VonKathrin Reikowskischließen
Trotz der drohenden Gegenoffensive plant Putin offenbar keine erneute Mobilisierungswelle. Kreml-Kritiker Wladimir Milow will den Grund dafür kennen.
Washington D.C. (USA) –„Der Kreml hat große Angst vor einer potentiellen Destabilisierung“, sagt Wladimir Milow, russischer Ökonom und Oppositionspolitiker. In einer Diskussion der Denkfabrik Atlantic Council (Washington D.C.) schilderte er seine Erwartungen an die Frühjahrsoffensive der Ukraine. Das größte Problem von Wladimir Putin sei die Qualität seiner Streitkräfte, so der Kreml-Kenner. Und daher stelle sich die Frage, warum Putin noch immer keine zweite Mobilisierungswelle gestartet habe.
Wie viele Soldatinnen und Soldaten der russischen Armee seit dem Angriff auf die Ukraine bereits gefallen sind oder verletzt wurden, lässt sich schwer einschätzen. Es lässt sich nur erahnen, dass bereits mehrere Zehntausend Menschen ihr Leben verloren haben müssen. Nach Angaben des Söldner-Chefs Jewgeni Prigoschin seien alleine bei der Gruppe Wagner bereits etwa 10.000 von 50.000 als Kämpfer rekrutierten Strafgefangenen getötet worden. Unter den professionellen Wagner-Söldnern sei die Todesrate ähnlich hoch. Zahlen dazu nannte Prigoschin nicht. Aber er sagte: „Es gibt jetzt zehntausende von Angehörigen getöteter Kämpfer. Es werden wahrscheinlich hunderttausende werden. Das kann man nicht verheimlichen.“ Auch am Dienstag meldet die Ukraine einen „verheerenden Schlag“ gegen die russischen Streitkräfte.
Kreml-Kenner Milow: Putin hat Angst vor weiterer Destabilisierung
„Die zweite Mobilisierung wurde ab dem Zeitpunkt der ersten Mobilisierung erwartet“, sagte Milow. „Aber sie passierte nicht.“ Für ihn steht fest: „Für die bevorstehende Gegenoffensive der Ukraine käme dieser Schritt auch zu spät, weil das Anlernen neuer Soldaten lange dauert. Sie wären damit nicht vor September bereit für den Kampfeinsatz, und momentan nutzlos.“
In erster Linie würde Putin keine neuen Soldaten rekrutieren, weil der Kreml nicht zufrieden gewesen sei mit der Reaktion auf die erste Mobilisierungswelle für den Ukraine-Konflikt innerhalb Russlands. „Die öffentliche Unterstützung ging seit der Mobilisierung deutlich zurück. Es hat sich zwar wieder etwas stabilisiert, aber der Kreml hat große Angst vor einer weiteren Destabilisierung.“
Kreml-Kenner: Weitere Mobilisierung nicht gut für Russlands Wirtschaft
Hinter dem Zögern des Kreml stehe auch eine wirtschaftliche Überlegung. Durch die Mobilisierung hätten „mindestens Hunderttausende“ das Land verlassen. „Wenn man all die ökonomischen Einschätzungen dieser Tage liest, dann ist dieses Wenigerwerden von Arbeitskräften ein großes Problem für die Wirtschaft in Russland.“ Darüber hinaus sei die „Qualität“ der Rekrutierten so schlecht. Aus Kreml-Sicht sei eine weitere Mobilisierung möglicherweise nicht das Risiko wert, dass man nochmal die öffentliche Unterstützung und den Verlust von Arbeitskräften einbüßen könnte. Eine neue Mobilisierung würde nur aus Verzweiflung passieren, prognostizierte Milow.
Ukraine-Krieg reicht jetzt bis nach Moskau: Fotos zeigen den Schaden durch Drohnen-Angriffe




Aus dem Umfeld der Armee höre man, dass die in der Ukraine stationierten Truppen eine schlechte Kampfmoral und große Angst vor der ukrainischen Gegenoffensive hätten, auch, weil spezialisierte Kräfte fehlten. Stark sei dagegen die Luftwaffe Russlands. Milow warnt die Alliierten im Ukraine-Krieg allerdings auch: Man dürfe man nicht den Fehler machen, die Ukraine zu Schritten zu drängen, die Ukraine brauche Zeit. (kat)
