VonFabian Hartmannschließen
Die Ukraine erhofft sich viel von den F-16-Kampfjets zur Verteidigung gegen Russland. Doch obwohl die Jets bald geliefert werden sollen, gibt es Hürden zu bewältigen.
Kiew/Moskau – Zur Verteidigung im russischen Angriffskrieg hofft die Ukraine, bald auf F-16-Kampfjets zurückgreifen zu können. Nach aktuellem Stand ist es vorstellbar, dass die Ukraine die Jets noch im Sommer zum Einsatz bringen könnte. Geliefert werden sollen sie unter anderem aus Dänemark, Norwegen, den Niederlanden und Belgien. Gäbe es da nicht ein gravierendes Problem auf ukrainischer Seite, das die F-16-Thematik im Ukraine-Krieg überschattet.
Die Ukraine hofft auf F-16-Kampfjets – aber ist sie auf deren Einsatz vorbereitet?
Wie die ukrainische Zeitung Kyiv Post und das Politik-Onlinemagazin Politico berichten, kommt es bei der Ausbildung des ukrainischen Kampfjet-Personals aktuell nämlich zu Problemen und Verzögerungen. Grund ist, dass dem ukrainischen Militär scheinbar nicht genügend personelle Kapazitäten zur Verfügung stehen. Bislang seien viel zu wenige Soldaten zu Kampfjet-Piloten ausgebildet worden. Bis Jahresende hofft man auf 20 – die westlichen Verbündeten der Ukraine haben sich jedoch darauf geeinigt, ihrem Militär insgesamt 60 der Kampfjets vom Typ F-16 zukommen zu lassen.
Wie Kyiv Post und Politico weiter mitteilen, sind die USA darüber hinaus auch nicht in der Lage, mehr ukrainische Piloten auszubilden. Es gebe insgesamt 30 Kandidaten, doch das Ausbildungszentrum im amerikanischen Tucson im US-Bundesstaat Arizona habe die Kapazitätsgrenze bereits erreicht, heißt es. Angesichts der voraussichtlich noch im Sommer eintreffenden Lieferung scheint das Unterfangen, die eigenen Kapazitäten bis dahin noch ausreichend aufzustocken, für die Ukraine eine große Hürde.
Zwar haben einige Piloten bereits Trainings in Frankreich, Dänemark und den USA hinter sich, die ersten Jets sollen aber schon bald ausgeliefert werden. Wie Euronews berichtete, wurden auf Flugfeldern in Südfrankreich zuletzt ukrainische Soldaten im Alter von 21 und 23 Jahren zu Kampfjet-Piloten ausgebildet.
Ist fehlendes Kampfjet-Personal ein Grund für neue Frankreich-Initiative der Ukraine?
Major Erin Hannigan, die Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit der Nationalgarde von Arizona, räumte gegenüber Politico jedoch ein, dass das 162. Geschwader jährlich 30 ausländische Piloten ausbildet. Auf die Frage, ob diese Zahl erhöht werden könne, sagte sie, dass dies nicht möglich sei.
Nun stelle sich die Frage, ob die USA bei der Zusage von Ausbildungskapazitäten wussten, wie viele Piloten sie tatsächlich trainieren können. Hinzu kommt, dass offenbar auch Dänemark und Rumänien keine weiteren Piloten in ihr Programm aufnehmen können. Die Ausbildungsstätte in Dänemark soll ohnehin im kommenden Jahr geschlossen werden, da die dänische Luftwaffe auf F-35-Kampfjets umrüstet, berichtet Politico.
Seitens der Kyiv Post vermutet Autor Jeffrey Fischer, dass die ukrainische Unterbesetzung beim Thema Kampfjet-Piloten ein Grund für einen Deal mit Frankreich gewesen sei. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte der Ukraine Anfang Juni Mirage-2000-Jets und eine Ausbildung der Piloten und des Wartungspersonals in sechs Monaten in Aussicht gestellt.
US-Politiker drängen Pentagon, Ausbildungskapazitäten für Ukraine zu erhöhen
Nach Informationen von Politico drängen amerikanische Politiker das US-Verteidigungsministerium, die Ausbildungskapazitäten zu erhöhen. Einige Abgeordnete hätten einen Bittbrief geschrieben – offenbar bislang ohne Erfolg. Die US-Regierung habe laut Bericht darauf verwiesen, dass sie auch gegenüber anderen Ländern Ausbildungsverpflichtungen habe.
Vor wenigen Tagen hatte die Regierung unter Präsident Joe Biden angekündigt, bei einigen Waffenlieferungen der Ukraine eine Priorität einzuräumen und andere Partner warten zu lassen. Somit ist nicht ausgeschlossen, dass dies auch beim Pilotentraining für die Ukraine möglich ist.
F-16-Kampfjets gelten als sehr effizient – frei von Schwachstellen sind sie aber nicht
Doch das Personal ist nicht die einzige Hürde in Sachen F-16-Kampfjets für die Ukraine. Ein Nachteil der multifunktionalen Wunderwaffe liegt am vergleichsweise hohen Anspruch der Kampfjets an die Bodenbeschaffenheit von Start- und Landebahnen von Flughäfen. Wladimir Putin wird das wissen und diese Anfälligkeit der F-16 zu seinem Vorteil ausnutzen wollen.
„Einige westliche Kampfflugzeuge, wie die weit verbreiteten F-16, kommen am besten auf langen, makellosen Landebahnen zurecht. Auf den holprigeren ehemaligen sowjetischen Pisten, die über die ganze Ukraine verstreut sind, könnten sie jedoch Schwierigkeiten haben“, schreiben John Hoehn und William Courtney. Die Analysten des kalifornischen Thinktanks RAND sehen darin die aktuelle Herausforderung der Ukraine.
Putin startet bereits Angriffe auf Infrastruktur, die für F-16-Kampfjets wichtig sein könnte
Zuletzt wurde bekannt, dass der Kreml bereits Angriffe auf Infrastruktur plant und ausübt, die als wichtig für den Einsatz von F-16-Kampfjets gilt. So berichtet das Magazin Defense Express, dass Russland aktuell zehn Marschflugkörper vom Typ KH-101 beziehungsweise KH-555 abgefeuert habe; sieben seien von der Ukraine abgewehrt worden, während eine von ihnen die ukrainische Infrastruktur hart treffen könnte, vermutet der Defense Express.
Eine der abgeschossenen Raketen soll nämlich über einen Streusprengkopf verfügen. Laut dem Online-Magazin trägt sie ein Herstellungsdatum aus dem zweiten Quartal dieses Jahres und ist demnach ein deutliches Zeichen dafür, dass Russland innovative Waffen gegen die F-16-Kampfjets an die Front führt. „Diese Rakete wurde von den Russen zum Angriff auf Flugplätze eingesetzt“, schreibt Defense Express. (fh)
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