Interview zur Lage im Gaza-Streifen

„Über 90 Prozent hassen die Hamas“: Politologe pocht auf Schutz von Zivilisten in Rafah

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Ein Mädchen schiebt einen mit Kanistern beladenen Wagen, während es an den Trümmern eines Gebäudes vorbeigeht, das während des israelischen Bombardements in Rafah im südlichen Gazastreifen am 14. Februar 2024 zerstört wurde. (afp)
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Israels unermüdlicher Krieg gegen die Hamas brachte Zerstörung in den Gaza-Streifen. Ein ehemaliger Bewohner Gazas berichtet von seinen Erfahrungen vor Ort und über die aktuelle Lage in Rafah.

München – Bis Dezember lebte Usama Antar im Gazastreifen und leitete das dortige Büro der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Dann konnte er mithilfe der deutschen Botschaft ausreisen. Rund 20 Jahre führte er in der Enklave unter widrigsten Umständen Projekte zur Demokratieförderung durch. Der Politologe, der in Münster studierte und promovierte, ist unmittelbar von der Eskalation im Israel-Krieg betroffen. Ein Teil seiner Familie lebt im überfüllten Süden des Gazastreifens, wo Israel seine Angriffe ausweitet.

Die jüngsten Nachrichten aus der Region um Rafah klingen dramatisch. Was hören Sie von dort?
Alles deutet darauf hin, dass in den nächsten Tagen eine Invasion stattfindet. Die jüngste Befreiung von zwei Geiseln in Rafah könnte bedeuten, dass es zu weiteren ähnlichen Aktionen kommen wird. Für die Hamas-Leute kam das überraschend, sie werden nun noch wachsamer sein. Das macht diese Einsätze noch schwieriger und für die übrigen Geiseln gefährlicher. Die Chance, dass sie lebend heimkehren, ist stark gesunken.

Zivilisten in Gefahr – Keine Evakuierung aus Rafah möglich

Woraus schließen Sie das?
Dieser Krieg hat keine ethische Grundlage mehr. Deshalb muss man mit dem Schlimmsten rechnen. Leidtragende sind die Zivilisten.
Welche Möglichkeit haben die Palästinenser im Süden des Gazastreifens, sich in Sicherheit zu bringen?
Israel bemüht sich nicht um den Schutz von Zivilisten. Es erlaubt ihnen nicht, die Region Rafah wieder in Richtung Norden zu verlassen. Sie lassen auch nicht ausreichend Hilfsgüter zu.

Neue Wege für den nahen Osten: Abschied von der Zweistaatenlösung

„Das ist ein Krieg gegen Zivilisten“ – Israel muss sichere Korridore gewähren

Glaubt Israel, damit die Hamas zu treffen?
Die Hamas hat damit gar nichts zu tun. Das ist ein Krieg gegen Zivilisten und nur nebenbei gegen die Hamas – das ist die Überzeugung der Menschen dort.
Was geben Sie auf die Ankündigung Benjamin Netanjahus, Zivilisten einen „sicheren Korridor“ zu gewähren?
Die Leute sind der Aufforderung Israels gefolgt, in den Süden zu gehen. Nun müssen sie auch die Möglichkeit haben, von dort wegzugehen, zurück in ihre Häuser im Norden, in der Hoffnung, dass sie nicht komplett zerstört sind. Dann kann Israel machen, was es will. Die Leute halten nicht zur Hamas, sie verabscheuen sie. Über 90 Prozent hassen die Hamas. Es geht ihnen jetzt nur noch um ihr eigenes Leben, das Netanjahu in ihren Augen völlig egal ist.
In dem von der UNRWA Mitte Oktober verlassenen Hauptquartier der UN-Organisation hat das israelische Militär eigenen Angaben nach große Mengen von Waffen und Sprengstoff gefunden.

Ägypten will nicht den Anschein erwecken, mit Israel zu kooperieren

Glauben Sie, dass Ägypten seine Grenze noch öffnet?
Nein, nie und nimmer. Der ägyptische Präsident befürchtet, in diesem Fall daheim als Kollaborateur gesehen zu werden, der mit Israel kooperiert, um die Vertreibung der Palästinenser zu befördern.
Erfahren Sie in diesen Tagen von konkreten Schicksalen aus dem Süden?
Ich habe Verwandte dort, Schwestern, Cousinen und Cousins. Die möchten raus, haben aber nicht genug Geld, um sich die Ausreisegebühren zu leisten. 5000 Dollar pro Person, bei einer sechsköpfigen Familie sind das bis zu 30 000.

Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern 

Vor 60. Gründungstag von Israel
Die Generalversammlung der Vereinten Nationen entschied 1947 über die Teilung Palästinas in zwei Staaten, einen jüdischen und einen arabischen. Im Teilungsplan wurde auch festgelegt, dass die Briten ihr Mandat für Palästina bis August 1948 niederlegen. Großbritannien hatte nach dem Ersten Weltkrieg das Gebiet besetzt und war 1922 offiziell mit dem Mandat über Palästina beauftragt worden. Am 14. Mai 1948 wurde auf Grundlage des UN-Beschlusses der jüdische Staat gegründet. © dpa
Proklamation des Staates Israel
Nach der Unterzeichnung der Proklamationsurkunde am 14. Mai 1948 im Stadtmuseum von Tel Aviv hält eine nicht identifizierte Person das Schriftstück mit den Unterschriften in die Höhe. Links ist David Ben Gurion zu sehen, der erste Ministerpräsident Israels. © dpa
Israelischer Unabhängigkeitskrieg
Ein historisches Datum für den Staat Israel. Doch die arabischen Staaten Libanon, Syrien, Jordanien, Ägypten und Irak erkannten die Gründung nicht an und überschritten nur einen Tag später mit ihren Armeen die Grenzen. So begann der Palästina-Krieg, der im Januar 1949 mit dem Sieg Israels endete. Das Foto zeigt israelische Mitglieder der paramilitärischen Organisation Haganah im August 1948.  © AFP
Operation Yoav
Die israelische Armee konnte während des Krieges 40 Prozent des Gebiets erobern, das eigentlich laut dem ursprünglichen UN-Plan zur Teilung für die arabische Bevölkerung vorgesehen war. So wurde auch der westliche Teil von Jerusalem von Israel besetzt.  © Imago
Waffenstillstand Israel Palästina 1949
Die Vereinten Nationen vermittelten zwischen Israel und Ägypten, und so kam es zwischen den beiden Ländern am 24. Februar 1949 zu einem Waffenstillstandsvertrag. Andere arabische Kriegsgegner folgten mit Waffenstillständen bis Juli 1949. Laut Schätzungen starben bei dem Krieg, den die arabischen Länder gestartet hatten, mehr als 6000 Israelis und 6000 Araber.  © ACME Newspictures/afp
Arafat. Geschichte des Krieges in Israel
Jassir Arafat gründete 1959 die Fatah, eine Partei in den palästinensischen Autonomiegebieten. Laut ihrer Verfassung war ihr Ziel, auch mit terroristischen Mitteln die Israelis aus Palästina zu vertreiben und Jerusalem als Hauptstadt zu installieren. Ebenfalls als Ziel rief die Fatah die „Ausrottung der ökonomischen, politischen, militärischen und kulturellen Existenz des Zionismus“ aus.  © PPO/afp
Arafat
1993 erkannte die Fatah mit ihrem Vorsitzenden Jassir Arafat das Existenzrecht Israels im Osloer-Friedensprozess an, und wollte den Terror als Waffe nicht mehr nutzen. Allerdings gab es immer wieder Bombenattentate in Israel. 2011 suchte Arafat den Schulterschluss mit der Hamas. Gemeinsam planten sie, eine Übergangsregierung zu bilden, was bis heute nicht umgesetzt wurde. Innerhalb der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) ist die Fatah die stärkste Fraktion. © Aleksander Nordahl/Imago
1974 Arafat vor UN
Im Oktober 1974 erkannte die Vollversammlung der Vereinten Nationen die PLO als Befreiungsbewegung an. Daraufhin wurde Arafat als Vertreter eingeladen. Am 13. November 1974 eröffnete Arafat die Debatte in der Vollversammlung. Er beendete die Rede mit dem Satz: „Ich bin mit einem Olivenzweig in der einen und dem Gewehr des Revolutionärs in der anderen Hand hierhergekommen. Lasst nicht zu, dass der grüne Zweig aus meiner Hand fällt!“ © dpa
Kampfflugzeug im Sechs-Tage Krieg
Vom 5. Juni bis 10. Juni 1967 fand der Sechstagekrieg zwischen Israel auf der einen und Ägypten, Jordanien und Syrien auf der anderen Seite statt. Auslöser war die ägyptische Blockade der Seestraße von Tiran für die Israelis, die so abgeschnitten waren. Außerdem hatte der ägyptische Präsident den Abzug der Blauhelme erzwungen, die die nördliche Grenze Israels sicherten. Als Drohung schickte Ägypten dann 1000 Panzer und 100.000 Soldaten an die Grenzen zu Israel. Als Reaktion auf die Bedrohung flogen die Israelis einen Präventiv-Schlag. Auf dem Foto sieht man ein ägyptisches Kampfflugzeug. Während des Krieges konnte Israel die Kontrolle über den Gazastreifen, die Sinai-Halbinsel, die Golanhöhen, das Westjordanland und Ostjerusalem erlangen. Weil Israel seine Angreifer besiegen konnte, machte der Staat am 19. Juni 1967, neun Tage nach seinem Sieg, Ägypten und Syrien ein Friedensangebot. Darin enthalten die Aufforderung, Israel als Staat anzuerkennen. © AP/dpa
