Putin könnte wieder zur „Oreschnik“-Rakete greifen – Sorge vor neuer Eskalation
VonFabian Hartmann
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Die russische Mittelstreckenrakete ist für Wladimir Putin ein wichtiges Instrument seiner Kriegsrhetorik. Nun warnt das Pentagon vor einem möglichen zweiten Angriff Russlands mit der „Oreschnik“.
Kiew/Moskau – Während der Ukraine-Krieg langsam aber sicher auf sein nächstes Kriegsjahr zusteuert, versuchte der Kreml unlängst, Erfolge an den Fronten und Gebietsgewinnefür sich zu beanspruchen. Zuletzt schlugen ukrainische Streitkräfte unweit der symbolträchtigen und für Russland strategisch bedeutenden Krim-Brücke mit neuen Seedrohnen zu und Wolodymyr Selenskyj begrüßte eine Lieferung von F-16-Kampfjets aus Dänemark. Mit der bevorstehenden Amtseinführung Donald Trumps zum neuen US-Präsidenten in wenigen Wochen blickt die Ukraine allerdings womöglich einer Kriegsphase voller Unklarheiten entgegen.
Angeheizt wurde der militärische Schlagabtausch im Ukraine-Krieg zuletzt von ukrainischer Seite durch einen Angriff mit ATACMS-Raketen aus US-Herstellung auf den Militärflugplatz Taganrog am Asowschen Meer im Süden Russlands. Nachdem Russlands Machthaber Wladimir Putin einen vergleichbaren ukrainischen Angriff bereits im Vormonat (21. November) mit dem Abschuss der Mittelstreckenrakete „Oreschnik“ vergolten hatte, verdichten sich die Zeichen für einen derartigen Angriff Russlands auf die Ukraine nun ein weiteres Mal.
USA befürchten, Putin könnte schon bald zu einem neuen Angriff mit seiner „Oreschnik“-Rakete ausholen
Laut Informationen, die nach einem Briefing aus den Kreisen des Pentagons publik wurden, rechnet das US-Verteidigungsministerium aktuell mit einem neuen Vergeltungsangriff Russlands unter Einsatz einer Rakete vom Typ „Oreschnik“. Und zwar könnte Putin diesen schon „in den kommenden Tagen“ initiieren, wie die UkrainskaPravdaam Mittwoch ausgehend von einer Einschätzung der stellvertretenden Sprecherin des US-Verteidigungsministeriums, Sabrina Singh, berichtete.
Obwohl Singh von einem zeitnahen zweiten „Oreschnik“-Angriff des Kremls auf seinen selbsterklärten Feind – die Ukraine – ausgeht, betonte sie bei der Versammlung im Pentagon, kein konkretes Datum für den potenziellen Angriff nennen zu können. Singh führte aus, ein erneuter russischer Angriff mit der Mittelstreckenrakete könne „keine Veränderung auf dem Schlachtfeld“ bewirken, sondern sei schlicht „ein weiterer Versuch, der Ukraine Schaden zuzufügen und Opfer zu fordern“.
Trumps zweite Amtszeit bereitet dem Ukraine-Krieg Unklarheiten – noch aber betonen die USA ihre Unterstützung Kiews
Neben ihrer Einschätzung zu einem möglicherweise baldigen russischen Angriff mit der neuen Mittelstreckenrakete „Oreschnik“ bekräftigte die stellvertretende Sprecherin des US-Verteidigungsministeriums auch weiterhin die unangefochtene Unterstützung der USA an die Ukraine. Auch werde Washington den ukrainischen Streitkräften zu ihrer Verteidigung gegenüber Russland künftig weiter Mittel militärischer Luftabwehr bereitstellen, fügte Singh an.
Ihre Worte stehen beinahe diametal im Gegensatz zu einer jüngsten Äußerung des baldigen US-Präsidenten Trumps, die der Republikaner wenige Wochen vor Beginn seiner zweiten Amtszeit in einem am Sonntag ausgestrahlten Interview mit dem US-Sender NBC fällte. Darin erklärte Trump, es für „wahrscheinlich“ zu halten, die Ukraine-Hilfen mit Beginn seiner Präsidentschaft einzuschränken. Auf die Frage, ob seine Regierung bei der Unterstützung für die Ukraine Einschnitte vornehmen werde, antwortete Trump: „Möglicherweise. Ja, wahrscheinlich, sicherlich.“
Putins neue Rakete wird immer wichtiger für seine Drohgebärden – 2025 will er „Oreschnik“-Raketen in Belarus stationieren
Auffällig ist, dass Putin bei seinen Drohungen in Richtung Ukraine seit einigen Wochen und vor allem infolge des ersten verheerenden „Oreschnik“-Angriffs auf die Großstadt Dnipro auf die neuartige Mittelstreckenrakete als Zentrum seiner rhetorischen Kriegsführung setzt. Bis hierhin hatte Moskau vorwiegend auf Atomwaffenangriffe als Drohmittel in Richtung der Ukraine gesetzt. Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass Putins Säbelrasseln mit der „Oreschnik“ das Ziel verfolgt, eine stärkere Position vor potenziellen Friedensverhandlungen einzunehmen. Trump hatte zuvor wiederholt ein rasches Ende des Ukraine-Kriegs mit seinem baldigen Amtsantritt als US-Präsident versprochen.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Auch wenn Selenskyj auf einen Deal mit Trump zugunsten eines positiveren Ausgangs des Krieges für die Ukraine hofft, scheint ein Ende des Krieges vorerst nicht unbedingt in Sicht. Denn während die Sorge angesichts eines baldigen zweiten „Oreschnik“-Angriffs sowohl in der Ukraine als auch bei internationalen Verbündeten wächst, plant Putin unterdessen offenbar, mit dem Jahresbeginn 2025 einen weiteren militärischen Schritt mit seiner gefürchteten Mittelstreckenrakete zu initiieren. Wie das US-Onlinemedium Politico am Mittwoch berichtete, bereitet Russland sich aktuell darauf vor, einige Oreschnik-Raketen im kommenden Jahr in Belarus zu stationieren. Das Land, das seit 1994 von Machthaber Alexander Lukaschenko regiert wird, ist der engste Verbündete Russlands.
„Die Russen werden uns die Raketen kostenlos zur Verfügung stellen“, erklärte Lukaschenko, wie Politico ausgehend von belarussischen Medienberichten vermeldete. Lukaschenko fügte hinzu, dass Weißrussland selbst entscheiden werde, wo die Raketen eingesetzt werden. Dabei fügte er an, er habe Putin am Freitag um die neuen Raketen gebeten, da er eine Eskalation aufgrund der Anwesenheit polnischer und litauischer Truppen in der Nähe der belarussischen Westgrenze befürchtet. (fh)