Leitartikel

Queerpolitik in Deutschland: Für grundlegende Werte

  • schließen

Schwarz-Rot ignoriert lieber die Rechte queerer Menschen, statt sich für sie einzusetzen. Sich solidarisch zu zeigen, ist aber keine parteipolitische Frage.

Berlin – Mit der rot-schwarzen Bundesregierung geraten queere Anliegen in den Hintergrund. Sofern die SPD den Konflikt mit der Union aufnimmt, dann wohl kaum bei LGBTQI-Themen.

Die Debatte um die Regenbogenflagge zum Berliner Christopher Street Day veranschaulicht dieses Rollback. Seit 2022 war das Hissen der Fahne auf dem Parlament Usus, doch in diesem Jahr ist Schluss. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner hat es untersagt und Kanzler Friedrich Merz meinte, der Bundestag sei kein Zirkuszelt, auf dem man beliebig Fahnen hisse. Außerdem darf das queere Regenbogennetzwerk der Bundestagsverwaltung in diesem Jahr nicht auf der CSD-Parade vertreten sein – auch das hat Klöckner verboten.

Queerpolitik in Deutschland: Schwarz-Rot begeht großen Fehler

Queere Menschen dürfen nicht aus dem öffentlichen Raum verdrängt werden. Wir leben in Zeiten, in der so mancher CSD unter Polizeischutz stattfinden muss und queerfeindliche Gewalt zunimmt. Gerade deshalb hat das Land Berlin im Bundesrat einen Antrag zur Grundgesetzänderung gestellt, damit queere Menschen endlich auch im Artikel 3 im Diskriminierungsschutz erwähnt werden. Doch die Union blockt. Und die AfD? Die zweitstärkste Kraft des Landes fordert ihrerseits, dass es an Schulen keinen Aufklärungsunterricht über Homosexualität, Bisexualität und Geschlechtsidentitäten mehr geben darf.

Dass Schwarz-Rot in einem solchen Kontext den Schutz queerer Menschen nicht ernst nimmt, ist ein großer Fehler. Denn die steigende Queerfeindlichkeit in der Gesellschaft spiegelt auch wider, wie auf der Berliner Bühne mit der Akzeptanz von LGBTQI-Menschen umgegangen wird. Wenn die Bundesregierung eine konservative Linie fährt und Merz in der ARD-Maischberger-Show queere Anliegen lächerlich macht, fühlen sich Hasser in ihren Handlungen bestätigt und legitimiert. Kurzer Rückblick: Unser Kanzler setzte 2020 in einer Sendung Homosexualität und Pädophilie in einen Zusammenhang. Er hat es danach zwar bedauert, doch der Schaden ist angerichtet.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Die Bundesregierung setzt weiter auf traditionelle Familienwerte: Gesundheitsministerin Nina Warken stimmte 2017 gegen die Ehe für alle. Wenn es nach der Familienministerin Karin Prien geht, dann soll der Staat Familien nicht vorschreiben, wie sie ihr Leben zu gestalten haben. Aber genau das tut der Staat: Solange Regenbogenfamilien rechtlich nicht mit heterosexuellen Partnerschaften gleichgestellt sind, sagt er, dass die „Norm“ die Mutter-Vater-Kind-Familie ist.

Wie in den Jahren zuvor werden am Wochenende wieder Zigtausende in Berlin am Pride Umzug zum Christopher Street Day (CSD) teilnehmen.

Für grundlegende Werte: Solidarität ist keine parteipolitische Frage

Er könne Donald Trumps Zwei-Geschlechter-Regelung nachvollziehen, sagte Merz Anfang des Jahres in einem TV-Duell, damals noch Kanzlerkandidat. Es ist daher nicht überraschend, dass er sich mit Menschen umgibt, die dieselben Werte vertreten: Der Innenminister Alexander Dobrindt möchte das Selbstbestimmungsgesetz erneut überprüfen. Der CSU-Politiker will außerdem ein Sonderregister für trans Menschen. Die Ministerin für Forschung, Dorothee Bär, äußerte 2023, dass allein der Name des Gesetzes eine Anmaßung sei, da er den Eindruck erwecke, dass jeder sich in allem, was er ist, selbst bestimmen könne. Sie fragte: „Warum dann nicht auch beim Alter?“

Politiker:innen pathologisieren queere Menschen und betreiben lieber Populismus auf Kosten einer Minderheit. Sich solidarisch zu zeigen, ist aber keine parteipolitische Frage. Vielmehr geht es darum, für grundlegende Werte wie Respekt, Gleichstellung und eine offene Gesellschaft einzustehen. Dem Bundeskanzler kommt eigentlich eine entscheidende Rolle zu: queerfeindliche Hasskriminalität einzudämmen. Stattdessen trägt er zu Rückschritten bei, die die Sichtbarkeit und Rechte queerer Menschen erschweren.

Rubriklistenbild: © Anna Ross/dpa

Kommentare