Putins Propaganda mit ihren eigenen Zitaten schlagen – (fast) ein Handbuch
VonFlorian Naumann
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In wirren Zeiten braucht es Argumente. Helmut Brandstätter liefert in „Trump, Putin und ihre Marionetten“ so einige. Eine Rezension.
Und mögen die Fakten auch noch so klar sein – in fast jeder Familie, in jedem Freundeskreis gibt es jemanden, der behauptet: Russland verteidige sich im Ukraine-Krieg nur, die NATO habe Wladimir Putin in die Eskalation getrieben. Auch in (fast) jedem Parlament gibt es diese Menschen. Unterm Strich bleibt zumindest der Versuch, einen blutigen Krieg in Europa zu rechtfertigen. Wenn nicht gar offene Bewunderung für einen auch im eigenen Land brutal agierenden Diktator.
Die Gegenüber bleiben dann oft sprachlos zurück. Helfen könnte ihnen ein neues Buch: „Trump, Putin und ihre Marionetten“ (Kremayer & Scheriau, 26 Euro). Geschrieben hat es der langjährige Journalist und heutige liberale Europa-Abgeordnete Helmut Brandstätter. Zu erahnen ist, dass auch der Österreicher angesichts der Entwicklungen in Europa bisweilen fassungslos ist. Aber eben nicht sprachlos. Das Buch greift von den Anfängen des Rechtspopulismus (bei Jörg Haider in Österreich, meint Brandstätter) bis in den Sommer 2025. Nicht zuletzt aber liefert es Faktenarbeit am Propaganda-Output des Kreml.
Die „russische Welt“: Offizielles Konzept – laut ihrem Erfinder „ohne Grenzen“
Denn Putins Sprachrohre, Propagandisten und Stichwortgeber widerlegen alle Rechtfertigungen regelmäßig selbst, wie Brandstätter dokumentiert. Er zitiert etwa Alexander Dugin, Putins düsteren „Philosophen“. „Töten, töten, töten“ müsse man ukrainische Menschen, schrieb der schon 2014 auf Twitter, lange vor der Vollinvasion. Aber nach dem Euromaidan, jenem Moment, in dem sich in Kiew massiver Protest gegen die Abwendung von der EU Bahn brach – als sich die Ukraine Russlands Griff entzog und auf der Krim und im Donbass der Feldzug des Kreml begann.
Überhaupt, der Maidan: Russland behauptet, es habe sich um eine ausländische Verschwörung gehandelt. Aber wie CIA, die EU-Kommission oder George Soros die Proteste hätten organisieren sollen, „das kann niemand beantworten“, konstatiert Brandstätter. Wie schwierig derartige Unterfangen sind, weiß der Kreml eigentlich selbst. Im kleinen Moldau gibt es Belege für russische Geldzahlungen für Teilnehmer an Regierungsprotesten. Über überschaubare Grüppchen von teils offensichtlich auf Hauptstadttourismus gegangenen Menschen – wie Beobachter vor Ort erzählen – kamen die nie hinaus.
Putins Zirkel der Macht im Kreml – die Vertrauten des russischen Präsidenten
Brandstätter zeigt auch: Wer meint, Russland werde sich nach Verhandlungen mit einem Stück Ukraine zufriedengeben, erfährt aus den Sprachrohren des Kremls etwas anderes. Wladislaw Surkow, von 2013 bis 2020 enger Berater Putins, sprach erst im März 2025 im französischen Wochenmagazin L‘Express offen, wie Brandstätter notiert. Er habe das – auch von Putin zitierte – Konzept der „russischen Welt“ entwickelt, rühmte sich Surkow. Und diese russische Welt habe „keine Grenzen“: „Wir breiten uns in alle Richtungen aus, so weit, wie Gott das will.“ Neue Marschrouten dürfte es kaum geben. Bekannt ist, dass im Umfeld des Kremlchefs mäßigende Stimmen einen schlechten Stand haben. Zuletzt verschwand mit Dmitri Kosak ein Kritiker des Ukraine-Kriegs aus seinem Amt.
All das lässt sich nachrecherchieren und belegen. Eine Quelle für Brandstätters Beobachtungen ist auch Russlands Staatsfernsehen. Die – oft von der US-Journalistin Julia Davis dokumentierten – Sendungen bieten einigen Aufschluss. Zu den größten Hetzern gehört Wladimir Solowjow, Drohungen gegen Europa finden sich reichlich. „Diesem Solowjow wurden von Putin alle denkbaren Orden überreicht“, schreibt Brandstätter. Wären die Attacken nicht in Putins Sinne, „würde der Moderator anders reden – oder gar nicht mehr“.
Europa gemeinsamer „Feind“ Putins und Trumps? Kreml-Echos überall
Hinzu kommen die USA. „Wir haben denselben Feind: das satanische Europa und die satanische EU“, sagte Solowjow. Über eine ganze Seite dokumentiert Brandstätter, wie oft Donald Trump zuletzt nahezu wortgleich Propaganda des Kreml wiederholte. Unklar nur, warum Trump das tut – eine handfeste Antwort liefert auch das Buch nicht. Einfacher zu lesen ist nach Brandstätters Ansicht Trumps Ex-Kumpan Elon Musk. Der wünsche sich neben einer AfD-Regierung Deutschland als Partner Russlands – was aus Musks Sicht „ökonomisch gut und der Beginn des Zerfalls der EU wäre“. Trumps Haltung ist ebenfalls bekannt: Die EU sei nur gegründet worden, um die USA zu übervorteilen.
Wenig Hoffnung macht auch Brandstätters Überblick über Echos und Verstärker Putins und Trumps in Deutschland, Österreich, Ungarn oder Serbien. Aber die Lektüre zeigt diese Querverbindungen. Und sie erinnert an Gründe, den Freunden der Autokraten die Fakten entgegenzuhalten. „Wenn ich mit jungen Menschen rede, sage ich ihnen: ‚Schaut, ihr habt all die Möglichkeiten, ihr könnt woanders arbeiten, leben, studieren, euch verlieben‘“, sagt Brandstätter im Interview mit Ippen.Media. „Das ist für mich Europa. Und das müssen wir jetzt verteidigen.“
Inspirierend wirken kann auch das im Buch natürlich vertretene Beispiel der Ukraine und ihres Abwehrkampfes gegen Russland. Im Großen und Ganzen gilt, was Jewgeni Prigoschin, einst Chef der Söldnergruppe Wagner, 2023 bitter über Russlands „Spezialoperation“ konstatierte: „Wir haben aus der Ukraine eine Nation gemacht, die jetzt überall auf der Welt bekannt ist. Und was die Demilitarisierung betrifft, die hatten zu Beginn 500 Panzer, jetzt haben sie 5000.“ (Quellen: „Trump, Putin und ihre Marionetten“, eigene Recherchen, Gespräch mit Helmut Brandstätter)