Weil Munition fehlt: Ukraine setzt gegen Putins Truppen auf Nadelstich-Taktik
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Meter um Meter vorwärts. Der Krieg in der Ukraine erinnert an die Schlachten des Ersten Weltkriegs – den Verteidigern fehlen Geschosse aus dem Westen.
Kiew – General Walerij Saluschnyj deutete einen gewagten historischen Vergleich an, um damit eine Ahnung von Apokalypse zu beschwören: die Erinnerung an Verdun. Dieser Schlacht zwischen rund zwei Millionen eingegrabener französischer und deutscher Soldaten Mitte des Ersten Weltkrieges fielen letztendlich ungefähr die Hälfte zum Opfer. Kaum eine geringere Befürchtung bleibt, wenn Saluschnyi gegenüber dem Economist von einer „Pattsituation“ im Ukraine-Krieg gegen die Invasions-Armee Russlands spricht, ohne dass ein Ende in Sicht wäre.
Weniger katastrophal beschreibt die Situation der deutsche Politikwissenschaftler Carlo Masala gegenüber t-online: Definitiv herrsche in der Ukraine keine Pattsituation. „Allerdings ist es richtig, dass die Ukraine in der letzten Zeit nicht viel Territorium zurückerobert hat. Die Front ist an vielen Stellen statisch geworden. Das heißt, keine der beiden Seiten kommt derzeit irgendwo nennenswert vorwärts.“
Immerhin meldet das Institute for the Study of War (ISW) unter Berufung auf den ukrainischen Geheimdienst aktuell für beide Seiten Erfolge. Minimale Erfolge. Russische Streitkräfte führten kürzlich eine begrenzte Serie von Raketenangriffen auf den Süden der Ukraine durch. Die wurden durch die ukrainische Luftverteidigung vereitelt. Anders die Taktik der Verteidiger. Die Ukraine setzt offenbar gerade weiter auf Nadelstiche, und dabei auch auf gezielte Tötungen russischer Führungskräfte durch Partisanen-Angriffe, also durch Soldaten, die nicht als solche zu erkennen sind und eher aus dem Hinterhalt angreifen.
Putins Schwarzmeer-Flotte weiter in Reichweite der Ukraine
Einer dieser Angriffe habe einem Militärhauptquartier von Putins Truppen im besetzten Melitopol im Verwaltungsbezirk Saporischschja gegolten; dabei seien mindestens drei Beamte des russischen Inlandsgeheimdienstes (FSB) und der Nationalgarde „Rosgwardija“ getötet worden. Das ISW schließt daraus, dass die Ukraine scheinbar ihre Angriffe auf russische Militär-, Logistik- und andere Stabs-Einrichtungen in rückwärtigen Gebieten der besetzten Ukraine und Russlands verstärkt.
Immerhin wird deutlich, dass trotz des befürchteten Patts beider Kriegsparteien Dynamik das ukrainische Handeln bestimmt. Selbst die Schwarzmeer-Flotte liegt weiterhin unter Beschuss – ungeprüften Medienberichten zufolge wahrscheinlich mit selbstgebauten See-Drohnen: eine moderne Tarnkappen-Korvette und das Patrouillenschiff „Pawel Derschawin“ sollen kürzlich getroffen worden sein, hieß es vom ukrainischen Geheimdienst. Ziel sei ebenfalls das U-Boot „Alrossa“ gewesen. Sewastopol, das Hauptquartier der russischen Schwarzmeer-Flotte bleibt also weiterhin in Reichweite ukrainischer Waffen. Politikwissenschaftler Carlo Masala rechnet mit überraschenden Erfolgen der Ukraine tatsächlich auch allerhöchstens auf der Krim, dem Prestige-Objekt beider Kontrahenten.
Ukraine setzt auf Partisanen-Hinterhalte in Russlands Rücken
Daneben registriert das ISW Hinterland-Angriffe und Attacken von ukrainischen Partisanen sogar auf russischem Gebiet. Unterstützt wird die Gegenoffensive der ukrainischen Streitkräfte von Widerstandsgruppen, die in den von Russland besetzten Gebieten operieren. „Diese Gruppierungen nutzen im Prinzip das ganze Spektrum – von Propaganda, von Flugblättern bis hin zu Sprengstoffanschlägen auf logistische Einrichtungen der Russen“, sagt Oberst Jörg Tölke im Bundeswehr-Podcast Nachgefragt; Tölke ist Bedrohungsanalyst im deutschen Verteidigungsministerium.
