Islamismus in Deutschland

„Eine Armee an digitalen Terroristen“ – Psychologe Ahmad Mansour über Islamismus auf TikTok und Co.

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Nach der Islamisten-Demo in Hamburg: Der Psychologe und Autor Ahmad Mansour spricht über die Rolle sozialer Medien und wie die Bundesregierung handeln kann.

Berlin – Sie wollen eine islamische Herrschaft und ein Leben nach den Regeln der Scharia: In Hamburg haben kürzlich rund 1000 Demonstranten die Errichtung eines Kalifats in Deutschland gefordert. Auch in München hört man auf pro-palästinensischen Demos islamistische Parolen. Rekrutiert werden die Menschen in den Sozialen Medien, sagt der Psychologe und Extremismusforscher Ahmad Mansour. Er spricht sogar von der „größten Kampagne der Menschheitsgeschichte“.

Herr Mansour, wenn man bei TikTok Stichwörter wie „Palästina“ oder „Islam“ eingibt, erfordert das starke Nerven: Leichen im Gazastreifen, verletzte, weinende Kinder, verwüstete Städte – und schuld sind wir Menschen im Westen, die das alles geschehen lassen. Fängt so Radikalisierung an?

Absolut. Sie müssen dafür nicht mal gezielt nach Stichwörtern suchen. Ein paar Stunden auf TikTok reichen, und solche Inhalte tauchen automatisch mal auf. Wer dann nur ein paar Sekunden länger an so einem Video hängen bleibt, bekommt massenhaft vergleichbare Clips angespült. Und das ist nicht nur auf TikTok so, sondern passiert auch auf anderen Plattformen wie Facebook, Instagram und YouTube. Das ist eine sehr gut geplante Kampagne: In Gaza gibt es Leute, die nichts anderes tun, als solche Videos zu produzieren. Vieles davon ist echt, vieles wird aber auch inszeniert.

Ahmad Mansour ist Gast der „Zeitgespräche“.

Wer steckt hinter dieser Kampagne? Die Hamas?

Man darf sich jetzt nicht vorstellen, dass es irgendwo ein Hamas-Büro gibt, wo das alles koordiniert wird. Die Hamas schafft die Bilder, und damit auch eine sehr emotionale Darstellung von dem Geschehen in Gaza. Und dann gibt es unterschiedliche Akteure, die diese Bilder für eigene Zwecke nutzen. Radikale Gruppen wie „Muslim Interaktiv“ verbreiten die Inhalte der Hamas, ohne direkt mit ihr in Kontakt zu stehen – und fordern damit ein Kalifat in Deutschland. Dann gibt es auch noch die Linksradikalen, die sehen wir an der Columbia Universität …

… mit denen sich am Freitag auch Studenten an der LMU München solidarisiert haben …

… ich nenne sie die nützlichen Idioten des politischen Islam. Sie hinterfragen die Existenz Israels, weil sie die Juden als Kolonialmacht sehen, als Ursünde des Westens und des Kapitalismus. Es gibt also enorm viele Kräfte, die mit verschiedensten Prozessen daran arbeiten, solche Desinformationen zu verbreiten. Die Hamas hat eine ganze Armee an digitalen Terroristen – und wir im Westen konsumieren ihre Narrative.

Fakt ist aber, dass im Gazastreifen viele unschuldige Menschen sterben. Ist es denn nicht möglich, zu solidarisieren, ohne gleich zu radikalisieren?

Es geht mir nicht darum zu sagen, dass in Gaza alles in Ordnung ist und die schrecklichen Bilder nur Hamas-Propaganda sind. Dort findet ein Krieg statt, unter dem unbeteiligte Menschen leiden. Und es ist absolut in Ordnung, gegen diesen Krieg zu sein, eine Zwei-Staaten-Lösung zu fordern und auch Israel zu kritisieren. Das sollten wir auch in den Sozialen Medien diskutieren und zulassen. Aber wir finden keine differenzierten, sondern hochemotionale Inhalte, die völlig außer Acht lassen, dass es den 7. Oktober gab, dass Frauen vergewaltigt wurden, dass immer noch über 100 Menschen in Geiselhaft der Hamas sitzen. Stattdessen geht es um den bösen Juden, der arme Kinder tötet. Da entsteht Wut, und diese Wut führt zu einer Radikalisierung.

Es muss jedem klar werden, dass Radikale inzwischen die größte Kampagne der Menschheitsgeschichte gestartet haben.

