VonHannes Niemeyerschließen
Der Ukraine-Krieg fordert hohe Verluste, in Russland gibt es ein Rekrutierungsproblem. Ein Putin-Vertrauter ist deshalb sauer auf die „friedlichen Russen“ und kritisiert die Propaganda.
Donezk – Russland hat im längst eskalierten Ukraine-Konflikt den Hauptort des Geschehens seit einiger Zeit in den Osten des Landes verlagert. Das Ziel: Den Donbass um die Regionen Donezk und Luhansk vollständig unter Kreml-Kontrolle bringen. Die Angriffe von Putins Schergen laufen, seit Tagen gibt es intensive Kämpfe um die Stadt Sjewjerodonezk – die Gegend dort gilt als letzte noch ukrainisch kontrollierte Region in besagten Ost-Gebieten. Insgesamt soll laut Ukraine-Präsident Wolodymyr Selenskyj mittlerweile rund 20 Prozent der Landesfläche unter russischer Kontrolle stehen.
Was allerdings auch längst klar ist: Der Krieg geht schleichender voran, als sich das Machthaber Wladimir Putin sicherlich vorgestellt hat. Die Verluste auf beiden Seiten sollen hoch sein, auch wenn sich die kursierenden Zahlen nicht unabhängig überprüfen lassen. In der Kreml-Armee gibt es sowohl Berichte über Hochstimmung, als auch über Meuterei in den eigenen Reihen. Und nicht nur im Land der Kriegsschauplätze, auch in der russischen Bevölkerung wächst offenbar der Unmut. Das schlägt sich wohl auch auf die Rekrutierung neuer Soldaten im Land nieder – und macht einen Putin-Vertrauten demnach durchaus sauer.
Kreml-Vertrauter im Ukraine-Krieg wohl sauer auf „friedliche Russen“ – und auf die Putin-Propaganda
Wie nun eine gemeinnützige Forschungsorganisation für Politik mit dem Namen „Institute for the Study of War“ (ISW) aus den USA berichtet, sollen pro-russische Militärblogger frustrierte Stimmen über die limitierten Kriegsmittel des Landes gesammelt haben. Auch focus.de berichtet über die Beiträge. Unter den frustrierten Stimmen befindet sich demnach auch Pavel Gubarev, selbsternannter „Volksgouverneur der Oblast Donezk“. Laut Gubarev würde die eingeschränkte Mobilmachung der russischen Bevölkerung für den Krieg die Gesellschaft in zwei Gruppen spalten: Eine kleine, in den Krieg involvierte Gruppe sowie die „friedlichen Russen“, die sich vom russischen Angriffskrieg distanzieren und sich über die Einschränkungen durch die Sanktionen beklagen.
Jene „friedlichen Russen“ seien Gubarev allerdings ein Dorn im Auge. Laut dem ISW-Bericht soll der Bekannte von Wladimir Putin eben diesen Teil der Gesellschaft dafür kritisieren, dass sie keine Spenden für russische Ausrüstung gesammelt habe und aus Angst vor einer Wehrpflicht die Invasion blockieren würden. Gleichzeitig soll er auch dem Kreml vorgeworfen haben, durch die Propaganda über Siege der Russen in der Ukraine die allgemeine Kampfbereitschaft in der Bevölkerung zu mindern. Seiner Ansicht nach könne demnach eine Massenmobilisierung die Spaltung in der Gesellschaft aufhalten. Allerdings sei er sich auch sicher, dass russische Kommandeure nicht auf diesen Schritt zurückgreifen würden, da dieser möglicherweise hohe Verluste von nicht ausgebildeten Wehrpflichtigen zu bedeuten hätte, was man vermeiden wolle.
Putin-Vertrauter Gubarev wütet über Spaltung in der Gesellschaft – Experten erklären Phänomen
Laut ISW ist das, was Gubraev hier ärgert, übrigens ein offenbar gängiges Phänomen in Kriegszeiten. Bereits in den Kriegen der USA gegen den Irak und gegen Afghanistan sei es zu beobachten gewesen. Hier erhebe sich die Wut derjenigen, die persönlich oder durch ihre Familien direkt am Krieg beteiligt sind auf die, die von den reinen Kämpfen praktisch unberührt bleiben. Ein derartiger Groll könne demnach auch in einem ausschließlich aus Freiwilligen bestehenden Militär schnell wachsen. Da das russische Militär stark auf freiwillige Rekruten setzt, ist laut ISW durchaus anzunehmen, dass sich dieses Phänomen hier stark widerspiegle. „Diese Ressentiments können die Moral und den Willen zum Kampf sowie die Bereitschaft, sich freiwillig zum Militärdienst zu melden, untergraben“, schließen die Experten ihre Analyse.
Während sich die russische Gesellschaft offenbar spaltet, nähern sich andere an: Etwa bekräftigten nun China und Russland während der Ukraine-Krieg tobt ihr gemeinsames Bündnis. Neue Gerüchte gibt es derweil um die Gesundheit von Wladimir Putin.(han)
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