Schikane und Proteste

Putin oder Europa: Georgien kämpft weiter – Warum Trump eine wichtige Rolle spielt

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Georgiens Demokratie steht am Abgrund. Doch die prorussische Regierung hat ebenfalls Sorgen – auch, weil Donald Trump ihr die kalte Schulter zeigt.

Tiflis/Leipzig – Am 9. April 1991 hat Georgien seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion erklärt. Knapp 34 Jahre später bangen viele Menschen im Land wieder um die Freiheit: Die zunehmend autoritäre Regierung will Georgien statt in die EU in die Arme Russlands führen. Ihr Strippenzieher ist Bidsina Iwanischwili, ein Oligarch mit besten Drähten in Wladimir Putins Kreml.

Nun könnten die seit Ende November laufenden Proteste gegen diesen Kurs und die mutmaßlich manipulierten Wahlen wieder aufflammen. Und Georgien steht wohl am Scheideweg: Einerseits berichten Oppositionelle von massiven Übergriffen. Andererseits steckt die Regierung auch außenpolitisch im Dilemma. Eine Rolle spielt dabei neben Brüssel Donald Trumps US-Regierung, wie Georgien-Experte Stephan Malerius von der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) der Frankfurter Rundschau sagt.

Georgien zwischen Russland und Europa: Oppositionspolitiker gibt Einblick in Regierungs-Schikanen

Einen Einblick in die Lage in Georgien hatte am Wochenende der Schriftsteller und Oppositionspolitiker Lasha Bakradze bei der Leipziger Buchmesse gegeben. Schon drei Mal habe er für die Teilnahme an Demonstrationen eine Strafe von 5.000 Lari erhalten, wegen vermeintlicher „Straßenblockaden“, berichtete er – 5.000 Lari, knapp 1.700 Euro, seien das Vielfache eines durchschnittlichen Monatsgehaltes. Und des Abends müsse man als Regierungskritiker befürchten, dass einem noch morgens freundlich grüßende Polizisten vermummt auflauern und Gewalt antun.

Malerius, Regionalprogrammleiter Südkaukasus der KAS mit Sitz in Tiflis, bestätigt solche Maßnahmen der Regierung. Ihren Höhepunkt hätten sie aber schon im Januar erreicht: In der Schwarzmeer-Großstadt Batumi habe gar ein Abgeordneter der Regierungspartei Georgischer Traum den früheren Ministerpräsidenten und Ex-Parteifreund Giorgi Gacharia verprügelt. Eine kritische Journalistin sitze seit Mitte Januar in Haft, weil sie einen Polizisten ohrfeigte. Die „vereinte Opposition“ zählte zuletzt in einer Mail-Aussendung 52 politische Gefangene im Land.

Für Malerius ist klar: „Das waren Signale der Regierung. Und es hat sicher dazu beigetragen, dass die Dynamik und Massivität der Proteste zurückgegangen ist.“ Begonnen hatten die Demonstrationen Ende November. Im Januar seien sie aber „kleiner und ruhiger“ geworden. Damit seien sie, so der Experte, zwar ein „wichtiges Signal, dass die Kritiker nicht weichen“. Aber eben nicht mehr massiv genug, um tatsächlich Druck auszuüben. Am Montag (31. März) versammelten sich zum Jahrestag des georgischen Unabhängigkeitsreferendums nun deutlich mehr Menschen. „Das könnte nochmal einen Schub gegeben haben“, sagt Malerius.

Trump blickt kritisch auf Georgien – trotz Herz für Autokraten: „Regierung hat sich falsch aufgestellt“

Er blickt aber nicht zuletzt auf das Ausland. Überraschen könnte, dass für das auf prorussischen Kurs geschwenkte Georgien just die USA eine entscheidende Rolle spielen. Die Regierung versuche „massiv zu lobbyieren, um Zugang zu Donald Trump zu bekommen – aber das gelingt wohl nicht besonders gut“, sagt Malerius. Gerüchten zufolge blicken Trump und sein Außenminister Marco Rubio kritisch auf Georgien. Obwohl Trump ganz offensichtlich kein Problem mit Autokraten hat. Grund seien Georgiens Partnerschaft mit China und wiederholte Kontakte zum Iran: „Da hat sich die georgische Regierung falsch aufgestellt.“

US-Flaggen bei einem Protestmarsch am 22. März in Tiflis – ein Demonstrant trägt eine Maske des putinnahen Oligarchen Bidsina Iwanischwili.

Warum aber sind die USA wichtig? „Weil Russland nicht die Rolle Europas und der USA als wirtschaftliche Partner für Georgien kompensieren kann“, erklärt Malerius. Russland sei selbst ein isoliertes – wenn auch großes – Land. „Und es hat momentan weder die Kapazitäten, noch großes Interesse, Georgien massiv zu unterstützen.“ Ohnehin gibt es formal weiter einen schweren Konflikt: Russland hält mit Abchasien und Südossetien Teile Georgiens besetzt. Abseits Russlands und Viktor Orbáns Ungarn sei Georgien aber weitgehend isoliert, sagt der Experte der KAS. Einladungen ins Ausland blieben aus. Im Gegenteil werde vielerorts die formal von einer neuen Wahlversammlung abgewählte Präsidentin Salome Surabischwili weiter als Staatsoberhaupt anerkannt.

