VonKathrin Reikowskischließen
Zehntausende Menschen werden in der Ukraine vermisst. Videos zeigen, wie einige aus der Gefangenschaft entlassen werden - sie tauchen trotzdem nicht wieder auf.
Saporischschja/München - Am 28. November brachten russische Truppen einen Kriegsgefangenen zu einem Kontrollpunkt, filmten, wie sie ihn in das ukrainisch kontrollierte Saporischschja abschoben. Der 22-jährige Student war im Ukraine-Krieg seit August in der Region Saporischschja gefangen gehalten worden - erreichte den ukrainischen Checkpoint aber nie. Das berichtet Kyiv Independent, die den Studenten im Bericht „Bohdan“ nennt. Er möchte seinen wahren Namen nicht veröffentlichen sehen, erzählte dem Portal aber, wie es ihm und anderen Gefangenen seit November ergangen ist. Unabhängig überprüfen ließen sich diese Angaben zunächst nicht.
International gesprochen wird vor allem über vermisste ukrainische Kinder, die nach Russland gebracht worden sein sollen. In diesem Zusammenhang erhob der Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag Anklage gegen Wladimir Putin.
Ukraine-Krieg: Gefangene werden gezwungen, Schützengräben für Russland auszuheben
„Ich kann Sie nicht gehen lassen. Sie haben unsere Stellungen gesehen“, bekam Bohdan laut Kyiv Independent zu hören, als er einen weiteren russischen Checkpoint erreichte. „Aber wir werden Ihnen eine Chance geben. Arbeiten Sie und Sie werden leben“, soll der Beamte gesagt haben. Für seine Familie galt Bohdan weiterhin als vermisst.
Noch am selben Tag hätten er und ein weiterer Zivilist Schaufeln ausgehändigt bekommen. Von früh morgens bis spät abends hätten sie, gemeinsam mit 18 anderen Personen, Schützengräben ausgehoben und in einem von den Bewohnern verlassenen Haus gewohnt. Die Frauen hätten Hausarbeiten für russische Soldaten ausführen müssen. Von einer Zukunft für sie sei nie die Rede gewesen.
„Ich wollte auf eine Mine springen, damit alles vorbei ist“, erzählte Bohdan. Er vermutet, dass sich die Zwangsarbeiter die ganze Zeit über etwa fünf Kilometer von ukrainischen Stellungen aufgehalten haben, mehrfach bekam er nach eigenen Angaben ukrainische Drohnen zu sehen. Frei ist er seit 16. März, über ein halbes Jahr nach seiner ersten Verhaftung - die genaueren Umstände blieben aus Sicherheitsgründen unveröffentlicht.
Ukraine-Krieg: Wie wird nach den Vermissten gesucht?
„In den letzten Monaten erreichten nur wenige Ukrainer, die vor laufender Kamera „entlassen“ wurden, tatsächlich einen ukrainischen Kontrollpunkt“, schrieb Dmytro Orlow, der im Exil lebende Bürgermeister der von Russland besetzten Stadt Enerhodar in der Oblast Saporischschja auf Telegram. Er spricht von etwa 200 vermissten Männern und Frauen in der Region. Bohdan sagt, er sei sich nicht sicher, ob die russische Regionalverwaltung von der Praxis wisse.
Schon vor dem 24. Februar 2022 galten Tausende Menschen in der Ostukraine als vermisst. Erst im Februar 2023 hatte die Internationale Kommission für Vermisste Personen (ICMP, Sitz in Den Haag) von „zehntausenden Vermissten“ gesprochen.
Nach vielen von ihnen wird gesucht: „Wenn es um Soldaten geht, sprechen wir viel mit Kameraden, die näher dran waren als alle anderen und die Personen vielleicht zum letzten Mal gesehen haben. Wir fragen immer nach Zeit, Ort und Umständen“, sagte Oleh Kotenko, der Vermisstenbeauftragte der Ukraine, in einem Interview mit der Zeit im September 2022. Er habe schon seit 2014 geholfen, Vermisste im Osten der Ukraine zu suchen und sei durch den russischen Angriff auf die Ukraine zu seinem offiziellen Amt gekommen.
Alle Methoden könne er nicht verraten, vielfach würden sie von Zivilisten unterstützt, außerdem würden Drohnen eingesetzt, um über Gefechtsbereiche zu fliegen. Er sagt: „Liegen Leichen auf der Straße, suchen wir später nach Gräbern. Liegen dort keine, wurde vermutlich jemand verhaftet und verschleppt.“ (kat)