Ahmad Mansour

Erst am Freitag wurden schon wieder 15- und 16-Jährige festgenommen, weil sie einen islamistischen Anschlag geplant hatten. Ist das jetzt die Zielgruppe von Terrororganisationen – Kinder?

Islamisten werden nun mal nicht mehr in Hinterhofmoscheen radikalisiert, sondern in den Sozialen Medien. Und da gibt es Gruppen, die sehr erfolgreich darin sind, Jugendliche anzusprechen. Das ist auch nicht erst seit dem 7. Oktober so. In Deutschland gibt es schon seit Längerem mehrere radikale Gruppen und Personen, die inzwischen die gesamte Islam-Debatte in Deutschland beherrschen. Das sind „Muslim Interaktiv“, „Realität Islam“ und „Generation Islam“. Wenn man sich deren Videos anschaut, merkt man schnell, dass sie eigentlich harmlose Themen ansprechen – aber dabei immer die subtile Botschaft mitschwingt: Deutschland hasst Muslime.

Warum sind diese Gruppen so erfolgreich?

Weil sie nach der Zerschlagung des IS ein Vakuum identifiziert haben und zum richtigen Zeitpunkt viele Anhänger für sich gefunden haben. Und sie sind nicht erst seit dem 7. Oktober dazu in der Lage, Menschen aus der digitalen Welt in die Realität, auf die deutschen Straßen, zu holen – das haben wir schon bei der letzten Eskalation im Nahen Osten 2021 gesehen. Trotzdem spricht man erst jetzt über ein Betätigungsverbot dieser Gruppen. Das ist ein klares Versäumnis der Politik.

Planen Jugendliche Anschläge auf eigene Faust, oder werden sie in ihren Netzwerken dazu aufgerufen?

Radikale Netzwerke sind aktiver geworden, aber der deutsche Sicherheitsapparat ist inzwischen sehr gut dazu in der Lage, Anschlagspläne zu entdecken und zu verhindern. Dagegen gibt es in Frankreich und in England deutlich mehr Anschläge. Aber es gibt auch Einzelpersonen, die sich im Netz inspirieren lassen und aus eigener Wut heraus handeln wollen – und da könnte es durchaus schwieriger sein, solche Pläne aufzudecken.

Mehr als 1000 Teilnehmer hatten am vergangenen Wochenende an einer von Islamisten organisierten Demonstration in Hamburg teilgenommen.

Radikalisierung im Internet gibt es seit Jahren. Früher musste man sich dafür aber eher auf dubiosen Plattformen verirren, wo etwa Hinrichtungsvideos geteilt werden – und nicht einfach seine TikTok-Startseite öffnen. Muss man nicht gegen die Betreiber vorgehen?

Da können wir lange warten. Ich finde es richtig, darüber zu diskutieren – auch ein TikTok-Verbot ist ja mittlerweile im Gespräch. Aber wenn es um den Schutz von Jugendlichen geht, müssen wir schneller handeln. Da brauchen wir in erster Linie Medienkompetenz. Wir leben in einer Zeit, in der Emotionen und Bilder viel wichtiger geworden sind als Fakten. Wir müssen Jugendliche dazu befähigen, Informationen zu filtern, zu analysieren, zu verstehen, wobei es sich um Desinformationen handelt und wie man nach Quellen sucht. Es muss jedem klar werden, dass Radikale inzwischen die größte Kampagne der Menschheitsgeschichte gestartet haben. Und die Politik ist überhaupt nicht in der Lage dagegenzuhalten.

Weil Islamisten fitter in Social Media sind als die Bundesregierung?

Richtig. Unsere Politiker sind nicht gut darin, Muslimen zu erklären, warum wir an der Seite Israels stehen. Weil alles durch die deutsche Brille der historischen Verantwortung Deutschlands betrachtet wird.

Was schlagen Sie konkret vor?

Ich fordere eine große Demokratieoffensive in den Sozialen Medien. Und da sollte nicht nur die Bundesregierung, sondern alle Zivilgesellschaften aktiv werden. Ich weiß, das ist schwierig: Immerhin kann man den Nahost-Konflikt in all seiner Komplexität nicht in kurzen Video-Schnipseln erklären. Aber es ist möglich, zumindest die Kommunikation mit den Jugendlichen zu verbessern. Und wir brauchen natürlich auch Aufklärungskampagnen für die Eltern und an Schulen. Wir müssen zumindest in der Lage sein, mit den Radikalen zu konkurrieren. (Interview: Kathrin Braun)

Rubriklistenbild: © Axel Heimken/dpa

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