VonSven Haubergschließen
In Taiwan können gleichgeschlechtliche Paare Kinder adoptieren – im restlichen Asien nicht einmal heiraten. In China flüchten sich viele deswegen in Fake-Ehen.
München – Mehr als eine halbe Million Menschen – schwul, lesbisch, bi, trans, hetero –, und mittendrin Wang Tao: Der junge Chinese erlebt an einem Wochenende Ende Juni seinen ersten Christopher Street Day, diese wilde Mischung aus Party und Protest für die Rechte der LGBTQ-Gemeinschaft. Nicht in Peking allerdings, seiner Heimatstadt. Sondern in München. Wang, der eigentlich anders heißt, lebt seit einem halben Jahr in der bayerischen Landeshauptstadt, macht hier ein Praktikum bei einem Dax-Konzern. Das Unternehmen ist mit einem eigenen Wagen auf dem Münchner CSD vertreten, Wang läuft mit, verteilt Fächer in Regenbogenfarben an die Schaulustigen. Angesichts von hochsommerlichen Temperaturen ein willkommenes Geschenk.
Wang stammt aus einem kleinen Bergdorf in der südchinesischen Provinz Hunan, wächst aber in Peking auf. Hier geht er zur Schule, später zur Universität, hat eine Freundin, überlegt, sie eines Tages zu heiraten. Ein Leben, wie es sich die allermeisten chinesischen Eltern für ihre Kinder wünschen. Nur Wang Tao selbst fühlt sich irgendwann nicht mehr wohl. „Das war nicht ich“, sagt er. Heute, in München, lebt er mit einem Mann zusammen. Die beiden hatten sich über eine Dating-App kennengelernt, im Herbst wollen sie gemeinsam nach China reisen. „Meine Eltern in Peking werde ich aber alleine besuchen“, sagt Wang Tao. Dass sie seinen Freund kennenlernen, kann er sich nicht vorstellen.
China: Unter Xi Jinping ist die Lage für Schwule und Lesben schwierig
China ist neben Indien das bevölkerungsreichste Land der Welt. Rund 1,4 Milliarden Menschen leben in der Volksrepublik, darunter wohl auch mindestens 100 Millionen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transpersonen. 1997 wurde Homosexualität in China entkriminalisiert. In großen Städten wie Shanghai, Peking oder Chengdu gibt es eine kleine queere Szene, treffen sich Schwule und Lesben zum Feiern oder Daten in Bars und Discos. Diese Treffpunkte mögen nicht so sichtbar sein wie im Westen, aber es gibt sie.
Von wirklicher Gleichberechtigung ist das Land aber noch weit entfernt. Traditionelle Familienwerte sind noch immer wichtig, und ein bisschen kann auch Wang Tao das verstehen. „Ich bin ein Einzelkind. Natürlich wünschen sich meine Eltern, dass sie eines Tages von mir Enkel bekommen“, sagt der 28-Jährige. Keinen eigenen Nachwuchs in die Welt setzen – etwas Schlimmeres könne man seinen Eltern nicht antun, glauben viele Chinesen.
Hinzu kommt, dass die Lage für queere Menschen schwieriger geworden ist, seit Staats- und Parteichef Xi Jinping vor gut zehn Jahren an die Macht kam. Regelmäßig werden schwule oder lesbische Charaktere aus Fernsehsendungen oder Kinofilmen geschnitten; Männer, die nicht maskulin genug erscheinen, dürfen ebenfalls nicht mehr gezeigt werden. Im vergangenen Jahr wurde zudem die weltweit beliebte Dating-App Grindr, die sich an schwule und bisexuelle Männer richtet, aus dem chinesischen App-Store geschmissen – offiziell wegen Datenschutzbedenken. Auch große Pride-Paraden gibt es nicht mehr, Selbsthilfegruppen mussten ihre Arbeit einstellen. Für Chinas Regierung ist Homosexualität ein Konzept aus dem Westen, das angeblich nicht passt zur traditionellen chinesischen Kultur.
China und Taiwan: Darum geht es in dem Konflikt




In Taiwan können gleichgeschlechtliche Paare seit Kurzem Kinder adoptieren
Wie falsch das ist, kann man in Taiwan beobachten, dem demokratisch regierten Inselstaat, den China als Teil des eigenen Staatsgebiets betrachtet. Jedes Jahr am letzten Oktober-Wochenende findet in der Hauptstadt Taipeh die größte Pride-Parade Asiens statt, 120.000 Menschen zogen im vergangenen Jahr durch die Straßen der taiwanischen Hauptstadt. Taiwan ist das einzige Land in Asien, das die Ehe für alle eingeführt hat, vor vier Jahren war das. Seit diesem Mai können gleichgeschlechtliche Paare zudem Kinder adoptieren. Taiwan ist Asiens Vorzeigedemokratie, belegt in internationalen Rankings stets einen der vordersten Plätze, noch vor Deutschland und anderen europäischen Staaten. Und Taiwans Einsatz für die Rechte von LGBTQ strahlt in andere Länder Ostasiens aus.
