Gefangenenaustausch zeugt von Putins KGB-Vergangenheit – Vorbild für Ukraine-Frieden?
VonStephanie Munk
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Der Gefangenenaustausch zwischen Russland, USA und Deutschland ist wohl auch das Ergebnis von Putins KGB-Vergangenheit. Dient er als Vorbild für Verhandlungen im Ukraine-Krieg?
Moskau/Washington/Berlin – Es war der erstaunlichste Gefangenenaustausch seit dem Fall der Berliner Mauer: Russland, die USA und Deutschland schmiedeten offenbar über Jahre hinweg an einem Dreierdeal. In Russland inhaftierte Oppositionelle kamen im Gegenzug zu russischen Häftlingen frei. Der bekannteste unter ihnen ist der russische Auftragsmörder Wadim Krassikow, der 2019 im Berliner Tiergarten einen Tschetschenen erschossen haben soll.
Viele fragen sich seitdem: Wie war das Zustandekommen des Gefangenenaustauschs überhaupt möglich? Die Gesprächskanäle zwischen Russland und dem Westen scheinen seit Putins Invasion in der Ukraine dicht, die Fronten erstarrt. Und doch liefen im Hintergrund offenbar erfolgreiche Gespräche, Verhandlungen, Lösungsversuche zwischen den verfeindeten Staaten.
Gefangenenaustausch mit Russland zeuge von Putins KGB-Vergangenheit
Die New York Times (NYT) kommt in einer Analyse zum Schluss, dass der Gefangenenaustausch von Putins unerschöpflicher Loyalität gegenüber den Geheimdiensten zeugt. Und: Dass die erfolgreichen Verhandlungen ein Beweis dafür sind, dass der russische Despot nie aufgehört hat, ein Dealmaker zu sein.
Das US-Blatt bezieht sich auf ein Gespräch mit dem bekannten russischen Menschenrechtsaktivisten Oleg Orlow, der bei dem Austausch ebenfalls freikam. Orlow ist Gründer der russischen Menschenrechtsorganisation „Memorial“ und untersuchte viele Jahre lang Verbrechen des sowjetischen und russischen Geheimdienstes.
In einem Telefoninterview vier Tage nach seiner Ankunft in Köln sagte er, der Gefangenenaustausch habe nur geschehen können, weil „Putin ein KGB-Mann“ sei. Der heutige russische Präsident Wladimir Putin war von 1985 bis 1989 als KGB-Offizier in Dresden stationiert. Ab 1998 war er Direktor des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB.
Putin sei Loyalität zu Geheimdiensten wichtiger als politisches Risiko
Putin sei die Loyalität zu den Geheimdiensten bis heute wichtiger als das politische Risiko, das er mit der Freilassung von Oppositionellen eingehe, so Orlow. Dass heimkehrende russischen Spione nach ihrer Rückkehr in Moskau wie Helden gefeiert und von Putin auf dem roten Teppich mit Blumen empfangen wurden, zeuge von dieser Haltung.
Das russische Staatsfernsehen konzentrierte sich danach in seiner Berichterstattung vor allem auf ein russisches Paar, die als Spione in Slowenien gearbeitet hatte. Es tarnte sich als argentinisches Paar und ging dabei so weit, dass es ihre Kinder als Katholiken auf Spanisch erzog. Im russischen Staats-TV wird dies laut NYT als Heldengeschichte inszeniert, der „angebliche Patriotismus und die Opferbereitschaft“ der russischen Agenten werde unablässig gewürdigt.
Putin sei nach wie vor an Geschäften und Deals mit dem Westen interessiert
Der Gefangenenaustausch zeuge außerdem davon, dass Putin nach wie vor ein Dealmaker sei – und seien die Spannungen mit denen, mit denen er Geschäfte macht, auch noch so groß. Spionage bedeute, auch mit Gegnern Geschäfte zu machen, sei laut NYT die zentrale Botschaft des Kreml nach dem Gefangenenaustausch.
Putins Zirkel der Macht im Kreml – die Vertrauten des russischen Präsidenten
In diese Richtung zielt auch ein Beitrag von Dimitri Medwedew, Ex-Präsident und wichtiges Sprachrohr von Putins Propaganda, nach dem Gefangenenaustausch auf seinem Telegram-Kanal. Er zollte dem Deal, den die Geheimdienste machten, Respekt: „Das war ein sehr hartes Schachspiel, das nach den besten Lehrbüchern gespielt wurde“, schrieb Medwedew, sowie „das Ergebnis der filigranen Arbeit unserer Abteilungen und ihrer ausländischen ‚Partner‘“.
Putin bestand darauf, dass Geheimdienste über Gefangenenaustausch verhandeln
Russland hat bei den Verhandlungen mit dem Westen offenbar darauf bestanden, dass nicht Politiker und Diplomaten, sondern die Geheimdienste die Federführung übernehmen, sagten beteiligte westliche Beamte unter der Bedingung der Anonymität zur NYT. Die CIA habe die Verhandlungen für die USA geleitet, Putin habe sich hauptsächlich auf den FSB verlassen. Auf deutscher Seite verhandelte laut Zeit der Bundesnachrichtendienst. Dies hätten der deutsche Kanzler Olaf Scholz und US-Präsident Joe Biden im Frühjahr 2024 vereinbart.
Das erste Treffen der drei Geheimdienste fand demnach in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad statt, das zweite in der Türkei. Die Gespräche der Geheimdienst-Experten seien „dem Vernehmen nach sachlich und konstruktiv abgelaufen“ und hätten „nur rund vier Wochen gedauert“. Die Zeit kommt zum Schluss, die Russen seien „so verblüffend verlässlich wie ein Uhrwerk.“ gewesen.
Gespräche zum Gefangenenaustausch als Vorbild für Verhandlungen zum Ukraine-Krieg?
Auch wenn die Gespräche zum Austausch der Gefangenen auf der Ebene der Geheimdienste und nicht der Staatsführung stattgefunden hätten, sei sie er „erste belastbare Kontakt zwischen der russischen und deutschen Regierung“ seit Ausbruch des Ukaine-Kriegs, schreibt die Zeit. Einige Analysten würden laut New York Times nun darüber spekulierten, ob „ein ähnlicher Ansatz geheimer Gespräche zwischen Geheimdiensten auch zu einem Waffenstillstand in der Ukraine führen könnte“.
Die westlichen Beamten, mit denen das US-Blatt sprach, sehen dafür allerdings keine Chance: Der Gefangenenaustausch letzte Woche sei „das Ergebnis einer seltenen Interessenüberschneidung zwischen Washington, Berlin und Moskau“. Was den Ukraine-Krieg betreffe, sei man „noch viel weiter voneinander entfernt“. (smu)