Ukrainische Gegenoffensive

Kreml-Kenner sicher: Putin schreckt aus Angst vor großem Schritt zurück

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Russlands Präsident Wladimir Putin (l.) gemeinsam mit Verteidigungsminister Sergei Schoigu. (Archivbild)
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Trotz der drohenden Gegenoffensive plant Putin offenbar keine erneute Mobilisierungswelle. Kreml-Kritiker Wladimir Milow will den Grund dafür kennen.

Washington D.C. (USA) –„Der Kreml hat große Angst vor einer potentiellen Destabilisierung“, sagt Wladimir Milow, russischer Ökonom und Oppositionspolitiker. In einer Diskussion der Denkfabrik Atlantic Council (Washington D.C.) schilderte er seine Erwartungen an die Frühjahrsoffensive der Ukraine. Das größte Problem von Wladimir Putin sei die Qualität seiner Streitkräfte, so der Kreml-Kenner. Und daher stelle sich die Frage, warum Putin noch immer keine zweite Mobilisierungswelle gestartet habe.

Wie viele Soldatinnen und Soldaten der russischen Armee seit dem Angriff auf die Ukraine bereits gefallen sind oder verletzt wurden, lässt sich schwer einschätzen. Es lässt sich nur erahnen, dass bereits mehrere Zehntausend Menschen ihr Leben verloren haben müssen. Nach Angaben des Söldner-Chefs Jewgeni Prigoschin seien alleine bei der Gruppe Wagner bereits etwa 10.000 von 50.000 als Kämpfer rekrutierten Strafgefangenen getötet worden. Unter den professionellen Wagner-Söldnern sei die Todesrate ähnlich hoch. Zahlen dazu nannte Prigoschin nicht. Aber er sagte: „Es gibt jetzt zehntausende von Angehörigen getöteter Kämpfer. Es werden wahrscheinlich hunderttausende werden. Das kann man nicht verheimlichen.“ Auch am Dienstag meldet die Ukraine einen „verheerenden Schlag“ gegen die russischen Streitkräfte.

Kreml-Kenner Milow: Putin hat Angst vor weiterer Destabilisierung

„Die zweite Mobilisierung wurde ab dem Zeitpunkt der ersten Mobilisierung erwartet“, sagte Milow. „Aber sie passierte nicht.“ Für ihn steht fest: „Für die bevorstehende Gegenoffensive der Ukraine käme dieser Schritt auch zu spät, weil das Anlernen neuer Soldaten lange dauert. Sie wären damit nicht vor September bereit für den Kampfeinsatz, und momentan nutzlos.“

In erster Linie würde Putin keine neuen Soldaten rekrutieren, weil der Kreml nicht zufrieden gewesen sei mit der Reaktion auf die erste Mobilisierungswelle für den Ukraine-Konflikt innerhalb Russlands. „Die öffentliche Unterstützung ging seit der Mobilisierung deutlich zurück. Es hat sich zwar wieder etwas stabilisiert, aber der Kreml hat große Angst vor einer weiteren Destabilisierung.“

Kreml-Kenner: Weitere Mobilisierung nicht gut für Russlands Wirtschaft

Hinter dem Zögern des Kreml stehe auch eine wirtschaftliche Überlegung. Durch die Mobilisierung hätten „mindestens Hunderttausende“ das Land verlassen. „Wenn man all die ökonomischen Einschätzungen dieser Tage liest, dann ist dieses Wenigerwerden von Arbeitskräften ein großes Problem für die Wirtschaft in Russland.“ Darüber hinaus sei die „Qualität“ der Rekrutierten so schlecht. Aus Kreml-Sicht sei eine weitere Mobilisierung möglicherweise nicht das Risiko wert, dass man nochmal die öffentliche Unterstützung und den Verlust von Arbeitskräften einbüßen könnte. Eine neue Mobilisierung würde nur aus Verzweiflung passieren, prognostizierte Milow.

