Vielleicht nur gut für die Parade Russische Panzer des Typs T-90 rollen auf den Roten Platz zur Feier des 71. Jahrestages des Sieges über das nationalsozialistische Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Im Ukraine-Krieg bleiben sie hinter den Erwartungen zurück.
Die Vorwürfe gegen den T-90 ebben nicht ab. Ihm fehlen Teile, und die Elektronik ist unzuverlässig. Putins Panzer beeindrucken die Ukraine immer weniger.
Moskau – „Der Kampfpanzer T-72 aus der Sowjetzeit beweist im Ukraine-Krieg weiterhin seinen Wert“, schreibt Brandon J. Weichert im Magazin National Interest. Eine für diesen und einen nächsten Krieg immer wieder wichtige Erkenntnis, weil der Kampfwert der Fahrzeuge sinkt, je jüngeren Baujahres beziehungsweise je moderner sie sind. Der T-90-Kampfpanzer von Wladimir Putins Invasionstruppen steht erneut in der Kritik.
Er würde in der Ukraine in Stücke gerissen, schreibt Isaac Seitz. Der Autor des Magazins 19fortyfive kritisiert das Rüstungsgut vor allem deshalb, weil der Kampfpanzer offenbar weit hinter den Erwartungen Wladimir Putins für diesen Krieg zurückgeblieben ist. Seitz fragt, ob das den konstruktiv bedingten Nachteilen des Panzers geschuldet ist, beispielsweise dem Autolader mit der im Turm verstauten Munition, oder den verheerenden Fehlern durch die russische Führung.
Putins Albtraum: Leistung des T-90-Kampfpanzers ist während des Krieges immer wieder kritisiert worden
Immerhin hatte Peter Suciu diesen Panzer-Typ bereits eingangs des Ukraine-Kriegs verspottet – der Autor von 19fortyfive bemängelte, dass Putins Vorzeige-Panzer offenbar lediglich aufgrund von Nato-Teilen einsatzfähig sein würde. Ein durch die Ukraine erbeutete T-90-Panzer hat offenbart, dass der Kreml offenbar Teile des französischen Rüstungskonzerns Thales verbaut hatte. Thales liefert beispielsweise auch Feuerleitsysteme für deutsche Kriegsschiffe.
„Panzer sowjetischer Bauart sind kleinere Ziele, die schwerer zu treffen und leichter zu verstecken sind. Die geringere Größe bedeutet einen geringeren Materialbedarf, sodass Russland mehr Panzer produzieren kann.“
Einer der Gründe dafür liegt darin, dass sich wohl der Turm des T-90 unkontrolliert zu drehen begonnen hatte und die Besatzung der Chance der Gegenwehr beraubte. Der Turm des Kampfpanzers drehte sich so lange, bis das Rohr an einem Baum hängengeblieben war, schreibt der Standard. „Damals war aber noch davon ausgegangen worden, dass eventuell die Besatzung in Panik geriet oder verwundet wurde, dass also ein menschlicher Fehler die eigenartige Drehbewegung hervorgerufen hat.“
Ukraine-Krieg: Panzer als Rammböcke, als Ankerpunkte für die Infanterie oder als Artillerieeinsatz
Diese Fehlsteuerung tauchte dann offenbar noch häufiger auf; auch der Verdacht, dass sich das auf menschliches Versagen, beispielsweise des Richtschützen zurückführen ließe – aber das soll wohl keine Ursache sein, schreibt der Standard. Eher ein Versagen des Feuerleitsystems. Vermutlich. Offenbar liegt die Ursache dieses Fehlers in einer beschädigten Optik, die möglicherweise dem Feuerleitsystem falsche Signale zusteuert und die Türme ins Rotieren bringt. Eine zweite Möglichkeit sieht das Medium im Laserwarnsystem, das reagiert, wenn das Fahrzeug mit einem Laser markiert wird und dann auch dorthin die Kanone ausrichtet. Auch das könne, laut Standard, nach einer Fehlfunktion die Turmrotation auslösen.
Grundsätzlich wird der T-90 im Rahmen des Ukraine-Krieges eher von Fehler-, denn von Erfolgsmeldungen begleitet. Die russische Panzerwaffe hat den Ukraine-Krieg weniger dominiert, als sich das Strategen nach dem Kalten Krieg hätten vorstellen können – weswegen auch die Panzerverbände in vielen Ländern auch drastisch verschlankt wurden.
Dem Panzer wird seine neue Rolle noch auf Leib zu schneidern sein – wobei der Krieg asymmetrischer werden wird, aber auch in seiner klassischen Form vital bleibt, wie Ralf Raths erklärt – der Historiker ist Direktor des Deutschen Panzermuseums in Munster: „Die Zeit der Panzerschlachten und operativen Durchbrüche ist da zwar vorbei. Aber angesichts der Panzernutzung in der Ukraine oder in Syrien wird schnell deutlich, dass die Panzer stattdessen zu ihrer ursprünglichen Rolle zurückkehren: Sie werden vermehrt in geringer Zahl und im taktischen Kontext eingesetzt: Als Rammböcke in kleinen Gefechten, als Ankerpunkte für die Infanterie oder als Artillerieeinsatz über lange Distanzen im Direktfeuer“, sagte er der Welt.
