Putin im Ukraine-Konflikt zuversichtlich – Militärhistoriker erklärt: „Wie im April 1945“
VonSimon Schröder
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Was ist der nächste Schritt in den Verhandlungen um einen Waffenstillstand in der Ukraine? Ein Experte glaubt, Wladimir Putin spielt ein Zeit-Spiel mit den USA.
Kiew – Die Verhandlungen über einen Waffenstillstand im Ukraine-Krieg stocken. Und die russischen Truppen können langsam, aber stetig Fortschritte an der Front machen. Ein Militärexperte warnt jetzt: Die Zeit arbeitet für die Russen. „Die entscheidende Frage ist nicht, wie lange die Russen durchhalten, sondern wie lange die Ukraine durchhalten kann“, erklärt Militärhistoriker Markus Reisner im Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ).
Für den russischen Autokraten Wladimir Putin bedeute das vor allem, dass er sich bei den Verhandlungen Zeit lassen kann. „Damit hat Putin eine hervorragende Position, denn er hat sich nicht als Erster bewegt, obwohl er möglicherweise selbst knapp vor dem Scheitern ist. Er kann nun zuschauen, wie ihn die Gegenseite an den Verhandlungstisch bringen will“, erklärte Reisner weiter. Russland fokussiere sich voll auf die USA als Verhandlungspartner. Europa hingegen werde von Russland nicht ernst genommen. Die Gespräche über einen Waffenstillstand verlaufen so „ins Leere“, meint der Experte.
Bilder des Ukraine-Kriegs: Großes Grauen und kleine Momente des Glücks
Russland spielt im Ukraine-Krieg auf Zeit – massiver Angriff kurz nach Putin-Besuch
Bereits am 11. März hatte Donald Trump und die Ukraine einen 30-tägigen Waffenstillstand im Ukraine-Krieg vorgeschlagen. Am 18. März machte Russland einen Gegenvorschlag. Der Waffenstillstand sollte sich nur noch auf Luftangriffe auf die Energieinfrastruktur und Angriffe im Schwarzen Meer beschränken. Viel Fortschritt gibt es seitdem nicht. Der Kreml griff dennoch Energieinfrastrukturanlagen in der Ukraine an. Russland wiederum forderte ein Aufheben der Sanktion des Swift-Zahlsystems, um nicht länger vom internationalen Bankensystem ausgeschlossen zu sein. Einen Schritt, den die EU nur gehen möchte, sollte sich Russland aus der Ukraine zurückziehen.
Der US-Sondergesandte Steve Witkoff war mittlerweile schon das dritte Mal in Russland, um Wladimir Putin zu treffen. Über die Ergebnisse des Gesprächs wurde bisher nichts bekannt. Nur zwei Tage nach dem letzten Treffen am Sonntag (13. April) erfolgte ein massiver Raketenangriff auf die ostukrainische Stadt Sumy mit mindestens 34 Toten. Nach dem Angriff erklärte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj: „Putin wollte den Krieg nie beenden. (…) Er will uns komplett zerstören.“
Trump pocht auf einen Waffenstillstand im Ukraine-Krieg – um jeden Preis
Und die USA will unbedingt während Trumps ersten 100 Tagen im Amt einen Waffenstillstand im Ukraine-Krieg aushandeln, wie TheEconomist schreibt. Wie es scheint, auch zum Nachteil der Ukraine. Der Meinung ist auch Markus Reisner. Allein am Auftreten Putins sehe man, dass die amerikanische Verhandlungsstrategie der Ukraine schade, sagte er im Gespräch mit der NZZ. „Bemerkenswert ist auch die Ankündigung, beim Einrückungstermin von diesem Frühling die rekordhohe Zahl von 160 000 Mann einzuziehen. Drastisch ausgedrückt: Die Russen fühlen sich wie im April 1945 auf den Seelower Höhen, mit dem Blick in Richtung Berlin: Sie glauben, den Sieg in Griffnähe zu haben.“
Russland will in den Verhandlungen über einen Waffenstillstand die USA überzeugen, die ukrainischen und europäischen Anliegen zu ignorieren. Kiew hingegen will beweisen, dass Russland überhaupt kein Interesse am Frieden hat. Ein Vorwurf, den Donald Trump zunächst Selenskyj vorhielt, nachdem es zum Eklat im Weißen Haus gekommen war. (sischr)