VonYannick Hankeschließen
Im Ukraine-Krieg treibt Putin die Preise für Lebensmittel hoch. Nun könnte es die Fischstäbchen treffen. Bei den EU-Sanktionen gibt es eine Ausnahme. Aber wie lange?
Berlin/Moskau – Der Fisch stinkt bekanntlich vom Kopf. Kopf des auf die Ukraine befohlenen Angriffs ist Russlands Präsident Wladimir Putin. Neben all den zerstörten Gebäuden, Städten und dem Tod unzähliger Menschen gehört es auch zur Wahrheit, dass sich der Ukraine-Krieg wirtschaftlich auf nahezu die ganze Welt auswirkt.
Selbst das Kühlregal im Supermarkt und das Essen, was auf den Teller kommt, sind von der „militärischen Spezial-Operation“, wie der womöglich vor einem Putsch stehende Wladimir Putin seinen Krieg einst nannte, betroffen. Im Mittelpunkt steht dabei Fisch aus russischen Gefilden. Eine verzwickte Situation, die doch auch Auswege und Alternativen bieten müsste. Oder etwa nicht?
Trotz Ausnahme bei EU-Sanktionen: Wladimir Putins Ukraine-Krieg macht Fischstäbchen zum Luxusgut
Fakt ist: Rund ein Viertel der weltweiten Population vom Alaska-Seelachs stammt entweder direkt aus russischen Gewässern oder wird von russischen Trawlern, Schiffen für die Hochseefischerei, an Land gezogen. Wer sich also von seinem Konsum von Fischstäbchen oder Schlemmerfilets nicht lossagen kann, der könnte indirekt Wladimir Putins von Sanktionen begleiteten Krieg gegen die Ukraine mitfinanzieren.
Dementsprechend ist es auch nicht sonderlich überraschend, dass große Hersteller wie Iglo genauso gerne unabhängig von Fisch aus Russland wären wie beispielsweise der Chemiekonzern BASF von russischem Gas. Es muss Ersatz her, doch woher? Leichter gesagt als getan. Alternativen zu Fisch aus Russland müssen vor allem bezahlbar sein. Schließlich wollen Supermarkt-Kunden im Kühlregal nicht auch noch für Produkte wie Fischstäbchen eklatant hohe Preissteigerungen hinnehmen.
Russland Lieferant Nummer eins: Wegen großer Abhängigkeit von Alaska-Seelachs gilt Ausnahme bei EU-Sanktionen
Wildfisch gilt als rares Gut. Vor allem jener, der auch ordentlich zertifiziert werden soll. Das weiß auch Wladimir Putin, der natürlich alles daran setzt, um Russland vor einer immer wieder prognostizierten Staatspleite zu bewahren und die EU-Sanktionen außer Kraft zu setzen. Im April 2022 beschloss die Politik in Form der EU-Kommission ein Sanktionspaket – mittlerweile sind es derer acht –, das die Einfuhr von Krebstieren und Kaviar aus Russland verbietet. Davon nicht betroffen war jedoch: Fisch. Schließlich sind die Alternativen für Alaska-Seelachs beziehungsweise Alaska-Pollack rar gesät.
Dieser Verlust wäre nicht auszugleichen. Es gibt einfach keine Fischart auf der Welt, durch die man den Alaska-Pollack ohne Weiteres ersetzen könnte.
Zirka 70 Prozent des in Deutschlands verarbeiteten Alaska-Seelachs stammen aus Russland. Würden die Importsanktionen ausgeweitet werden, hätte dies enormen Einfluss auf die deutschen Fischverarbeiter. Das weiß auch Matthias Keller, der die Ansicht vertritt, dass auf Alaska-Seelachs nicht verzichtet werden kann. Der Geschäftsführer vom Bundesverband der deutschen Fischindustrie vertritt die Interessen der Fischstäbchenproduzenten und hat die wirtschaftliche Komponente im Blick.
Trotz EU-Sanktionen: Gesundheitsschädlichen Fisch essen oder Wladimir Putins Krieg mitfinanzieren?
Doch schwebt auch stets der moralische Aspekt wie ein Damoklesschwert über der Entscheidung, den Import von Fisch aus Russland möglicherweise zu stoppen und in die EU-Sanktionen miteinzubeziehen. Im von im Alter allein dastehenden Wladimir Putin evozierten Dilemma befinden sich sowohl Hersteller als auch Verbraucher. Siegt die Moral, wird Fisch aus Russland ignoriert und auf den aus der Fischfarm zurückgegriffen, der sonst eher verschmäht wird.
Die Verbraucher wiederum, nicht zuletzt in Deutschland, müssen für sich entscheiden, ob sie diese Haltungsform auf dem Teller haben wollen. Potenzielle Gesundheitsrisiken schwingen hier mit. Aber vielleicht auch ein Stück weit die Gewissheit, Wladimir Putins Ukraine-Krieg, wenn auch nur indirekt, nicht weiter mitzufinanzieren.
Auswirkung der EU-Sanktionen: Russland liefert jährlich 250.000 Tonnen Fisch – Putin verdient sich goldene Nase
Ein rein deutsches Problem ist die Situation übrigens nicht. Denn nicht nur hiesige Hersteller suchen nach Ersatz für Fisch aus Putins Russland, sondern nahezu die halbe Welt. De facto sind fast 75 Prozent aller Fischprodukte, die in den 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU) verkauft werden, importiert. In Europa besteht also eine große Abhängigkeit von großen Fischfangnationen, um die Nachfrage nach Fisch zu decken.
Jährlich werden in der EU zirka 8,8 Millionen Tonnen Meeresfisch importiert, 250.000 Tonnen stammen dabei aus Russland, heißt es von der Europäischen Dachorganisation der Fischproduzenten und Fischhändler AIPCE. Die eingangs formulierte Frage nach adäquaten Alternativen zum Fisch aus Russland ist dabei gar nicht so leicht zu beantworten. Schließlich halten sich viele Fischverarbeiter bedeckt, damit ihnen die Konkurrenz die neue Quelle nicht vor der Nase wegschnappen. Ob sie schon von der Idee gehört haben, Fischstäbchen aus Zellen herstellen zu wollen?
Boykott von Wladimir Putin? Süßwasserfisch Pangasius als Alternative zum Alaska-Seelachs aus Russland
Grundsätzlich gibt es sie aber, die Alternativen zu Fisch aus Russland, um Fehlerteufel Wladimir Putin ein Schnippchen zu schlagen. Laut Experten handelt es sich dabei um Seehecht, Buntbarsch, Tintenfisch und Pangasius, einem Süßwasserfisch aus dem asiatischen Raum. Doch vor allem der Pangasius genießt wegen seiner Ökobilanz nicht den besten Ruf. Für den Süßwasserfisch würden hingegen wieder die Verfügbarkeit und der Preis sprechen. Der als stark mit Antibiotika belastete Pangasius aus der Fischfarm gilt als heißeste Wette.
Und Wladimir Putins Russland? Ist weiterhin munter in der russischen Barentssee und versorgt die Länder mit Fisch, die sich gegen eine Alternative sträuben oder sich noch nicht entschieden haben. Ob die Fischer aber stets mit „Petri Heil“ begrüßt werden, ist nicht bekannt.