Russlands Panzer-Krise: Offenbar wird der T-90 im Zuge des Ukraine-Krieges mehr und mehr zum Stückwerk
Möglicherweise werden auch die Panzerwaffen weniger strukturiert eingesetzt, als sich die militärischen Führer beider Seiten das vorgestellt hatten – offenbar muss viel improvisiert werden. Noch Ende des vergangenen Jahres berichtete das Magazin Defense Express von Panzern, die aus Teilen von T-80 und T-90 zusammengeschweißt worden waren, um zumindest ein funktionsfähiges Kampffahrzeug aus der Instandsetzung herauszubekommen. Russische Panzer, die auch von der Ukraine eingesetzt werden, sind klein, leicht, und ihr Verlust leicht zu verschmerzen. Das galt in der Sowjetunion mitunter sogar für die Besatzungen. Die Ostblock-Panzer seien Einweg-Ware, Wegwerf-Panzer. Das unterscheide sie von den in der Nato verwendeten Modelle, sagt Museumsdirektor Raths.
Was allerdings keine Erklärung liefert für die grundsätzlich schlechte Darbietung des modernen russischen Panzers an den ukrainischen Fronten. Offenbar wird der T-90 im Zuge des Ukraine-Krieges mehr und mehr zum Stückwerk, solange keine modernen Baugruppen nachgeschoben werden können – wie beispielsweise für Optiken. „Russlands modernster Panzer hat im Zuge der US-Sanktionen sein Laservisier verloren“, schreibt Jordan King. Der Newsweek-Autor bezieht sich auf Aussagen vor allem zweier Militäranalysten: Ein „Zermürbungseffekt“ der Sanktionen sei daran auszumachen, „dass die T-90M-Panzer nicht länger mit Mündungsreferenzsensoren ausgestattet sind“, erklärte Jack Watling vom britischen Thinktank Royal United Services Institute (RUSI), gegenüber der Washington Post.
Gegenüber dem Blatt äußerte sich auch Militäranalyst Michael Gjerstad: Diese lasergesteuerten Optiken für den präzisen Schuss seien „auf mysteriöse Weise“ aus den T-90M verschwunden, urteilte der Forscher des International Institute for Strategic Studies (IISS). Wahrscheinlich ist das auf die Sanktionen bezüglich von Halbleitern zurückzuführen. Allerdings hatte das Magazin Foreign Policy Anfang vergangenen Jahres berichtet, dass noch in 2023 die Sanktionen durch die westlichen Länder lediglich zu einem Rückgang der Importe „von Komponenten, die als kritisch für das Schlachtfeld gelten, in den ersten zehn Monaten des Jahres 2023 im Vergleich zum Vorkriegsniveau nur um zehn Prozent zurückgegangen sind“, wie Amy Mackinnon geschrieben hatte.
Hohe Verluste: T-90 mit unerfahrener Besatzung werden zu einer leichten Beute für Panzerabwehrwaffen
Russlands Zufuhr von kriegswichtiger Technik ist insofern lediglich gedrosselt worden, aber kaum zum Versiegen gelangt. Insofern bleibt abseits der technischen Ausstattung des einzelnen Panzers der Vorteil der russischen Bauweise gegenüber der westlichen erhalten. Russische Panzer sind insgesamt kleiner, kompakter und sehr viel mobiler als ihre westlichen Pendants; dafür bieten sie weniger Schutz und Feuerkraft. Bemannt mit einer unerfahrenen Besatzung werden sie daher zu einer leichten Beute für jede Art von Panzerabwehrwaffen – von der schultergestützten Javelin-Rakete über die Drohne bis zum Beschuss durch gegnerische Panzer.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Das Magazin Forbes hatte bereits Ende 2023 geurteilt, dass Kostensenkungen bei Modernisierungen Russlands Prunkstück zum Reinfall machten. Offenbar fährt Russland grundsätzlich besser als der Westen mit dem Prinzip der militärischen Zweckmäßigkeit, so dass Panzer der Sowjetzeit wie der T-54 und T-55 wieder Konjunktur haben. Russland verfolgt also weiterhin erfolgreich seine Retro-Philosophie, wonach weniger mehr ist, wie auch Chris Panella im Magazin Business Insider aktuell nochmals deutlich macht.
„Panzer sowjetischer Bauart sind kleinere Ziele, die schwerer zu treffen und leichter zu verstecken sind. Die geringere Größe bedeutet einen geringeren Materialbedarf, sodass Russland mehr Panzer produzieren kann.“