Arabisch-israelischer Krieg
Am 6. Oktober 1973, dem höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, startete eine arabische Militärkoalition unter Führung Ägyptens und Syriens einen Überraschungsangriff, gleichzeitig auf die Sinai-Halbinsel und die Golanhöhen. Nach anfänglichem Erfolg der arabischen Kriegsparteien gelang es Israel, sich zu behaupten. Erst mit dem Friedensvertrag sechs Jahre später am 26. März 1979, normalisierten sich die Beziehungen zwischen Ägypten und Israel. Ägypten war der erste arabische Staat, der das Existenzrecht Israels anerkannte. © afp
Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten, Jimmy Carter schüttelt dem ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat die Hand.
Das Friedensabkommen vom 26. März. 1979 war ein wichtiger Meilenstein. US-Präsident Jimmy Carter gratulierte damals dem ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat und dem israelischen Premierminister Menachem Begin vor dem Weißen Haus. Nach den Camp-David-Verhandlungen unterzeichneten sie den Friedensvertrag zwischen den beiden Ländern dort. © Consolidated News Pictures/afp
Beschuss im Libanonkrieg
1982 begann mit dem Libanonkrieg der erste große israelisch-arabische Konflikt, der von Israel gestartet wurde. Die Kriegsparteien waren die israelische Armee und verbündete Milizen auf der einen, die PLO und Syrien auf der anderen Seite. Israel besetzte im Rahmen des Krieges zwischen 1982 und 1985 den Süden Libanons. Später richtete Israel daraufhin dort eine „Sicherheitszone“ ein, die aber Angriffe der Hisbollah aus dem Libanon auf nordisraelische Städte nicht verhindern konnte. Am 25. Mai 2000 zog die israelische Armee aus dem Südlibanon ab.  © Dominique Faget/afp
Soldaten und Kinder bei der Intifada 1987
Am 8. Dezember 1987 brach im Westjordanland und im Gazastreifen ein gewaltsamer Aufstand der Palästinenser gegen die israelische Besatzung aus. Diesen Aufstand nennt man Intifada. Auf dem Foto ist zu sehen, wie israelische Soldaten Kinder anweisen, das Gebiet zu verlassen, als Hunderte von Demonstranten Steine und Flaschen schleudern.  © Esaias Baitel/afp
Hamas-Kundgebung im Gaza-Streifen
Die PLO (Palästinensische Befreiungsorganisation), die ihre Zentrale in Tunis hatte, wollte einen eigenen palästinensischen Staat ausrufen, hatte aber keine Kontrolle über die entsprechenden Gebiete. Im Zuge dessen kam es zu einem Gewaltausbruch, der erst 1991 abnahm. 1993 wurde schließlich mit dem Osloer Abkommen die erste Intifada beendet. © Ali Ali/dpa
Der PLO-Führer Yasser Arafat und der israelischen Premierminister Yitzahk Rabin schütteln sich 1993 die Hände.
Nach Jahrzehnten von Gewalt und Konflikten unterschrieben am 13. September 1993 Israels Außenminister Shimon Peres und Mahmoud Abbas, Verhandlungsführer der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), unter Aufsicht der russischen und amerikanischen Außenminister die „Osloer Verträge“. Das Foto des Händedrucks zwischen Palästinenservertreter Jassir Arafat und dem israelischen Ministerpräsident Yitzhak Rabin und US-Präsident Bill Clinton wurde weltberühmt. © J. David Ake/afp
Yasir Arafat, Shimon Peres und Yitzhak Rabin erhalten den Friedensnobelpreis
Nach der Unterzeichnung der Osloer Verträge bekamen Jassir Arafat, Schimon Peres und Yitzhak Rabin den Friedensnobelpreis für 1994. Hier die Preisträger zusammen mit ihrer Medaille und ihrem Diplom im Osloer Rathaus. Die Friedensverträge wurden damals als wichtiger Startpunkt für Frieden in der Region gesehen. © Aleksander Nordahl/Imago
