin Chinas. Doch in den 70er-Jahren wenden sich immer mehr Staaten von Taiwan ab und erkennen die kommunistische Volksrepublik offiziell an. 1972 verliert Taiwan auch seinen Sitz in den Vereinten Nationen, und Peking übernimmt. Auch die USA brechen mit Taiwan und erkennen 1979 – sieben Jahre nach Richard Nixons legendärem Peking-Besuch (Bild) – die Regierung in Peking an. Gleichzeitig verpflichten sie sich, Taiwan mit Waffenlieferungen zu unterstützen. © Imago/UIG
Chiang Ching-Kuo in Taipeh
Im Jahr 1975 stirbt Taiwans Dikator Chiang Kai-shek. Neuer Präsident wird drei Jahre später dessen Sohn Chiang Ching-kuo (Bild). Dieser öffnet Taiwan zur Welt und beginnt mit demokratischen Reformen. © imago stock&people
Chip made in Taiwan
Ab den 80er-Jahren erlebt Taiwan ein Wirtschaftswunder: „Made in Taiwan“ wird weltweit zum Inbegriff für günstige Waren aus Fernost. Im Laufe der Jahre wandelt sich das Land vom Produzenten billiger Produkte wie Plastikspielzeug zur Hightech-Nation. Heute hat in Taiwan einer der wichtigsten Halbleiter-Hersteller der Welt - das Unternehmen TSMC ist Weltmarktführer. © Torsten Becker/Imago
Tsai Ing-wen
Taiwan gilt heute als eines der gesellschaftlich liberalsten und demokratischsten Länder der Welt. In Demokratie-Ranglisten landet die Insel mit ihren knapp 24 Millionen Einwohnern immer wieder auf den vordersten Plätzen. Als bislang einziges Land in Asien führte Taiwan 2019 sogar die Ehe für alle ein. Regiert wurde das Land von 2016 bis 2024 von Präsidentin Tsai Ing-wen (Bild) von der Demokratischen Fortschrittspartei. Ihr folgte im Mai 2024 ihr Parteifreund Lai Ching-te. © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping
Obwohl Taiwan nie Teil der Volksrepublik China war, will Staats- und Parteichef Xi Jinping (Bild) die Insel gewaltsam eingliedern. Seit Jahrzehnten droht die kommunistische Führung mit der Anwendung von Gewalt. Die meisten Staaten der Welt – auch Deutschland und die USA – sehen Taiwan zwar als einen Teil von China an – betonen aber, dass eine „Wiedervereinigung“ nur friedlich vonstattengehen dürfe. Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus. Die kommunistiche Diktatur Chinas ist für die meisten Taiwaner nicht attraktiv. © Dale de la Rey/AFP
Militärübung in Kaohsiung
Ob und wann China Ernst macht und in Taiwan einmarschiert, ist völlig offen. Es gibt Analysten, die mit einer Invasion bereits in den nächsten Jahren rechnen – etwa 2027, wenn sich die Gründung der Volksbefreiungsarmee zum 100. Mal jährt. Auch das Jahr 2049 – dann wird die Volksrepublik China 100 Jahre alt – wird genannt. Entscheidend dürfte sein, wie sicher sich China ist, einen Krieg auch zu gewinnen. Zahlenmäßig ist Pekings Armee der Volksrepublik den taiwanischen Streitkräften überlegen. Die Taiwaner sind dennoch gut vorbereitet. Jedes Jahr finden große Militärübungen statt; die Bevölkerung trainiert den Ernstfall, und die USA liefern Hightech-Waffen.  © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping auf einem chinesischen Kriegsschiff
Analysten halten es für ebenso möglich, dass China zunächst nicht zu einer Invasion Taiwans blasen wird, sondern mit gezielten Nadelstichen versuchen könnte, den Kampfgeist der Taiwaner zu schwächen. So könnte Xi Jinping (Bild) eine Seeblockade anordnen, um die Insel Taiwan vom Rest der Welt abzuschneiden. Auch ein massiver Cyberangriff wird für möglich gehalten.  © Li Gang/Xinhua/Imago
Protest in Taiwan
Auch wenn die Volksrepublik weiterhin auf eine friedliche „Wiedervereinigung“ mit Taiwan setzt: Danach sieht es derzeit nicht aus. Denn die meisten Taiwaner fühlen sich längst nicht mehr als Chinesen, sondern eben als Taiwaner. Für sie ist es eine Horrorvorstellung, Teil der kommunistischen Volksrepublik zu werden und ihre demokratischen Traditionen und Freiheiten opfern zu müssen. Vor allem das chinesische Vorgehen gegen die Demokratiebewegung in Hongkong hat ihnen gezeigt, was passiert, wenn die Kommunistische Partei den Menschen ihre Freiheiten nimmt. © Ritchie B. Tongo/EPA/dpa