Singapur etwa schaffte im vergangenen Jahr ein Gesetz aus der britischen Kolonialzeit ab, das Sex zwischen Männern unter Strafe stellte. „Schwule Männer werden endlich nicht mehr wie Kriminelle behandelt“, sagte damals der Aktivist Joshua Simon der Frankfurter Rundschau. Allerdings bleibt die Ehe in dem Stadtstaat weiterhin heterosexuellen Paaren vorbehalten – das hatte Singapurs Premier Lee Hsien Loong deutlich gemacht, als er 2022 den jahrzehntealten „Schwulenparagrafen“ streichen ließ. Entsprechend war die Ehe für alle dieses Jahr das große Thema beim Pink Dot, Singapurs Version des CSD. Die Abschaffung des diskriminierenden Gesetzes im vergangenen Herbst „war wichtig für uns“, sagte Clement Tan, ein Sprecher von Pink Dot, am vergangenen Wochenende. „Aber es ist keineswegs das Ende der Arbeit, die getan werden muss. Es liegt noch ein viel längerer Weg vor uns.“
Japan und Südkorea debattieren über Ehe für alle
Auch Südkorea debattiert derzeit über die Ehe für alle. Im Mai reichte die Oppositionsabgeordnete Jang Hye-yeong einen Gesetzentwurf ein, der die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare öffnen will. Große Chancen werden dem Vorstoß zwar nicht eingeräumt. Anfang des Jahres aber erkannte erstmals ein Gericht in dem konservativen Land eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft an: Es entschied, dass den Klägern dieselben Leistungen der staatlichen Krankenversicherung zustehen wie heterosexuellen Paaren. Und im Nachbarland Japan urteilte unlängst ein Bezirksgericht, dass es verfassungswidrig sei, gleichgeschlechtlichen Paaren das Recht zur Eheschließung zu verweigern. Zuvor hatten andere Bezirksgerichte in dem Land allerdings gegenteilige Entscheidungen getroffen; ein Antidiskriminierungsgesetz scheiterte 2021 im japanischen Parlament.
In Thailand wiederum versprach Pita Limjaroenrat Anfang Juni auf der Pride Parade in Bangkok, die Ehe zu öffnen, sobald er Premierminister des Landes ist. Auch soll es für trans Menschen leichter werden, ihren Geschlechtseintrag zu ändern. Pitas Partei hatte bei den Parlamentswahlen Mitte Mai die Mehrzeit der Sitze gewonnen und versucht derzeit, eine Regierung zu bilden.
China: Internetportale bringen heiratswillige Schwule und Lesben zusammen
Wang Tao, der chinesische Student aus München, macht sich derweil keine Hoffnung, dass auch in seiner Heimat schon bald jeder dem Partner, den er oder sie liebt, das Jawort geben kann. Er überlegt sogar, eines Tages eine Frau zu heiraten und mit ihr Kinder zu bekommen – um so den Wünschen seiner Eltern zu entsprechen. Am besten wäre es, sich mit einer lesbischen Frau zusammenzutun, sagt er – und gemeinsam eine Zweckehe zu führen. Xinghun nennt man in China diese besondere Art der Fake-Ehe zwischen einem schwulen Mann und einer lesbischen Frau.
Webseiten wie chinagayles.com haben sich auf die Vermittlung von Xinghun-Ehen für heiratswillige Homosexueller konzentriert. „Oberflächlich betrachtet handelt es sich um eine gewöhnliche Familie, die aus einem Mann und einer Frau besteht“, heißt es auf der Seite. „Aber in Wirklichkeit bleiben beide ‚Ehepartner‘ körperlich und persönlich unabhängig und nutzen die Ehe als eine Form des Schutzes vor äußerem Druck.“ Zehntausende Paare habe man seit der Gründung der Seite im Jahr 2005 schon zusammengeführt, behaupten die Betreiber. Das sei besser, als wenn sich Schwule oder Lesben in Scheinehen mit Heterosexuellen flüchten würden: „Das wäre für beide die schmerzhafteste Wahl.“