Bill Clinton, König Hussein und Rabin bei der Friedenssitzung
1994 folgten Friedensverhandlungen zwischen Jordanien und Israel 1994 im Weißen Haus. Auf dem Foto ist zu sehen, wie der jordanische König Hussein und der israelische Premierminister Yitzahk Rabin bei der Friedenssitzung sich die Hände schütteln. © Imago/ ZUMA Press
Sarg von Yitzhak Rabin, Geschichte des Kriegs in Israel
Mit der Hoffnung auf Frieden in der Region wurde der Hass von israelischen Extremisten größer. Diese wollten Abkommen mit den arabischen Staaten und der PLO nicht akzeptieren. So wurde Yitzhak Rabin zur Zielscheibe und wurde 1995 im Anschluss an eine große Friedenskundgebung in Tel Aviv von einem rechtsextremen Juden ermordet. Das Foto zeigt den Sarg des Premierministers in Jerusalem bei seiner Beerdigung.  © Jim Hollander/dpa
Junge schießt mit Katapult bei der zweiten Intifada, Geschichte des Krieges in Israel
Obwohl es in den 1990er Jahren mit den Osloer Verträgen große Hoffnung auf Frieden gab, hatte sich die Situation nach der Ermordung von Yitzhak Rabin massiv aufgeheizt. 2000 kam es zur zweiten Intifada, dem gewaltvollen Aufstand der Palästinenser mit Straßenschlachten. Die zweite Intifada dauerte bis 2005. © Imago/UPI Photo
Israelische Soldaten 2006, Geschichte des Krieges in Israel
2006 kam es wieder zwischen Israel und dem Libanon zum Krieg. Die Auseinandersetzung wird auch 33-Tage-Krieg oder zweiter Libanon-Krieg genannt, weil sie nach gut einem Monat am 14. August 2006 mit einem Waffenstillstand endete. Das Foto zeigt einen israelischen Soldaten im Libanon-Krieg im Jahr 2006. Eine israelische Artillerieeinheit hatte soeben an der libanesisch-israelischen Grenze in den Libanon gefeuert. Fast 10.000 israelische Soldaten kämpften in der Nähe von etwa einem Dutzend Dörfern im Südlibanon gegen Hisbollah-Kämpfer.  © Menahem Kahana/afp
Israelisches Militär feuert auf Ziele im Libanon
Auslöser des Libanon-Kriegs waren anhaltende Konflikte zwischen der Terrororganisation Hisbollah und der israelischen Armee. Um die Angriffe zu stoppen, bombardierte die israelische Luftwaffe die Miliz aus der Luft und verhängte eine Seeblockade. Die Hisbollah antwortete mit Raketenbeschuss auf den Norden Israels. Später schickte Israel auch Bodentruppen in den Süden von Libanon.  © Atef Safadi/dpa
Angriff im Süden von Beirut
Die libanesische Regierung verurteilte die Angriffe der Hisbollah und forderte internationale Friedenstruppen, um den Konflikt zu beenden. Am 14. August 2006 stimmten schließlich nach einer UN-Resolution die Konfliktparteien einem Waffenstillstand zu. Sowohl die Hisbollah als auch Israel sahen sich als Sieger.  © Wael Hamzeh/dpa
Krieg in Israel
2014 startete die israelische Armee (IDF) mit der Operation Protective Edge am 8. Juli eine Militäroperation, weil die Hamas aus dem Gazastreifen immer wieder Israel beschoss. Ab dem 26. Juli 2014 folgte eine unbefristete Waffenruhe, die kanpp neun jahre währte.  © Abir Sultan/dpa
Jahrestag der Angriffe auf Israel am 7. Oktober
Am 7. Oktober 2023 startete die Hamas einen Überraschungsangriff auf Israel mit Raketenbeschuss und Bodeninfiltrationen aus dem Gazastreifen, was zu schweren Verlusten und der Entführung zahlreicher Geiseln führte. Hier ist eine Gesamtansicht der zerstörten Polizeistation in Sderot nach den Angriffen der Hamas-Terroristen zu sehen.  © Ilia Yefimovich/dpa
Jahrestag der Angriffe auf Israel am 7. Oktober
Bei dem Überfall der Hamas und anderer extremistischer Gruppierungen auf Israel wurden rund 1200 Menschen getötet und mehr als 250 Israelis als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Seitdem wurden laut der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde im Gazastreifen Zehntausende Menschen getötet, darunter auch viele Frauen und Minderjährige. © Ilia Yefimovich/dpa
Was bekommen die Menschen an Hilfsgütern?
Sehr, sehr wenig, vielleicht zehn Prozent des Bedarfs. Teile dieser Hilfsgüter werden mittlerweile auch gestohlen und dann zum zehnfachen Preis weiterverkauft.

