Politkommissare waren ein wichtiger Teil der sowjetischen Armee. In Russland übernimmt die kriegspolitische Erziehung der Soldaten ein neues Magazin.
Moskau – „Die Mutter Heimat ruft“: Was nach sowjetischer Kriegspropaganda klingt, ist wieder Realität: Russland gibt eine neue Zeitschrift zur politischen Erziehung der Soldaten heraus – die Politruk. Jetzt bekommt die ernst dreinblickende, rot gekleidete Frau mit den Bajonetten im Hintergrund einen neuen Auftritt – auf Seite drei des Magazins. Ebenfalls dort abgebildet: Die Zeitschrift „Agitator und Propagandist der Roten Armee“.
Politische Erziehung für russische Soldaten
Politruk - das ist ein Kofferwort bestehend aus den Teilen „Polititscheski“ und „Rukowoditel“, also „Politisch“ und „Leiter“. In der Sowjetunion waren diese politischen Leiter, sogenannte Politkommissare oder Politoffiziere, für die ideologische Erziehung der Streitkräfte der Roten Armee verantwortlich. Sie sorgten dafür, dass die Soldatinnen und Soldaten sowie die Offiziere stets auf der sozialistischen Parteilinie blieben.
Damit steht Politruk voll in der Tradition sowjetischer Propagandahandbücher. Dies verdeutlicht bereits sein Geleitwort. Die sieben mit alten Agitprop-Plakaten gespickten Seiten stellen eine direkte Verbindung her zum „Großen Vaterländischen Krieg“. Auch das Selbstverständnis gleicht dem aus dem Zweiten Weltkrieg: Politruk soll „in erster Linie die Arbeit der agitations-propagandistischen Brigade hervorheben“. Denn: Kriegspolitische Magazine hätten „mit völliger Sicherheit“ den Kommandeuren und Politkommissaren dabei geholfen, die „moralisch-politische Lage der Streitkräfte“ zu stärken. Verfasst hat die Einleitung Russlands Vize-Verteidigungsminister Viktor Goremykin.
Agitprop in der Sowjetunion
Agitationspropaganda - kurz: Agitprop - ist ein zentraler Begriff kommunistischer Werbung. Über kontrastreiche Plakate in einfachen Farben vermittelte die Sowjetunion auf diese Weise ihre politischen Werte. Kultige Bekanntheit erlangten die sogenannten „ROSTA-Fenster“. Die Kooperation zwischen Künstlern, Journalisten und der russischen Telegrafenagentur ROSTA verhalf der bolschewistischen Partei in den zwanziger Jahren zu großer Beliebtheit. Wichtiger Ideengeber für die übergroßen Plakate war der berühmte Dichter Wladimir Majakowski.
Während des Zweiten Weltkriegs diente Agitprop größtenteils dazu, die Bürgerinnen und Bürger für den Kampf gegen den Faschismus zu aktivieren. Des Weiteren bewarben sie erwünschte Verhaltensnormen wie Alkoholabstinenz, sportliche Ertüchtigung oder Atheismus.
Neues Kreml-Magazin ahmt sowjetische Vorlagen nach
Das Magazin ähnelt auch gestalterisch seinen Vorgängern. Schwarz, dunkelrot, gelb, in der gleichen Schriftart, die Google als Erstes ausspuckt, wenn man nach „Sowjetschriftart“ sucht. Überschriften und Zwischenseiten in so großen Lettern, dass man sie für den Sehtest beim Augenarzt verwenden könnte. Auch der rote Stern wird an mehreren Stellen wiederbelebt, unter anderem als Logo der „Stiftung zur Unterstützung und Entwicklung der Militärkultur und Erholung“, die im November 2023 ins Leben gerufen wurde und welche die Zeitschrift sponsert. Begründet wird diese nostalgische Anlehnung damit, dass die Sowjetunion damals gegen Nazideutschland gewonnen hätte – und der heutige Feind sei „genau derselbe“.
Um den zu besiegen, brauche es Moral. Politruk erklärt auf fast 100 Seiten und in vielen bunten Bildern das Handwerk eines Politoffiziers. Es gibt motivierende Worte des orthodoxen Bischofs Pitirim, eine Übersicht über anstehende militärische Events und eine Reportage über den Agit-Zug des Verteidigungsministeriums „Kraft liegt in der Wahrheit“. Dieser hat zweieinhalb Monate lang und über 34 Tausend Kilometer hinweg eine militärische Propagandaausstellung durch Russland transportiert, um Besucherinnen und Besucher für die Armee zu begeistern.
Stalin – dessen brutalem Regime in der frühen Sowjetunion Millionen von Menschen zum Opfer fielen – wird in der Zeitschrift fünfmal positiv erwähnt und einmal sogar direkt zitiert. Dass der Diktator als Inspiration dient, gibt Politruks Chefredakteur im Gespräch mit dem staatlichen Medium gazeta.ru zu: „Ich würde wollen, dass sich unser Magazin im Ergebnis nicht vom ‚stalinschen‘ unterscheidet“.
Die Botschaft von Putins Kriegszeitschrift ist eindeutig: „Töte!“
Ein beliebter Zitatgeber ist deshalb auch der Journalist und Zweiter Weltkrieg-Propagandist Ilja Ehrenburg, auf den Goremykin in seiner Einleitung mehrmals Bezug nimmt. Ehrenburg war bekannt für seine emotionalen Kriegspamphlete, in denen er predigte, den Feind zu hassen. Berühmt wurde die Losung „Töte!“, mit der er manche seiner Schriften beendete.
Bilder des Ukraine-Kriegs: Großes Grauen und kleine Momente des Glücks
Mit dem Magazin versucht das Regime des russischen Präsidenten Wladimir Putin erneut, mittels kreativer Geschichtspolitik Einfluss auf Militär und Bevölkerung zu nehmen. Das spiegelt sich schon in der Schule wider: Mit Beginn des vollumfänglichen Ukraine-Kriegs führte der Kreml die zweiwöchigen „Gespräche über Wichtiges“ ein, in denen Schülerinnen und Schüler patriotische Erziehung nahegebracht wird. Zudem ließ er neue Geschichtsbücher veröffentlichen, die den Krieg rechtfertigen.
Politruk richtet sich offiziell an Mitglieder der Armee. Die erste Auflage besteht aus 999 Exemplaren, die bereits an die Front geschickt worden sein sollen. (ah)