Die Lage in Cherson spitzt sich zu. Russische Streitkräfte fordern Einwohner auf, die Region zu verlassen. Eine ukrainische Gegenoffensive wird erwartet.
Cherson – Das südukrainische Cherson war die erste größere ukrainische Stadt, die nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs am 24. Februar von den russischen Streitkräften eingenommen wurde. Nun will die Ukraine sie wieder zurückgewinnen – und die russische Armee gerät offenbar zunehmend unter Druck. Schon seit einigen Wochen ist Cherson das Ziel einer Gegenoffensive des ukrainischen Militärs, das laut der Zeit zuletzt immer weiter vorgerückt ist. Die Russen hingegen scheinen schlecht organisiert. „Es ist wie im Irrenhaus“, klagt ein russischer Kämpfer aus der Region.
News aus Cherson im Ukraine-Krieg: Was ist die aktuelle Lage?
Vor wenigen Tagen hat Russlands Präsident Wladimir Putin das Kriegsrecht über die von der Russischen Föderation annektierten ukrainischen Gebiete Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson verhängt. Mychajlo Podoljak, Berater des ukrainischen Präsidentenbüros, äußerte sich zu diesem Schritt auf Twitter mit den Worten: „Die Einführung des Kriegsrechts in den besetzten Gebieten durch die Russische Föderation sollte nur als Pseudolegitimierung der Plünderung des Eigentums der Ukrainer [...] betrachtet werden.“
Das ändere aber nichts für die Ukraine – sie werde die Befreiung der von Russland besetzten Territorien fortsetzen, versicherte Podoljak zielstrebig. Tatsächlich erwarten ukrainische Regierungsvertreter die Befreiung Chersons binnen weniger Wochen, doch aktuelle Hinweise oder eine klare Stellungnahme zu einer Gegenoffensive in der Region gibt es noch nicht – zumindest von ukrainischer Seite.
Russische Besatzer verkünden Start der ukrainischen Gegenoffensive in Cherson
Laut den russischen Besatzern hätten ukrainische Streitkräfte jedoch bereits Rückeroberungsversuche im Gebiet Cherson gestartet. Demnach seien die Ukrainer in Richtung der Orte Nowa Kamjanka und Beryslaw in die Offensive gegangen, schrieb Kirill Stremoussow, Vizechef der Chersoner Besatzungsverwaltung, auf seinem Telegram-Kanal. Bislang seien die Angriffe aber erfolglos gewesen.
Evakuierung von Anwohnern in Cherson sei „Propaganda“ – Russen wollen sie „als Schutzschild zu nutzen“
„Alles Propaganda“, verkündet Natalja Humeniuk, Sprecherin des operativen Kommandos der ukrainischen Streitkräfte im Süden des Landes laut der Tagesschau. „Die Besatzer nutzen die Zivilbevölkerung als Ablenkungsmanöver“, fährt sie fort. „Sie haben selbst Angst, weil sie wissen, dass sie unseren Vormarsch nicht aufhalten können und wollen die Zivilbevölkerung mit aufs östliche Ufer des Dnjepr nehmen, um sie als Schutzschild zu nutzen.“
Der Ukraine-Krieg in Bildern – Zerstörung, Widerstand und Hoffnung
Tatsächlich unterstreichen Stimmen von russischer Seite aus der Region Cherson derzeit die offenbar brenzlige Situation für Wladimir Putins Militär. Ein abgefangener Anruf von einem russischen Soldaten gibt Einblick darüber, wie schlecht es für die Streitkräfte aktuell aussieht. „Es ist wie im Irrenhaus“, erzählt er laut dem Focus.
„Wir haben niemanden, der uns führt. Wenn ich mit dem Panzer vorrücke, weiß ich nicht, wer vor mir ist. Es kann sein, dass ich einfach über unsere eigenen Infanteristen im Schützengraben drüber rolle. Und gleichzeitig habe ich Angst, dass mich von hinten unsere eigenen Geschosse treffen“, erzählt der russische Soldat in dem Telefonat.