In Taiwan können gleichgeschlechtliche Paare seit Kurzem Kinder adoptieren

Wie falsch das ist, kann man in Taiwan beobachten, dem demokratisch regierten Inselstaat, den China als Teil des eigenen Staatsgebiets betrachtet. Jedes Jahr am letzten Oktober-Wochenende findet in der Hauptstadt Taipeh die größte Pride-Parade Asiens statt, 120.000 Menschen zogen im vergangenen Jahr durch die Straßen der taiwanischen Hauptstadt. Taiwan ist das einzige Land in Asien, das die Ehe für alle eingeführt hat, vor vier Jahren war das. Seit diesem Mai können gleichgeschlechtliche Paare zudem Kinder adoptieren. Taiwan ist Asiens Vorzeigedemokratie, belegt in internationalen Rankings stets einen der vordersten Plätze, noch vor Deutschland und anderen europäischen Staaten. Und Taiwans Einsatz für die Rechte von LGBTQ strahlt in andere Länder Ostasiens aus.

Singapur etwa schaffte im vergangenen Jahr ein Gesetz aus der britischen Kolonialzeit ab, das Sex zwischen Männern unter Strafe stellte. „Schwule Männer werden endlich nicht mehr wie Kriminelle behandelt“, sagte damals der Aktivist Joshua Simon der Frankfurter Rundschau. Allerdings bleibt die Ehe in dem Stadtstaat weiterhin heterosexuellen Paaren vorbehalten – das hatte Singapurs Premier Lee Hsien Loong deutlich gemacht, als er 2022 den jahrzehntealten „Schwulenparagrafen“ streichen ließ. Entsprechend war die Ehe für alle dieses Jahr das große Thema beim Pink Dot, Singapurs Version des CSD. Die Abschaffung des diskriminierenden Gesetzes im vergangenen Herbst „war wichtig für uns“, sagte Clement Tan, ein Sprecher von Pink Dot, am vergangenen Wochenende. „Aber es ist keineswegs das Ende der Arbeit, die getan werden muss. Es liegt noch ein viel längerer Weg vor uns.“

Japan und Südkorea debattieren über Ehe für alle

Auch Südkorea debattiert derzeit über die Ehe für alle. Im Mai reichte die Oppositionsabgeordnete Jang Hye-yeong einen Gesetzentwurf ein, der die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare öffnen will. Große Chancen werden dem Vorstoß zwar nicht eingeräumt. Anfang des Jahres aber erkannte erstmals ein Gericht in dem konservativen Land eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft an: Es entschied, dass den Klägern dieselben Leistungen der staatlichen Krankenversicherung zustehen wie heterosexuellen Paaren. Und im Nachbarland Japan urteilte unlängst ein Bezirksgericht, dass es verfassungswidrig sei, gleichgeschlechtlichen Paaren das Recht zur Eheschließung zu verweigern. Zuvor hatten andere Bezirksgerichte in dem Land allerdings gegenteilige Entscheidungen getroffen; ein Antidiskriminierungsgesetz scheiterte 2021 im japanischen Parlament.

In Thailand wiederum versprach Pita Limjaroenrat Anfang Juni auf der Pride Parade in Bangkok, die Ehe zu öffnen, sobald er Premierminister des Landes ist. Auch soll es für trans Menschen leichter werden, ihren Geschlechtseintrag zu ändern. Pitas Partei hatte bei den Parlamentswahlen Mitte Mai die Mehrzeit der Sitze gewonnen und versucht derzeit, eine Regierung zu bilden.

China: Internetportale bringen heiratswillige Schwule und Lesben zusammen

Wang Tao, der chinesische Student aus München, macht sich derweil keine Hoffnung, dass auch in seiner Heimat schon bald jeder dem Partner, den er oder sie liebt, das Jawort geben kann. Er überlegt sogar, eines Tages eine Frau zu heiraten und mit ihr Kinder zu bekommen – um so den Wünschen seiner Eltern zu entsprechen. Am besten wäre es, sich mit einer lesbischen Frau zusammenzutun, sagt er – und gemeinsam eine Zweckehe zu führen. Xinghun nennt man in China diese besondere Art der Fake-Ehe zwischen einem schwulen Mann und einer lesbischen Frau.

Webseiten wie chinagayles.com haben sich auf die Vermittlung von Xinghun-Ehen für heiratswillige Homosexueller konzentriert. „Oberflächlich betrachtet handelt es sich um eine gewöhnliche Familie, die aus einem Mann und einer Frau besteht“, heißt es auf der Seite. „Aber in Wirklichkeit bleiben beide ‚Ehepartner‘ körperlich und persönlich unabhängig und nutzen die Ehe als eine Form des Schutzes vor äußerem Druck.“ Zehntausende Paare habe man seit der Gründung der Seite im Jahr 2005 schon zusammengeführt, behaupten die Betreiber. Das sei besser, als wenn sich Schwule oder Lesben in Scheinehen mit Heterosexuellen flüchten würden: „Das wäre für beide die schmerzhafteste Wahl.“

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