Hamas gut vorbereitet: „Nur die einfachen Menschen“, müssen leiden

Wer steckt dahinter?
Irgendwelche Diebe, die die Lastwagen überfallen, sobald sie die Grenze überquert haben. Die Verteilung der Güter ist sehr schwierig geworden.
Die UN-Hilfsorganisation UNRWA kann dieser Aufgabe nach den schweren Vorwürfen nicht mehr nachkommen. Ist der Vorwurf berechtigt, ein Teil der Güter lande direkt bei der Hamas?
Nein, das ist Quatsch. Die Hamas hat ihre eigenen Vorräte, sie haben sie schon vor Monaten organisiert. Sie haben ihre eigene Energieversorgung. Alles ist gut vorbereitet, nur die einfachen Menschen haben nichts davon.
Mehr als eine Million Binnenflüchtlinge halten sich in Rafah auf.
Wie präsent ist die Hamas?
Sie lässt sich nicht blicken. Man sieht keine Hamas-Kämpfer auf den Straßen, niemals. Die Menschen haben deshalb das Gefühl, dass sie das Ziel der israelischen Angriffe sind, nicht die Hamas.

Militärischer Sieg gegen die Hamas unrealistisch: Politische Lösung muss her

Wo sind die Hamas-Kämpfer dann?
In den Tunneln, schon seit Beginn des Krieges. Wenn die israelischen Panzer vorrücken, verschwinden sie darin.
Der Zorn in der Zivilbevölkerung muss doch riesengroß sein.
Die Menschen im Gazastreifen machen die Hamas für dieses ganze Desaster verantwortlich. Die Israelis töten Palästinenser, sie sind der Feind, trotzdem geben die Menschen der Hamas die Schuld.
Ist eine Zukunft im Gazastreifen ohne die Hamas realistisch?
Ein Leben ohne die Hamas als Machtfaktor, nicht in der Regierung, das ist wohl realistisch. Allerdings ist es total unrealistisch, sie militärisch zu besiegen. Die Hamas ist nicht nur eine politische und militärische, sondern auch eine soziale und religiöse Bewegung, und sie ist nicht nur in Gaza. Sondern auch in der Westbank und im Ausland. Die Pro-Hamas-Leute im Ausland unterstützen sie viel mehr als im Inland. Man kann die Hamas deshalb zwar schwächen. Aber innerhalb einiger Jahre kann sie sich wieder bilden. Man muss deshalb eine politische Lösung suchen.

Gemeinsames Schicksal Israels und Palästina: Vertrauen statt Blutvergießen

Wie könnte die aussehen?
Es ist unser Schicksal, dass wir miteinander leben, Israelis und Palästinenser. Deshalb sollten an die Stelle von täglichem Blutvergießen sofort vertrauensbildende Maßnahmen treten. Gegenseitige Abhängigkeiten, wirtschaftliche Verbindungen, es gibt sehr viele Sachen, die man machen kann, um miteinander zu leben.
Halten Sie so ein Szenario, womöglich eine Zweistaatenlösung, für realistisch?
Die einzige Alternative dazu wäre eine weitere Fortsetzung der Konflikte.

Interview: Marc Beyer

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