- VonMax Schäferschließen
Forscher:innen untersuchen die Kosten psychischer Krankheiten bei Kindern und Jugendlichen. Sie fordern dringend drei Verbesserungen im Gesundheitssystem.
Das Bewusstsein für psychische Krankheiten und das Thema Mental Health nimmt zu. Es besteht jedoch Handlungsbedarf: Therapieplätze sind knapp, es kann Monate dauern, eine:n Therapeut:in zu finden. Die Corona-Pandemie hat die Lage noch verschärft. Für Kinder und Jugendliche waren Lockdowns, Homeschooling, wenig soziale Kontakte und – je nach Wohnsituation – räumliche Enge eine Belastung.
Viele Heranwachsende leiden deshalb unter psychischen Krankheiten. Besonders betroffen waren dabei Kinder und Jugendliche, die schon vor der Pandemie belastet waren. Ungleichheiten seien dadurch noch verschärft worden. Weil psychische Krankheiten – auch bei Kindern und Jugendlichen – zunehmen, ist es noch schwerer, ärztliche Hilfe zu bekommen.
Eine Expertise der Universitäten Ulm und Hamburg zeigt nun, wie hoch die Folgekosten von psychischen Krankheiten durch die Pandemie sind. Die Forscher:innen liefern mit ihrer am Donnerstag, 6. Juli, vorgestellten Gutachten Zahlen, die selbst die strengsten Sparfüchse in der Politik überzeugen könnten, mehr in Mental Health zu investieren.
Können diese Zahlen zu den Kosten der psychischen Gesundheit Sparfüchse zu mehr Ausgaben überzeugen?
Die Forscher:innen haben sich verschiedene Studien zu psychosozialen Belastungen, Kindeswohlgefährdung und Kostenfolgen im Kontext der Corona-Pandemie angeschaut. Sie konnten dadurch Kosten ermitteln, die durch die Krankheitsbilder Depression, Angststörung und Essstörung bei Kindern und Jugendlichen entstehen. Dabei nennen sie zusätzliche Gesundheitskosten und Kosten durch spätere Arbeitsunfähigkeit und Arbeitslosigkeit:
- 32,3 Millionen Euro Gesundheitskosten für Kinder und Jugendliche
- 161,7 Millionen Euro, sollte der Anteil derjenigen gleich bleiben, die als Erwachsene weiterhin unter der psychischen Krankheit leiden.
- 2,1 bis 4,1 Milliarden Euro pro Jahr durch Arbeitsunfähigkeit als Erwachsene
- 553,1 Millionen bis 1,2 Milliarden Euro Kosten durch Arbeitslosigkeit aufgrund von Depressionen, Angststörungen oder Essstörungen
Die Wissenschaftler:innen weißen jedoch darauf hin, dass die Daten noch gar nicht oder nicht ausreichend vorliegen. „Wir haben das vorhandene Datenmaterial nach wissenschaftlichen Standards bestmöglich genutzt, um Schätzwerte zu den Gesamtkosten zu prognostizieren und einen Entwicklungskorridor zu beschreiben“, sagt Eva-Maria Wild, Professorin am Hamburg Center for Health Economics. Unsicherheiten gebe es laut der Pressemitteilung bei Prognosen immer. Man könne jedoch nicht auf präzise Zahlen warten, wird Andreas Jud von der Kinder- und Jugendpsychiatrie Ulm zitiert.
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Was Forscher:innen zur Verbesserung der psychischen Gesundheit fordern
Die Forscher:innen fordern deshalb mehr Investitionen in die mentale Gesundheit:
- Ausbau von Angeboten zur rechtzeitigen therapeutischen Hilfe
- Mehr Vorsorgeuntersuchungen bei Jugendlichen zur Früherkennung
- Stärkung und bessere Vernetzung der Infrastruktur in den Bereichen, um psychosoziale Probleme zu erkennen
Um arme Familien zu unterstützen, spricht sich Jörg Fegert, Ärztlicher Direktor an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Ulm, für die Kindergrundsicherung aus. „Sie kann benachteiligte Familien unterstützen, dass sie überhaupt erst die Ressourcen besitzen, für ihre Kinder bei psychischen Störungen Hilfe in Anspruch zu nehmen.“
Die Botschaft scheint auch zumindest bei Teilen der Politik angekommen zu sein. „Die Expertise zeigt: Jeder Euro, den wir jetzt in die mentale Gesundheit von jungen Menschen investieren, ist gut investiert“, sagt Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne). Allerdings war es auch ihr Ministerium, das die Expertise beauftragt hat.
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