Ukraine-Krieg reicht jetzt bis nach Moskau: Fotos zeigen den Schaden durch Drohnen-Angriffe

Mehrere Wohngebäude werden geringfügig beschädigt, zwei Menschen leicht verletzt.
Am frühen Dienstagmorgen meldete die russische Hauptstadt verschiedene Drohnenangriffe. © IMAGO/Vitaly Smolnikov/Tass
Russlands Verteidigungsministerium machte die Ukraine dafür verantwortlich und spricht von „Terror“. Die Führung in Kiew weist die Beschuldigungen zurück.
Russlands Verteidigungsministerium machte die Ukraine dafür verantwortlich und spricht von „Terror“. Die Führung in Kiew weist die Beschuldigungen zurück. © IMAGO/Vitaly Smolnikov/Tass
Mitarbeiter des Rettungsdienstes nach einem gemeldeten Drohnenangriff in Moskau, Russland, vor einem Wohnblock.
Mitarbeiter des Rettungsdienstes nach einem gemeldeten Drohnenangriff in Moskau, Russland, vor einem Wohnblock. © IMAGO/Aleksey Nikolskyi/SNA
„Heute Morgen hat das Kiewer Regime einen Terrorakt mit unbemannten Flugkörpern auf Objekte der Stadt Moskau verübt“, hieß es vom russischen Militär.
„Heute Morgen hat das Kiewer Regime einen Terrorakt mit unbemannten Flugkörpern auf Objekte der Stadt Moskau verübt“, hieß es vom russischen Militär.  © IMAGO/Alexander Zemlianichenko Jr/Xinhua
Verteidigungsminister Sergej Schoigu lobte die eigene Flugabwehr. Insgesamt seien acht Drohnen zerstört worden.
Verteidigungsminister Sergej Schoigu lobte die eigene Flugabwehr. Insgesamt seien acht Drohnen zerstört worden. © Tass/IMAGO/Vitaly Smolnikov
Nach den Drohnen-Angriffen sperrten Sicherheitskräfte die Gegend ab.
Nach den Drohnen-Angriffen sperrten Sicherheitskräfte die Gegend ab. © IMAGO/Denis Bocharov
In sozialen Netzwerken hingegen vermuten viele, dass in Wirklichkeit viel mehr der kleinen Apparate - die optisch etwas wie Mini-Flugzeuge aussehen - auf Moskau zuflogen.
In sozialen Netzwerken hingegen vermuten viele, dass in Wirklichkeit viel mehr der kleinen Apparate - die optisch etwas wie Mini-Flugzeuge aussehen - auf Moskau zuflogen. © IMAGO/Alexander Zemlianichenko Jr/Xinhua
Seit Wochen schon häufen sich Attacken auch in Russland - meist jedoch in der unmittelbaren Grenzregion zur Ukraine und nicht auf zivile Objekte.
Seit Wochen schon häufen sich Attacken auch in Russland - meist jedoch in der unmittelbaren Grenzregion zur Ukraine und nicht auf zivile Objekte.  © IMAGO/Alexander Zemlianichenko Jr/Xinhua
Es war aber nicht das erste Mal seit Beginn des Kriegs vor mehr als 15 Monaten, dass Drohnen bis in die Hauptstadt flogen.
Es war aber nicht das erste Mal seit Beginn des Kriegs vor mehr als 15 Monaten, dass Drohnen bis in die Hauptstadt flogen. © IMAGO/Alexander Zemlianichenko Jr/Xinhua
Erst Anfang Mai wurden zwei Flugkörper unmittelbar über dem Kreml abgefangen. Das brachte spektakuläre Bilder.
Erst Anfang Mai wurden zwei Flugkörper unmittelbar über dem Kreml abgefangen. Das brachte spektakuläre Bilder. © IMAGO/Alexander Zemlianichenko Jr/Xinhua
Damals wurde aus Sicht der Moskauer aber nicht das Dach des eigenen Gebäudes getroffen, sondern der Amtssitz von Präsident Wladimir Putin - und der war zum besagten Zeitpunkt nicht zuhause.
Damals wurde aus Sicht der Moskauer aber nicht das Dach des eigenen Gebäudes getroffen, sondern der Amtssitz von Präsident Wladimir Putin - und der war zum besagten Zeitpunkt nicht zuhause. © IMAGO/Alexander Zemlianichenko Jr/Xinhua
Nun aber ist die Verunsicherung in der Riesenmetropole mit mehr als 13 Millionen Einwohnern groß. Die sozialen Netzwerke quellen über.
Nun aber ist die Verunsicherung in der Riesenmetropole mit mehr als 13 Millionen Einwohnern groß. Die sozialen Netzwerke quellen über. © IMAGO/Vitaly Smolnikov/Tass

Aus dem Umfeld der Armee höre man, dass die in der Ukraine stationierten Truppen eine schlechte Kampfmoral und große Angst vor der ukrainischen Gegenoffensive hätten, auch, weil spezialisierte Kräfte fehlten. Stark sei dagegen die Luftwaffe Russlands. Milow warnt die Alliierten im Ukraine-Krieg allerdings auch: Man dürfe man nicht den Fehler machen, die Ukraine zu Schritten zu drängen, die Ukraine brauche Zeit. (kat)

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