Lage in Cherson im Ukraine-Krieg: Ukraine sendet Drohnen aus, um den Feind zu finden
Die Aufklärung der Ukrainer hingegen sei gut. Sie sendeten Drohnen aus, um den Feind zu finden und schon kurze Zeit später kämen die Artilleriegeschosse. „Genau ins Ziel“, so der russische Kämpfer. Überall lägen Leichen und Verwundete, doch es gäbe keinen Weg, sie zu bergen.
Als der Gesprächspartner im Telefonat laut dem Focus davon sprach, dass die Lage im russischen Fernsehen positiv dargestellt werde und es demnach höchstens kleine Rückschläge gäbe, antwortet der Kämpfer in Cherson: „Die Russen weichen zurück.“
Kann Ukraine Cherson mit Offensive zurückgewinnen – und was passiert dann?
Aber was passiert, wenn die ukrainischen Streitkräfte Cherson tatsächlich zurückgewinnen? „Nehmen wir mal an, die Ukrainer gewinnen Cherson und das ganze Gebiet westlich des Dnipro zurück“, sagte Joachim Krause, Direktor des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel, im Gespräch mit der Deutschen Welle. „Das wäre eine große Niederlage für die Russen“, fährt Krause fort. „Ich würde das nicht mit Stalingrad vergleichen, aber es hätte durchaus ähnliche Dimensionen.“
Der Direktor befürchtet, dass die Russen dann eine Verzweiflungstat durchführen würden, „dass sie vielleicht als Rache den dortigen Staudamm sprengen, um das ganze Gebiet unter Wasser zu setzen“.
Sorge um Staudamm in Cherson wächst – Sprengung würde über 80 Dörfer fluten
Diese Sorge sieht der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj offenbar schon bestätigt. Er wirft Russland vor, einen Staudamm in der südukrainischen Region Cherson vermint zu haben. „Unseren Informationen zufolge wurden die Aggregate und der Damm des Wasserkraftwerks Kachowka von russischen Terroristen vermint“, sagte der Präsident in seiner täglichen Videobotschaft am Donnerstagabend, 20. Oktober 2022. Der Staudamm des Wasserkraftwerks Kachowka liegt am Fluss Dnipro in der Region Cherson.
Kiew lägen demnach Informationen vor, dass Moskau das Gelände vermint habe und einen Angriff unter falscher Flagge plane. Unabhängig überprüfen lässt sich diese Information aber nicht. Im Falle einer Zerstörung des Staudamms würde „der Nord-Krim-Kanal einfach verschwinden“, warnte Selenskyj, was „eine Katastrophe großen Ausmaßes“ und ein „historisches Desaster“ darstellen würde. Bei einer Sprengung würden nämlich Cherson und 80 weitere Dörfer geflutet werden. Hunderttausende Menschen könnten dem zum Opfer fallen, so Selenskyj laut dem Focus.
Experte hält Sprengung in Cherson für unwahrscheinlich: „Staudamm sichert auch die Wasserversorgung der Krim“
Olexij Danilow, der Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates, hält eine Zerstörung des am Dnipro gelegenen Wasserkraftwerkes aber für unwahrscheinlich. „Der Staudamm sichert auch die Wasserversorgung der Krim, wenn sie den zerstören, gibt es dort in den kommenden Jahren kein Wasser mehr“, erklärt Danilow.
„Ich glaube nicht, dass sie so verrückt sind und den Staudamm sprengen. Das gäbe eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes. Ich weiß gar nicht, wie die Welt darauf reagieren sollte oder könnte“, so der Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates.
Aktuelle Lage in Cherson – wegen Kriegspropaganda schwer zu prognostizieren
Wie es tatsächlich in Cherson weitergehen wird, lässt sich aktuell nur sehr schwer prognostizieren. Denn da die meisten Informationen aus dem Kriegsgebiet von Konfliktparteien selbst stammen, müssen diese mit viel Vorsicht betrachtet werden. Der Grad zur Kriegspropaganda ist dabei schmal.
Auch Mitteilungen aus den sozialen Medien spielen bei der Kriegsberichterstattung eine große Rolle – doch stammen diese ebenfalls in den meisten Fällen von russischen oder ukrainischen Militäreinheiten oder Aktivisten. Häufig ist die Ursprungsquelle auch gänzlich unklar. Viele Informationen zum Ukraine-Krieg lassen sich deswegen nicht unabhängig prüfen.