„Russisches Gesetz“ tritt in Georgien nie in Kraft – schlimmere Variante folgt

Surabischwili sprach am Montag auch beim neuerlichen Großprotest in Georgiens Haupstadt Tiflis. Dabei habe sie „ein paar gute Punkte gemacht“, meint Malerius. „Aktuell klafft eine Lücke zwischen den Protesten auf der Straße und den Oppositionsparteien. Aber zu den Forderungen zählen neben der Freilassung politischer Gefangener auch Neuwahlen“, erklärt er. Dafür brauche es die Parteien. Surabischwili schlug nun eine „Widerstandsplattform“ vor. Wenn die Wege zu legitimen Neuwahlen aufzeigen könne, wachse der Druck auf die Regierungspartei Georgischer Traum: „Darauf müsste sie erst einmal Gegenargumente finden.“

Auf dem Weg nach Europa: Die Aufnahmekandidaten der EU

EU Parlament Straßburg
Jeder europäische Staat hat laut Artikel 49 des EU-Vertrags das Recht, einen Antrag auf Mitgliedschaft zu stellen. Wichtig dabei: „Europäisch“ wird politisch-kulturell verstanden und schließt die Mitglieder des Europarats mit ein. Das betrifft zum Beispiel die Republik Zypern. Eine wichtige Rolle spielt im Beitrittsverfahren das EU-Parlament in Straßburg (im Bild). Verschiedene Delegationen verfolgen die Fortschritte in den Beitrittsländern und weisen auf mögliche Probleme hin. Zudem müssen die Abgeordneten dem EU-Beitritt eines Landes im Parlament zustimmen. Derzeit gibt es neun Beitrittskandidaten und einen Bewerberstaat. © PantherMedia
Edi Rama Albanian EU
Albanien reichte 2009 den formellen EU-Mitgliedschaftsantrag ein – vier Jahre, bevor Edi Rama (im Bild) das Amt des Ministerpräsidenten übernahm. Es dauerte aber noch eine lange Zeit, bis die Verhandlungen beginnen konnten. Grund war ein Einspruch der Niederlande, die sich zusätzlich zu den EU-Kriterien auch die Sicherstellung der Funktion des Verfassungsgerichts und die Umsetzung eines Mediengesetzes wünschte. Im Juli 2022 konnte die Blockade beendet werden und die EU startete die Beitrittsverhandlungen. © John Thys/afp
Bosnien und Herzegowina EU
Auch Bosnien und Herzegowina drängt in die EU. Gut erkennen konnte man das zum Beispiel am Europatag 2021, als die Vijećnica in der Hauptstadt Sarajevo mit den Farben der Flaggen der Europäischen Union und Bosnien und Herzegowinas beleuchtet war. EU-Botschafter Johann Sattler nutzte sofort die Gelegenheit, um das alte Rathaus zu fotografieren. Vor den geplanten Beitrittsverhandlungen muss das Balkanland noch einige Reformen umsetzen. Dabei geht es unter anderem um Rechtsstaatlichkeit und den Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen.  © Elvis Barukcic/afp
Georgien EU
Zum Kreis der EU-Beitrittskandidaten gehört auch das an Russland grenzende Georgien. Das Land, in dem rund 3,7 Millionen Menschen leben, hatte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs die Aufnahme in die EU beantragt. Auf schnelle Fortschritte im Beitrittsprozess kann Georgien allerdings nicht hoffen. Dabei spielt auch ein ungelöster Territorialkonflikt mit Russland eine Rolle. Nach einem Krieg 2008 erkannte Moskau die abtrünnigen georgischen Gebiete Südossetien (im Bild) und Abchasien als unabhängige Staaten an und stationierte Tausende Soldaten in der Region. © Dimitry Kostyukov/afp
Moldau EU
Seit Juni 2022 gehört auch Moldau offiziell zu den EU-Beitrittskandidaten. Das Land, das an Rumänien und die Ukraine grenzt, reichte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs das Beitrittsgesuch ein. Am 21. Mai 2023 demonstrierten 80.000 Menschen in der Hauptstadt Chișinău für einen Beitritt Moldaus in die Europäische Union. Die damalige Innenministerin Ana Revenco (Mitte) mischte sich damals ebenfalls unters Volk. © Elena Covalenco/afp
Montenegro EU
Das am kleine Balkanland Montenegro will beim EU-Beitritt zügig vorankommen. Direkt nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten Ende Oktober 2023 verkündete Milojko Spajic (im Bild), dass er den Beitritt Montenegros zur EU vorantreiben und die Justiz im Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen stärken wolle. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (rechts) hörte es damals sicher gerne. Montenegro verhandelt seit 2012 über einen Beitritt, hatte sich aber vor der Wahl nicht mehr ausgiebig um Reformen bemüht.  © Savo Prelevic/afp
Scholz Westbalkan-Gipfel Nordmazedonien EU
Nordmazedonien kämpft schon seit langer Zeit für den Beitritt in die EU. Leicht ist das nicht. So hat das kleine Land in Südosteuropa aufgrund eines Streits mit Griechenland sogar schon eine Namensänderung hinter sich. Seit 2019 firmiert der Binnenstaat amtlich unter dem Namen Republik Nordmazedonien. Auch Bulgarien blockierte lange den Beginn von Verhandlungen. Bei einem Gipfeltreffen im Oktober 2023 drängte Kanzler Olaf Scholz dann aber auf eine möglichst schnelle Aufnahme der Balkanstaaten in die EU. Nordmazedoniens Ministerpräsident Dimitar Kovacevski (rechts) war sichtlich erfreut. © Michael Kappeler/dpa
Serbien EU
Auch Serbien strebt in die EU. Wann es zu einem Beitritt kommt, scheint derzeit aber völlig offen. Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine hat sich die serbische Regierung geweigert, Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Damit ist Serbien der einzige Staat in Europa, der keine Sanktionen verhängt hat. Offen bleibt, welche Auswirkungen das auf die seit 2014 laufenden Verhandlungen über einen EU-Beitritt Serbiens hat. Die politische Führung in Belgrad, die seit 2012 von Präsident Aleksandar Vučić (im Bild) dominiert wird, zeigt zudem wenig Willen zu Reformen. Demokratie und Medienpluralismus höhlt sie zunehmend aus. © Andrej Isakovic/afp
Türkei EU
Die Türkei ist bereits seit 1999 Beitrittskandidat. Die Verhandlungen selbst haben im Oktober 2005 begonnen. Inzwischen hat die EU-Kommission vorgeschlagen, die Beziehungen wieder auszubauen, sofern sich die Regierung in Ankara unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan (im Bild) in einigen Punkten bewegt. Zuvor waren Projekte wie die geplante Modernisierung der Zollunion und eine Visaliberalisierung wegen Rückschritten bei Rechtsstaatlichkeit, Grundrechten und Meinungsfreiheit in der Türkei auf Eis gelegt worden. Ein EU-Beitritt scheint aktuell weiter entfernt denn je. © Adem Altan/afp
Ukraine EU
Im Dezember 2023 wurde der Beginn von Verhandlungen mit der Ukraine grundsätzlich beschlossen. Allerdings muss die Ukraine sämtliche Reformauflagen erfüllen. So waren nach dem letzten Kommissionsbericht manche Reformen zur Korruptionsbekämpfung, zum Minderheitenschutz und zum Einfluss von Oligarchen im Land nicht vollständig umgesetzt. Ohnehin gilt es als ausgeschlossen, dass die Ukraine vor dem Ende des Ukraine-Kriegs EU-Mitglied wird. Denn dann könnte Kiew laut EU-Vertrag militärischen Beistand einfordern – und die EU wäre offiziell Kriegspartei. © Roman Pilipey/afp
Kosovo EU
Kosovo hat einen Mitgliedsantrag eingereicht, jedoch noch nicht den offiziellen Status eines Beitrittskandidaten erhalten. Das Land hat 2008 seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt. Die Freude darüber war damals bei den Menschen riesengroß. Das Bild macht auch deutlich, dass vor allem Menschen albanischer Herkunft im Kosovo beheimatet sind. Die Flagge Albaniens (links) ist ebenso zu sehen wie die des neuen Landes (hinten). Mehr als 100 Länder, darunter auch Deutschland, erkennen den neuen Staat an. Russland, China, Serbien und einige EU-Staaten tun dies aber nicht. Ohne die Anerkennung durch alle EU-Länder ist eine Aufnahme von Beitrittsverhandlungen aber nicht möglich.  © Dimitar Dilkoff/afp