Nach seinen Informationen sei seit Beginn der Gegenoffensive eine Häufung solcher Aktionen festzustellen. Zudem seien die Aktivitäten des Widerstandes mit den Angriffen der regulären ukrainischen Streitkräfte abgestimmt, so der Oberst. „Das sind immer wieder Nadelstiche gegen Führungseinrichtungen, gegen russische Führer in diesen Gebieten, die dazu taugen, Sicherungskräfte zu binden und immer wieder Unruhe zu stiften.“
Militärexperte Masala sieht einen hartnäckigen Widersacher ukrainischer Bemühungen allerdings vor allem auch im Westen, wie er t-online gegenüber kritisierte: „Die Ukraine braucht Artilleriemunition. Sonst wird sich das Blatt zugunsten der Russen wenden. Laut Geheimdienstberichten haben die Russen eine Million zusätzlicher Schuss Artilleriemunition bekommen. Der Westen hat es bislang geschafft, 300.000 Schuss Munition zu liefern.“ Das sei eindeutig ein Versäumnis der westlichen Staaten einschließlich der Bundesregierung. Dagegen hat das Investigativ-Portal Correctiv berichtet, wie ergiebig die Quelle westlicher Munition für Russland sprudelt – auch aus Deutschland.
Verluste der Ukraine auch durch Munition aus Deutschland
Fast acht Millionen Schuss Munition soll Russland zwischen Oktober 2022 und Oktober 2023 laut der russischen Importstatistik aus dem Westen erhalten haben. 55.000 Schuss aus Deutschland. Vier Millionen Schuss kamen beispielsweise aus Finnland. Dafür hat Deutschland im gleichen Zeitraum fast 1000 Waffen geliefert – beispielsweise Repetierbüchsen aus dem Allgäu. Diese auch von Scharfschützen genutzten Waffen seien laut Correctiv-Recherchen vom Hersteller in Drittländer ausgeführt worden und hätten somit kein Ausfuhrverbot verletzt.
Das letzte Waffenpaket von Bundeskanzler Olaf Scholz für die Ukraine von Juli 2023 enthielt 20.000 Schuss Artillerie- und 5.000 Schuss Nebelmunition. Immerhin haben die Nato-Länder gelernt und Krieg als Eskalation politischer Unvereinbarkeit zwischen Staaten neu zu denken begonnen. Ein Jahr nach Kriegsausbruch in der Ukraine sind die EU-Länder übereingekommen, ihre Munitionsvorräte zügig aufzustocken. Camille Grand schreibt für den Thinktank European Council on Foreign Relations: „Das Munitionsproblem ist nicht gerade eine Überraschung. Kaum ein Nato- oder EU-Mitgliedsstaat hat sich auf einen solchen Konflikt in der Ukraine vorbereitet. Insgesamt fehlten dem Westen sowohl die Vorräte als auch die Produktionskapazitäten, um den Anforderungen einer hochintensiven Kriegsführung gerecht zu werden.“
Europa und USA planen Umstellung auf Kriegswirtschaft
Die EU-Mitgliedsstaaten sollen baldmöglichst in der Lage sein, jährlich 650.000 Schuss Großkalibermunition herzustellen und haben sich kürzlich dazu verpflichtet, „in einer gemeinsamen Anstrengung innerhalb der nächsten zwölf Monate eine Million Schuss Artilleriemunition für die Ukraine zu liefern“, wie die EU schreibt. Seit März 2023 fahren die EU-Mitgliedstaaten dreigleisig, wie das Europäische Parlament publiziert: Die Mitgliedstaaten wurden aufgefordert, dringend Munition aus ihren eigenen Beständen an die Ukraine zu übergeben – erster Strang. Der zweite Strang umfasst die gemeinsame Beschaffung von einer Million Artilleriegeschossen. Im dritten Strang sollen Maßnahmen zur Steigerung der Produktionskapazitäten der europäischen Verteidigungsindustrie ergriffen werden.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Masala sieht darin das massivste Problem auf dem Schlachtfeld: „Eigentlich hatten die Ukrainer es geschafft, an einigen Frontabschnitten Artillerieüberlegenheit zu etablieren. Wenn jetzt die Russen allerdings eine Million Schuss zusätzlich zur Verfügung haben, ist diese Überlegenheit perdu.“ Das fordert auch der ehemalige EU-Mitarbeiter Grand in ähnlichen Worten und mahnt ein beschleunigtes Tempo in der Beschaffung an: „Es ist an der Zeit, dass die europäische Verteidigungsindustrie zu einem Kriegswirtschaftsmodell übergeht, um unseren Bedarf an Verteidigungsproduktion zu decken.“
Der Stillstand an der ukrainischen Front ist demnach Folge einer katastrophalen Trägheit der amerikanischen wie westeuropäischen Rüstungsindustrie.