VonStefan Schollschließen
In Dagestan kommt es nach Anschlägen auf Gotteshäuser mit vielen Toten umgehend zu einer Festnahme.
Es herrscht kein Zweifel über die Helden des Tages. In den sozialen Netzwerken der Ostkaukasusrepublik Dagestan häuften sich am Montag Videos mit roten Nelken vor Fotos der 15 gefallenen Ordnungshüter. Ärztinnen erzählten, wie verwundete Polizisten sich nicht behandeln lassen, sondern in den Kampf zurückkehren wollten. Verwundete Polizisten selbst erklärten aus dem Krankenbett, sie hätten keine Zeit gehabt, Angst zu haben.
Am Sonntagabend attackierten Terroristen in Machatschkala, der Hauptstadt Dagestans, eine Kirche und eine Polizeiwache. In Derbent, der ältesten Großstadt Russlands, stürmten sie eine andere Kirche und eine Synagoge. Dabei drangen sie zum russischen Pfingsten auch in das Haus des christlich-orthodoxen Geistlichen Nikolaj Kotelnikow ein, erschossen ihn, zündeten danach die Kirche und eine Synagoge an. Sie verbarrikadierten sich in Wohnhäusern und lieferten den Sicherheitskräften stundenlange Feuergefechte.
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Insgesamt kamen nach bisherigen amtlichen Angaben 17 Polizisten und mindestens drei Zivilpersonen um, sechs Terroristen wurden ebenfalls getötet. Es gab 44 Verletzte.
Auch Sündenböcke wurden schon gefunden. Unter den getöteten Islamisten waren nach Angaben von Interfax auch zwei Söhne und ein Neffe des Lokalpolitikers Magomed Omarow, Oberhaupt des Gebirgsbezirks Sergokalinsk und Mitglied der Kremlpartei „Einiges Russland“. Der wurde nach Angaben des Portals RBK prompt festgenommen und aus der Partei ausgeschlossen. Laut dem Telegramkanal Baza hat er schon zugegeben, dass er vom Islamismus seiner Söhne wusste. Aber er habe keinen Kontakt mehr zu ihnen.
Unter den toten Islamisten befand sich außerdem Ali Sakarigajew, Mitglied der kremltreuen Partei „Gerechtes Russland“, und nach Angaben des Telegramkanals Mash der Kampfsportler Gadschimurad Kagirow, der für den angesehenen Club Eagles MMA auftritt. Der Propagandasender RT verdächtigt ihn als Koordinator der Terrorbande. Laut dem Portal Agenstwo aber gehörte ein Pkw, den die Terroristen benutzten, einem langjährigen Extremistenfahnder der Polizei.
Dagestan: Duma-Abgeordnete gibt Ukraine und NATO die Schuld
Der dagestanische Duma-Abgeordnete Abdulchakim Gadschijew schob die Schuld spontan auf „Geheimdienste der Ukraine und der NATO-Staaten“.
Die hatte der Kreml schon im März für das Blutbad in der Moskauer Konzerthalle Krokus-City verantwortlich gemacht. Aber wie damals feierte auch jetzt ein dem „Islamischen Staat“ nahestehendes Portal die „Brüder im Kaukasus“ für ihre Bluttaten.
Vergangenen Oktober hatte es wegen der israelischen Angriffe im Gazastreifen antisemitische Proteste in Dagestan gegeben. Im Februar 2018 waren bei einem Angriff auf eine Kirche in Kisljar vier Menschen getötet worden.
Auch diesmal nahmen die Terroristen Christen, Juden und Polizisten unter Feuer. „Von westlichen Geheimdiensten angeheuerte Killer hätten versucht, möglichst viele Passanten zu töten“, sagt ein anonymer Journalist in Machatschkala. „In Dagestan ist so was kaum denkbar, weil die Familien der Täter Blutrache von allen Verwandten der Opfer fürchten müssten.“ Aber offenbar mutiere der Islamismus. Früher hätten Männer aus armen Bergdörfern Polizisten attackiert. Jetzt kämen die Täter aus dem dagestanischen Establishment und hätten es vor allem auf Andersgläubige abgesehen.
„In Dagestan wächst der Glaube an den Islam, aber nicht die religiöse Bildung der Gläubigen“, sagt die Soziologin Saida Siraschudinowa dem Portal TV-Doschd. Außerdem fehle es an realer Kooperation zwischen muslimischer, christlicher und jüdischer Geistlichkeit. Wladimir Putins Parolen über Harmonie und Einheit der Völker und Konfessionen Russlands wirken fadenscheinig.
Ein Telegramkanal publizierte am Sonntag ein Video, das zeigt, wie Polizisten zwei Männer am Badestrand von Machatschkala überwältigen, während Eltern ihre Kinder in Sicherheit bringen. Selbst wenn die Täter nicht auf ein Blutbad aus waren - die Republik am Kaspischen Meer dürfte nun als Touristenziel an Popularität verlieren.