Georgiens 2024 unter massivsten Protesten verabschiedete „Agentengesetz“ aus Putins Werkzeugkasten ist indes zur allgemeinen Überraschung nie in Kraft getreten, wie Malerius sagt. Ersetzen wird es nun eine noch schärfere Variante nach Vorbild des „FARA“-Gesetzes aus den USA. Im Gegensatz zur russischen Version erlaubt sie sogar die Inhaftierung von nicht-kooperierenden NGO-Vorsitzenden. Auch Georgiens Zivilgesellschaft hofft nun eindringlich auf schnelle Erfolgsgeschichten.

In Leipzig hatte Bakradze den Blick auch auf Deutschland gerichtet. Bislang habe Deutschland gar keine Außenpolitik gehabt, urteilte er. Nun sei sie aber „richtige Außenpolitik“ notwendig, etwa in Form von Sanktionen: Denn Georgien sei einerseits ein „Brückenkopf“ zwischen Europa und Asien. Zugleich aber teile es Werte – und könne zu einer wichtigen Erfolgsgeschichte werden. „Jetzt bildet sich eine neue Weltordnung vor unseren Augen“, erklärte Bakradze. „Und ich hoffe sehr, dass Europa erwacht. Denn es hat gerade nicht viele Erfolgsgeschichten zu vermelden.“ (fn)

Rubriklistenbild: © Montage: IMAGO/Sébastien Canaud/Zuma/Gavriil Grigorov

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